Christian Baron - Die drei Schwestern
Shownotes
Arbeitswelt, das ist immer auf Kultur aus und über die Arbeitswelt. Wer passt also besser in diesen Podcast wie Christian Baron, der diese Woche im Gewerkschaftshaus in Stuttgart den dritten und letzten Teil seiner Familiensaga vorgestellt hat. Zwischen Aufstiegswünschen und Armut sowie Kultur und Klassenkampf bewegt sich das Porträt der drei Schwestern, dass seine realen Pendants sowohl ernsthaft rekonstruieren will, als es sich gleichzeitig auch die künstlerische Freiheit nimmt, die Protagonistinnen Dinge erleben zu lassen, welche ihren Vorbildern so nicht vergönnt waren. Danke an Ver.di für die Organisation der Veranstaltung
Transkript anzeigen
00:00:00: Hallo und herzlich willkommen zum Arbeitswelt Podcast, eurem Podcast wenn es um die Arbeitswelt geht.
00:00:06: Um die Gewerkschaft und alles außen rum!
00:00:09: Und heute freue ich mich sehr dass wir einen großen Namen den Podcast bekommen haben und zwar war auf Einladung von Verdi der Christian Baron in Stuttgart und hat aus seinem relativ neuen Buch drei Schwestern dem Abschluss der Theologie vorgelesen Ihr kennt auf jeden Fall sein erstes Buch, Mann seiner Klasse.
00:00:34: Und er wird auch im Laufe des dokumentierten Gesprächs mit der Kollegin Sylvia wird ja auch erzählen das er schon oft in Stuttgart war und zwar nur in einer Stadt war häufiger in Kaiserslautern.
00:00:47: aber dass ist nicht der Trivia den ich heute für euch mitgebracht habe sondern es gibt's heute kein viel mehr.
00:00:54: gibt es den Hinweis dass noch mehr große Namen anstehen im Gewerkschaftshaus Nächsten Mittwoch, wenn die Folge ausgestrahlt wird.
00:01:01: in sechs Tagen ist es soweit.
00:01:04: Ohne Nyman und Jean-Philipp Kindler sind im Gewerkschaftshaus in Stuttgart uns weiter dem Thema der Tag an Friedrich Merz mir meine Lebenszeit geklaut hat eine große Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung Deine Zeit.
00:01:19: Und im Rahmen dieser Ausstellung haben wir eben auch Kabarettisten, Wissenschaftler da Komiker, die etwas zum Thema beitragen.
00:01:30: Wer an diesem Abend nicht fehlen will am Mittwoch den Achtundzwanzigsten um neunzehn Uhr im Gewerkschaftshaus der soll sich bitte über unsere Homepage bei Kommasses anmelden ohne Anmeldung kein Einlass.
00:01:49: allerdings wer sich anmeldet muss nichts bezahlen dafür.
00:01:52: also meldet euch doch an.
00:01:53: das macht uns die Koordination der Veranstaltung einfacher und ihr könnt sicher reinkommen.
00:01:57: Und damit gehen wir jetzt ins Intro.
00:01:59: und was folgt ist Christian Baron mit seiner, wie ich finde sehr berührenden und sehr schönen Lesung, die ich mit sehr viel Genuss besucht habe.
00:02:11: An der Stelle noch mal Christian vielen Dank, dass du da warst.
00:02:30: heute mal,
00:02:31: weil ich die Zeit hatte
00:02:33: durchgegangen wo ich denn jetzt in den letzten fünf sechs Jahren seit ich Lesungen mache
00:02:37: so überall war
00:02:37: und ich bin sehr gut rum gekommen.
00:02:40: aber außer kaiserslautern
00:02:42: diese ganzen Bücher spielen war ich am häufigsten in Stuttgart.
00:02:46: also das ist
00:02:46: ganz deutlich auf Platz
00:02:48: zwei.
00:02:49: Ich erkläre es mir vor allem damit dass
00:02:52: vier
00:02:53: Gewerkschafterinnen und Gewerksamter sind, die mich sehr gerne einladen.
00:02:57: Ich bin auch schon bei der Rosa-Lüchseburg-Stiftung in anderen gewesen, aber hier im Haus bin ich sogar schon zum
00:03:02: dritten
00:03:02: Mal.
00:03:05: Bislang war ich mit jedem meiner Bücher dann hier und das ist schon
00:03:08: eine sehr
00:03:08: schöne
00:03:09: Sache.
00:03:09: Wir haben heute bereits,
00:03:11: darf ich das schon
00:03:11: sagen vereinbart?
00:03:13: Da es ja eine Fanfreundschaft zwischen dem VfB Stuttgart und dem ersten FCK Saas Lautern gibt dass das für mich gar nicht so eine große Gefahr ist wenn ich mein Buch über den ersten Fck auch noch herkomme.
00:03:24: als nächstes
00:03:26: Und da sage ich natürlich nicht nein, wir können dann gemeinsam über den KSC sprechen.
00:03:33: Das wird bestimmt auch lustig!
00:03:35: Er kommt in dem Buch nämlich häufiger vor.
00:03:37: In diesem
00:03:38: hier kommt der KSC aber nicht vor
00:03:40: denn es soll ja wirklich ein schönes Buch sein.
00:03:45: Es geht wie gesagt
00:03:46: um die drei
00:03:48: wesentlichen Frauen meiner Kindheit und Jugend
00:03:51: nämlich
00:03:52: meine Mutter und deren beiden Schwestern.
00:03:56: Wer ein Mann seiner Klasse nicht kennt oder
00:03:59: den
00:03:59: zugehörigen Spielfilm der Verfilmung nicht gesehen haben sollte, sage ich vielleicht kurz nochmal.
00:04:04: Dass sehr drei
00:04:06: unterschiedliche Menschen sind und
00:04:08: es für mich bei der
00:04:10: Literarisierung
00:04:12: dementsprechend auch schwierig war
00:04:14: ja erst einmal
00:04:16: immer die Rolle
00:04:17: aus Sicht des Christians zu
00:04:19: sehen.
00:04:19: Also, wie sind diese Menschen?
00:04:21: Sie sind in erster Linie im Blick dieses kleinen Christian tauchen die auf und da sind sie erst mal Autorität
00:04:27: oder Respektspersonen
00:04:28: oder Menschen an denen man sich eine Pubertät abarbeitet.
00:04:31: und mit drei Schwestern konnte ich jetzt eine andere Perspektive einnehmen.
00:04:34: Jetzt bild das Ganze nämlich in einer Zeit Anfang der achtziger Jahre als an mich noch lange nicht zu denken war und als auch meine Eltern zum Beispiel noch kein
00:04:44: wirklich richtig gefestigtes Paar gewesen
00:04:47: sind.
00:04:48: Und so ist es für mich wahnsinnig
00:04:49: interessant, einfach
00:04:50: jetzt
00:04:50: diese Perspektive
00:04:51: einzunehmen und zu sehen...
00:04:54: Ja man stellt sich ja immer die Frage wenn man Geschichte oder auch Familiengeschichte vom ihrem Endpunkt
00:05:00: aussieht.
00:05:01: hätte es notwendigerweise so kommen müssen?
00:05:03: Oder nicht?
00:05:04: meistens kommen wir zu der Antwort Nein das hätte auch anders sein
00:05:08: können
00:05:09: was der grundsätzlichen sehr, sehr positiver Impuls ist.
00:05:12: Dass man sich damit beschäftigt und merkt, es hätte wirklich auch ganz anders
00:05:15: besser,
00:05:16: schlechter aber auch
00:05:17: viel besser kommen können.
00:05:19: Und als mein
00:05:19: Verleger
00:05:21: die erste Fassung dieses
00:05:22: Buches
00:05:22: gelesen
00:05:23: hat, da hat er zu mir
00:05:24: als erstes gesagt... Boah diese Julie!
00:05:30: Die ist doch
00:05:30: eigentlich das Kraftzentrum
00:05:32: dieser ganzen Trilogie.
00:05:34: Die kommt nämlich in allen drei Büchern vor auf sehr unterschiedliche Art und Weise.
00:05:37: Im
00:05:37: ersten
00:05:37: Buch
00:05:38: ist sie eben die
00:05:39: Tante des kleinen Christian,
00:05:40: die
00:05:41: mit neunundzwanzig Jahren
00:05:42: als die Schwester stirbt,
00:05:45: die vier Kinder der Schwester
00:05:46: aufnimmt also nur nicht mehr dreißig.
00:05:48: und sie war nicht nur noch nicht mehr Dreißig sondern sie war damals auch schwanger hochschwanger mit ihrem eigenen Kind.
00:05:55: Sie hat also ein Kind geboren und fünf gehabt
00:05:57: und hat es durchgezogen.
00:05:58: Und ich, den ich
00:05:59: jetzt hier
00:06:00: vor Ihnen
00:06:00: ansitze
00:06:02: Drei Romane geschrieben hat und sagen kann, ach toll jetzt trete ich auf.
00:06:06: Und Leute hören mir zu ist ganz wesentlich auf diese
00:06:09: Frau zurückzuführen.
00:06:10: Auf das was sie mir gegeben hat.
00:06:13: Was sie mir vor allem mitgegeben hat für mein ganzes Leben.
00:06:16: Deswegen ist es mir auch ein besonders großes Anliegen ihr gewissermaßen auch den anderen beiden aber ihr auch ein literarisches Deckmal zu setzen.
00:06:23: Das war ganz klar meinen Anliegenden und deswegen fand ich so toll dass man Verleger als
00:06:27: allererstes
00:06:28: nicht sagt,
00:06:29: Ach die Vaterfigur
00:06:32: Vielleicht ein bisschen so oder ... Ach ja, die Mutter ist so.
00:06:35: Nein!
00:06:36: Eine scheinbare
00:06:37: Nebenfigur,
00:06:38: die gar nicht
00:06:39: so oft
00:06:39: vorkommt wie andere
00:06:41: sagt er aber diese Juli.
00:06:45: Und sie ist ganz wesentlich geprägt das es wichtig
00:06:48: zu wissen
00:06:49: von ihrer eigenen Großmutter und also meiner Urgroßmütter.
00:06:52: Meine Urgroßenmütte
00:06:54: war born
00:06:57: in der Weimarer Republik
00:06:59: politisiert und sozialisiert
00:07:01: worden.
00:07:01: Sie hat so was wie Arbeiterbildungsvereine erlebt, und war ein ganz anderer Typus Frau als ich ihn sonst so in meiner Familie kannte.
00:07:09: Meine Urgroßmutter ist fast hundert Jahre alt geworden, das heißt, ich hab sie noch kennengelernt Und erst später erfahren da war sich schon tot.
00:07:17: Ja die Uraoma,
00:07:19: die war kommunisch
00:07:19: stehen
00:07:21: So und erst nach und nach
00:07:23: hat es sich mir ihr selbstbewusst
00:07:25: sein dass
00:07:25: sie
00:07:26: ganz stark hatte
00:07:28: Die Tatsache, dass die Dinge für andere in meiner Familie selbstverständlich waren nicht für selbstverständliche.
00:07:33: Das hat mich
00:07:34: nachhinein erschlossen,
00:07:35: dass sie
00:07:36: gesagt hat,
00:07:37: wieso muss
00:07:37: man denn als
00:07:38: Frau automatisch
00:07:39: früh von der Schule
00:07:40: abgehen
00:07:41: und sich um das Haushalt kümmern?
00:07:42: Nee, wie so welle!
00:07:43: Es muss nicht so sein, das hat sie immer ganz klar gesagt.
00:07:47: aber es gab diesen Generationenbruch.
00:07:50: also Sie ist
00:07:50: erwachsene
00:07:51: Frau gewesen, als die Nazis an die Macht kamen.
00:07:54: Sie ist Kommunistin geblieben,
00:07:55: sie war aber nicht in der Partei gewesen.
00:07:58: Das, was sie gerettet hat.
00:07:59: Denn mein Ur-Großvater
00:08:01: ist in
00:08:01: der Partei geblieben und hat dafür mit seinem Leben bezahlt.
00:08:06: Und sie hat keine Witwenrente bekommen
00:08:08: also hat diese Zeit sehr
00:08:09: schwer überstanden.
00:08:11: dann kam ja meinen Großvater.
00:08:16: ihr Sohn
00:08:16: ist zur Welt gekommen kurz bevor die Nazis an die Macht kamen.
00:08:19: Der war ein Teenager
00:08:20: als
00:08:22: der sogenannte Volkssturm ausgerufen wurde.
00:08:24: er musste noch mal an die Front In ihrem ganzen Selbstverständnis in diesen
00:08:29: zwölf Jahren ja
00:08:30: auch
00:08:31: so einen fundamentalen Bruch
00:08:33: erlebt wie die gesamte Arbeiterklasse.
00:08:35: Und
00:08:35: deswegen ist sie als Figur
00:08:37: ursprünglich,
00:08:38: hatte ich sie bei Schönnessy Nacht diese Urgroßmutter
00:08:40: nur so als
00:08:41: ganz kurze Cameo-Auftrittsperson
00:08:44: ausgedacht.
00:08:44: und dann wurde diese Figur immer größer weil ich gemerkt habe
00:08:47: welchen
00:08:48: Einfluss sie eigentlich zum Beispiel
00:08:50: auf
00:08:51: meine Tante
00:08:52: Juli hatte.
00:08:53: Warum ist diese
00:08:54: Tante Julie
00:08:54: besonders forsch?
00:08:56: Ja klar, nehme ich die Kinder auch auf.
00:08:58: Sonst landen sie in irgendwelchen Kinderheimen und das kann man ja nicht
00:09:01: machen.".
00:09:01: Und klar kann der Christian Abitur mache wenn er das will dann
00:09:04: krieg mir das schon
00:09:04: irgendwie hin.
00:09:06: Das war ihre
00:09:07: Initiative
00:09:07: ihr Ding!
00:09:10: Das sage ich jetzt vielleicht
00:09:11: noch
00:09:11: weil es
00:09:12: halt so schön ist.
00:09:12: gestern Abend hatte am Start Theater in Mainz
00:09:16: eine weitere Adaption Theater-Adaption
00:09:18: von einem Mann seiner Klasse
00:09:19: Premiere
00:09:21: Meine echte Tante
00:09:22: Juli die
00:09:22: in Wirklichkeit anders heißt.
00:09:23: Die war
00:09:24: auch dabei.
00:09:27: Als ich danach mit der Regisseurin und dem gesamten allen Beteiligten gesprochen habe, kamen
00:09:33: die zu mir.
00:09:34: Ich fragte mich wie
00:09:35: ich es fand.
00:09:36: Die wussten,
00:09:36: dass meine echte Tante Juli da ist.
00:09:38: Und hier haben alle gesagt, kann ich sie jetzt fragen?
00:09:41: Sie hatten alle irgendwie Angst
00:09:42: davor, sie zu
00:09:43: fragen, wie sie es jetzt fand.
00:09:45: Dann hab
00:09:45: ich ihnen gesagt,
00:09:46: ich kann nicht beruhigen!
00:09:47: Sie ist mir Tränen überströmt erst mal um den Hals gefallen.
00:09:50: Geht einfach mal hin...
00:09:52: diesen Grundrespekt
00:09:53: erst mal davor hatten.
00:09:54: Das zeigt das Oma Hulda, so wie sie in meinem Buch
00:09:57: heißt, die Urgroßmutter,
00:09:58: die Kommunistische ... Die hat offenbar meiner Tante auch einen gewissen Habitus
00:10:05: im Übertragen
00:10:06: der
00:10:06: sofort
00:10:06: sichtbar
00:10:07: ist für Menschen, die sich eigentlich im Bildungsbürgertum aufhalten.
00:10:11: Meine Tante ist
00:10:12: ein klassischer
00:10:12: Proletarierin.
00:10:14: Die hat eine Schwellenangst vor dem Theater.
00:10:16: Aber sie
00:10:17: geht zu dieser Premiere und die Regisseur kommt zu mir.
00:10:20: Kann ich Sie fragen?
00:10:21: Ich
00:10:22: habe
00:10:22: jetzt Angst vor Ihrem
00:10:23: Urteil.
00:10:24: Das finde ich wahnsinnig toll!
00:10:25: Also das sagt ganz viel aus,
00:10:27: auch über
00:10:27: das was ich eben mit der ersten Stelle vortragen möchte.
00:10:30: Wir sind wie
00:10:31: gesagt Anfang der achziger Jahre
00:10:33: die Juli, die später Tante Juli wird.
00:10:36: Die ist zu
00:10:36: diesem Zeitpunkt eben ein Teenager
00:10:39: und die Oma
00:10:39: Hulda
00:10:40: ist,
00:10:40: man ist richtig recht eine Ende-Siebzig
00:10:44: Und die beiden befinden
00:10:45: sich am Wochenende vom Fernseher und schauen sich Western an Und zwar die Sendung heißt Western von Gestern, die damals tatsächlich im
00:10:53: Fernsehen lief.
00:10:57: Keuchend drehte
00:10:57: Hulda den Fernseher stumm schlappte hinüber zum Ess-Tisch und zog mit einer Hand den Kortsamtsstuhl mit dem Sitzbezug in Müllabfuhrorange hinter sich her.
00:11:06: Sie setzte sich drauf, stieß
00:11:07: einen Seufzer aus und fing
00:11:08: gleich so an wie Juli
00:11:10: es erwartet
00:11:10: hatte.
00:11:11: Wie läuft's denn in der Schule?
00:11:13: Ist das eine Frage die nur Oma ne Enkelin stellen
00:11:16: sollt?
00:11:17: Juli, wenn du wie eine Erwachsene behandelt werden willst, dann musst du mir nicht unterwürfig kommen.
00:11:22: Aber von oben
00:11:22: herab
00:11:23: ist es genau so kinnig!
00:11:25: Was treibst du denn die ganze Zeit?
00:11:27: Du weißt doch gar nicht worauf
00:11:28: ich
00:11:28: hinaus
00:11:28: will?!
00:11:29: Doch Oma das weiß ich ganz genau!
00:11:32: Hast du eigentlich gewusst dass sogar der Einstein mal sitzen geblieben ist?
00:11:35: Soweit ich weiß ist er
00:11:36: frei erfunden.
00:11:38: Das steht jetzt Aussage
00:11:39: gegen Aussage.
00:11:39: Jedenfalls ist verbürgt, dass Einstein
00:11:41: in Matemann ne Fünf
00:11:42: auf den Zeugnis hatte... ...was du nicht sagst.
00:11:46: Triumphierend
00:11:46: grinste die alte.
00:11:48: Juli empfand beinah mitleid.
00:11:50: Oma,
00:11:51: der Einstein
00:11:51: war in der Schweiz auf
00:11:52: der Schul und dort haben sie den Notenskala umgedreht.
00:11:55: Warum auch immer diese Trottel?
00:11:57: Was bei uns ne
00:11:58: Eins ist es dort ne Sechs
00:11:59: was bei uns
00:11:59: nur zwei ist es
00:12:00: da ne Fünf.
00:12:01: Einstein
00:12:02: hatte also ziemlich sicher
00:12:03: fast
00:12:03: immer eine
00:12:03: sechs in Mathe.
00:12:05: Was ich übrigens
00:12:05: noch nie hatte.
00:12:06: aber da reden wir wieder
00:12:07: keiner drüber!
00:12:09: Die Leute neigten
00:12:09: dazu, Juli zu unterschätzen.
00:12:11: Sie sah jünger aus
00:12:12: als sie war.
00:12:13: Das hängen wir der Körpergröße zusammen und mit ihrer Akne leider auch.
00:12:17: Tut mir leid, Oma!
00:12:18: Ich wollte dich nicht
00:12:19: ärgern.
00:12:20: Na
00:12:20: ja, begann Juli schnaufend.
00:12:23: Ich habe gehört,
00:12:23: dass deine Lehre net mal mehr so zufrieden sind wie deinen Zensuren.
00:12:27: Ah, hast du gehört?
00:12:28: Ja, ich habe nicht gehört.
00:12:30: Man hört ja so viel aber glauben tust ihr nicht alles
00:12:32: oder?
00:12:33: Gerade so du als lesender Arbeiterin.
00:12:36: Macht die Schnitt lustig, junge Dame.
00:12:38: Sag mir lieber, wie du das wahrnimmst, was dein Lehrer da über dich
00:12:40: schwitzen.
00:12:42: Haben die dem Vater wieder ein Giftzettel
00:12:43: geschickt oder was?
00:12:45: Juli griff hinter sich in ihre Jackentasche, zog einen Streichholz-Schächtelchen und eine ockerfarbene Packung hervor und nahm sich ne Zigarette raus.
00:12:53: Wack
00:12:53: es nicht!
00:12:55: Was stürzen
00:12:56: dich
00:12:56: wenn ich mir ne Lülle
00:12:57: anzünd'?!
00:12:58: Dein
00:12:58: Sohn qualmt ihr permanent
00:12:59: die Höhle voll!
00:13:00: Mein Sohn
00:13:01: ist kein Kind mehr...
00:13:02: Ich auch net!
00:13:04: Warum merk
00:13:04: ich ihn davor,
00:13:04: Dicks!?
00:13:06: Juli legte die Streichhölzer fort, schob
00:13:08: die Kippe in den Mund
00:13:08: und nahm einen trockenen
00:13:09: Zug.
00:13:10: Sie betrachtete die Schachtel, die
00:13:12: unter dem Schriftzug Cammel
00:13:13: Filters
00:13:14: ein Dromeda
00:13:14: in einer Wüste
00:13:15: zeigte.
00:13:16: Sag mal Oma!
00:13:17: Warst du überhaupt
00:13:18: schonmal in der Schillerschule?
00:13:19: Da gibt es lauter schwülstige
00:13:20: Lehrer und in den Benken nur
00:13:22: so Schlägerheinsies und irgendwelche Tussis, die keinen geraden Satz rausbekommen und die ganzen Tag nix anderes denken als ans Fressen, Saufen oder Bumsen wenn sie denn überhaupt denken können und mal da sind.
00:13:34: Weißt du was?
00:13:35: Ich
00:13:35: habe schon
00:13:35: gegen das bürgerliche Schulsystem gekämpft, aber dein Vater noch landet geplant.
00:13:39: Du hast ja
00:13:40: eine Menge bewirkt
00:13:40: ne?
00:13:42: Während deine
00:13:42: Leistungen besser, könntest du woanders stehen wechseln!
00:13:44: Ach jetzt verteidigst es doch das bügerliche Schulsystem!
00:13:48: Wer hat nicht
00:13:48: frech?!
00:13:49: Du sollst doch nur mal drüber
00:13:50: nachdenken weiter zur
00:13:51: Schule
00:13:51: zu gehen.
00:13:52: Mit dem Realschulabschluss bist du nicht so abhängig von den Männer.
00:13:56: Du weißt doch gar nicht, was ich immer durchstehen muss...
00:13:59: Es liegt bei dir ob ich gleich erfahre,
00:14:01: was ist.
00:14:02: Juli warf die Fluppe aufs Wohnzimmer-Tischchen.
00:14:05: Die Mira, ne?
00:14:06: Die schmeißt
00:14:06: die Schule und ihr
00:14:07: lasst sie gewähren!
00:14:08: Bei mir macht er in Aufstand alle wie wen mein Leben davon abhängig wird.
00:14:11: Dann
00:14:12: sag mal, wie du dir dein Zukunft vorstellst
00:14:14: kleines.
00:14:15: Bist du mit nem Kerl?
00:14:15: jeden Abend
00:14:16: vom Apparat sitzen diese Western
00:14:18: Glotzen
00:14:18: und dabei verblöden?
00:14:20: Müsste es nicht gerade
00:14:21: du, die Freuden der einfachen
00:14:22: Leute zu schätzen
00:14:23: wissen?!
00:14:25: Sie blickt ihre Oma an...
00:14:26: Die sah so erschöpft
00:14:27: aus wie ein Läufer nach einem Wettkampf.
00:14:29: In diesem trüben Licht
00:14:30: wirkte
00:14:30: sie sogar, wie
00:14:31: das Kind, dass sie einmal gewesen sein musste.
00:14:33: Zumindest kannte Juli das eine oder andere Foto
00:14:36: vom Anfang
00:14:37: des Jahrhunderts.
00:14:38: Da trug Oma Hulda so einen Anzug im Hanen-Trittmuster
00:14:41: Das Gesicht darauf verherrmt
00:14:42: wie
00:14:42: das jene
00:14:43: alten Frau
00:14:44: die zu werden Sie sich damals wohl kaum hätte ausmalen können.
00:14:48: Juli ging zum
00:14:49: Fernseher und drehte das
00:14:50: Gerät auf volle Lautstärke.
00:14:52: Ein gutes Dutzend Cowboys
00:14:53: ritt vorüber Die Kraft der Pferde
00:14:56: Trieb den Staub in die Kamera.
00:14:58: Der blechene Klang
00:14:59: von Pistolen-Schüssen stieß ihr an die Ohren,
00:15:01: der Kutschenwagen
00:15:02: mit Zorro
00:15:03: fiel die Schlucht
00:15:03: hinab ins Wasser.
00:15:04: Abspann!
00:15:05: Teil sechs demnächst auf diesem
00:15:07: Bildschirm.".
00:15:08: Jetzt drehen
00:15:08: wir den Kasche ab", sagte Hulda.
00:15:10: Da stöckelte sie
00:15:11: rüber zum Bücherregal dessen Bretter sich
00:15:13: unter
00:15:13: dem Gewicht des schwarzen Neigten.
00:15:15: Zielsicher zog sie
00:15:16: zwei
00:15:17: Bände heraus einen dicken und kleinen.
00:15:19: Beide
00:15:20: klemmte sie sich unter den Arm Und ihre eben noch im Kippen befindliche Laune
00:15:24: hatte sich beim
00:15:24: Zurück hinten stabilisiert.
00:15:26: Bring mir doch Morbide, mal Stövchen
00:15:28: mit dem Tee drüben aus der Kücheliebes und dir kannst
00:15:30: du noch eine Kohle ausm Eisschrank nehmen, wo doch Wochenende
00:15:33: ist.".
00:15:34: Auf Anhieb erkannte Juli nicht welches
00:15:36: Buch
00:15:36: in den Händen ihrer Großmutter lag.
00:15:38: Sie wach zwei Blicke drauf
00:15:40: und hatte
00:15:40: immer nichts entziffert.
00:15:42: Was liest denn da?
00:15:43: O Marulta
00:15:44: tippte auf
00:15:44: den Buchumschlag.
00:15:46: In geschwungener
00:15:46: Schrift
00:15:47: stand dort stendal rot-und schwarz.
00:15:51: Das lese
00:15:52: ich schon zum
00:15:52: zigste
00:15:53: Mal.
00:15:53: Es geht um einen jungen Menschen,
00:15:54: der will aus
00:15:55: seiner niederen Herkunft
00:15:56: in die bessere Gesellschaft aufsteigen.
00:15:59: Wobei wirklich jedes Mittel im Recht
00:16:01: ist!
00:16:02: Ich habe gar nicht gewusst dass es ein Roman
00:16:04: über die Ella gibt,
00:16:05: sagte Juli
00:16:08: Ja das sind Juli und Kulda.
00:16:15: Und das
00:16:16: Interessante.
00:16:16: vielleicht sage ich dazu jetzt erstmal noch was?
00:16:18: Dass
00:16:19: bei dieser Rezeption
00:16:22: z.B.?
00:16:22: diese Szene in den Medien ist hin und wieder mal die eine oder andere Kritik gegeben hat, die daran Anstoß genommen hat, dass ich hier lesende Arbeiterinnen zeige ums mal so auszudrücken.
00:16:33: Da wurde zum Beispiel angezweifelt das es irgendwie realistisch ist, dass Menschen
00:16:38: dieser Klasse Bücher lesen.
00:16:40: Das sagt natürlich
00:16:41: mehr wie die Person, die diesen Text geschrieben hat als über mich.
00:16:43: aber ich finde es einfach wichtig, dass man das immer wieder einmal sagt, dass dann als Kritik gegen so ein Buch in Anschlag gebracht
00:16:52: wird.
00:16:53: Gerade bei jemand wie Oma Hulda muss man dann einfach auch wissen, oder sollte man immer dazusagen ... Ich hab's noch in den Ohren.
00:17:00: Die ist
00:17:01: gestorben, da war ich dreizehn, also in meinen jüngsten Jahren.
00:17:05: Da hat die halt noch so was gesagt, wenn mein Opa
00:17:07: z.B.,
00:17:08: sowas gesagt hat,
00:17:10: ja, Leute wie mir lesen
00:17:11: halt kein Bücher
00:17:12: und dann ist sie eben
00:17:13: dazwischengang, hat gesagt.
00:17:14: Was sind das für ein Schwachsinn?
00:17:15: Was haben ihr euch eigentlich in euer Köpfe rein
00:17:18: ideologisieren
00:17:19: lassen?
00:17:20: Sie hat halt so gesprochen
00:17:22: Und das sind so Wörter, die ich damals schon irgendwie gemerkt hab und dachte, okay, stimmt.
00:17:26: Das ist ja vielleicht gar kein Naturzustand.
00:17:30: Sie hat das
00:17:31: nicht so stark wie sie
00:17:32: selbst erlebt hat aber
00:17:33: auch
00:17:33: an ihre Enkelkinder
00:17:34: weitergegeben.
00:17:36: Bei meinem Opa klappte das
00:17:37: halt nicht.
00:17:37: Das
00:17:37: lag vielleicht auch daran, dass es ein Typ
00:17:39: war ...
00:17:40: muss man ganz ehrlich sagen, Männer sind weniger Literatur
00:17:43: begeistert
00:17:43: als Frauen im Gesamten.
00:17:44: Das leider ein genderglitche, das
00:17:46: nach wie vor stimmt,
00:17:48: aber auch nicht immer so ist.
00:17:50: Aber es stimmt
00:17:51: grundsätzlich
00:17:52: bei den Enkelkindern, den Weiblichen.
00:17:54: Da hat es irgendwie ein bisschen mehr geklappt und die Juli interessiert sich dann schon auch für Bücher.
00:17:58: sie liest dann
00:18:00: bringt sie eben auch bei mir
00:18:01: an.
00:18:02: Ein Buch
00:18:03: mit dem über das ich mit meiner Tante schon viel diskutiert
00:18:05: habe ist Bonjour Tristess
00:18:08: Das
00:18:09: auch auf
00:18:09: sich von heute gesehen nochmal interessant liest Mit den ganzen Diskussionen zu dem Thema die wir in den letzten Jahren so hatten.
00:18:17: Das geht schon
00:18:17: auch, aber das
00:18:18: dann von vornherein
00:18:19: anzuzweifeln sagt dann sehr viel
00:18:21: aus.
00:18:21: Deswegen
00:18:22: nutze ich
00:18:23: Szenen wie diese gerne bei Lesungen und spreche dann darüber,
00:18:27: weil ich es total wichtig finde.
00:18:29: Jetzt
00:18:30: habe ich noch eine Frage.
00:18:32: Was für ein Schulaufschluss hat sie denn letztendlich
00:18:36: gemacht?
00:18:36: Sie ist mit
00:18:37: dem Hauptschulaufschluß von der Schule gegangen.
00:18:38: Das hat nicht geklappt, wie das bei meiner Mutter eben auch gewesen
00:18:43: ist
00:18:44: Und übrigens
00:18:44: auch bei, darüber sprechen wir auch nachher.
00:18:47: Auch bei der Tante Ella also die Dritte im Bunde, die ja im Mann seiner Klasse diejenige ist,
00:18:52: den kleinen
00:18:52: Christian auch an die Kultur ranführt weil sie einen sozialen Aufstieg durch Heirat hingelegt hat ein Ingenieur geheiratet und schon sitzt sie im Haus am Stadtrand und bleibt auf Distanz zu ihrer eigentlichen Familie aber taucht irgendwann wieder
00:19:05: auf
00:19:06: und
00:19:08: hilft
00:19:08: dann sozusagen dabei.
00:19:09: dass ich mein Neigung nachgehen konnte ist dann natürlich
00:19:16: auch wieder eine sehr komplexe Gemengelage
00:19:17: gewesen, die sich aber hier in
00:19:19: der Geschichte,
00:19:19: die
00:19:19: ich jetzt hier erzähle ja
00:19:20: schon
00:19:21: ankündigt und andeutet.
00:19:22: Weil da auch ne Generation zwischen beiden liegt das muss man gleich dazu sagen.
00:19:25: Die älteste
00:19:26: Schwester ist
00:19:27: zwanzig Jahre älter
00:19:28: als die Jüngste.
00:19:29: Das daran liegt dass meine Oma mit vierzig Jahren nochmal ganz unverhofft
00:19:33: schwanger geworden
00:19:33: ist und dachte das kann eigentlich gar nicht mehr passieren.
00:19:36: In den Sechzigerjahren dachte man, dass es so unwahrscheinlich ist.
00:19:40: Ist dann doch passiert und sie sind nicht gerade unglücklicher geworden?
00:19:43: Weil diese
00:19:43: Juli ja doch
00:19:47: ein ganz schönes Kaliber geworden ist.
00:19:50: Genau!
00:19:51: Also Julis Jüngste wird steigen sozusagen von unten nach oben.
00:19:55: Die Mittlere der drei Schwestern ist deine Mama, die Mira.
00:19:57: Der hat jetzt gerade verraten einen Hauptschulabschluss gelesen.
00:20:01: Hat sie?
00:20:02: Ja
00:20:03: Und sie hat noch was gemacht.
00:20:04: Sie hat geschrieben
00:20:06: Ja.
00:20:07: Genau, sehr gedichte geschrieben?
00:20:09: Das
00:20:09: kam gestern auch in Mainz oder in der Inszenierung.
00:20:11: In Mainz bisher in allen, die es
00:20:12: gab, auch
00:20:13: kam das immer mit auf die Bühne.
00:20:14: Ich habe im Mann seiner Klasse ja schon Gedichtet, die meine Mutter geschrieben hat eins zu eins original auch
00:20:19: aufgenommen weil sie selber
00:20:21: immer den geheimen Wunsch hatte einmal einen Gedichtband zu veröffentlichen.
00:20:25: aber das war für Sie so eine Spinnerei
00:20:28: wie
00:20:30: Für einen Menschen wie uns ist, wenn wir nicht Elon Musk heißen, dass wir sagen, wir fliegen jetzt mal zum Mond oder zu Mars.
00:20:36: Ungefähr auf dieser Ebene war das
00:20:39: und dann hat sie so
00:20:41: gegenüber meiner Tante rumgesponnen.
00:20:43: Das habe ich später erfahren.
00:20:44: Irgendwann hab' ich dann meinen Leinenband und da sind meine Gedichte
00:20:46: drin.
00:20:48: Und wir haben meinen seiner Klasse in der Hardcover-Ausgabe eine Leinenoptik.
00:20:52: Das sieht man eigentlich auch noch im Taschenbuch und das ist bewusst vom Verlag gemacht worden dass wir diese Leinenoptik machen als Homage an meine Mutter, die gerne Dichterin werden wollte.
00:21:01: Weil
00:21:01: ihre Gedichte
00:21:02: da ja auch drin sind wenn
00:21:03: auch nur
00:21:03: drei
00:21:03: oder vier
00:21:04: und das
00:21:05: Ganze hat eben schon früh in dem Leben
00:21:07: begonnen.
00:21:08: ich
00:21:10: erzähle jetzt gut ja doch ich kann
00:21:12: auch
00:21:12: mal aus dem Nähekästchen plaudern, dass
00:21:14: meine Mutter hatte nicht nur den Traum Dichterin zu werden sie wollte auch immer nach Berlin.
00:21:19: West-Berlin war halt Anfang der achtziger Jahre nicht nur für junge Männer
00:21:23: die den Kriegsdienst
00:21:23: verweigern wollten ohne diese demütigende
00:21:27: Musterung zu durchlaufen.
00:21:28: Das konnte man ja, eigentlich
00:21:30: wissen es hier
00:21:31: wahrscheinlich alle aber vielleicht nicht ganz alle das
00:21:33: West-Berlin einen entmilitarisierten
00:21:35: Status
00:21:35: hatte
00:21:36: und wenn man noch nicht gemustert war, konnte man als junger Mann dahin und wurde
00:21:40: in Ruhe gelassen.
00:21:41: Es waren wichtiges
00:21:42: Motiv.
00:21:44: Aber sie wollte da auch hin, auch wenn die Musterungen ihnen drohte.
00:21:46: Sie wusste aber, da geht der Punk ab
00:21:48: In wahrsten
00:21:49: Sinne des Wortes.
00:21:50: Und meine Mutter meine echte Mutter, die ist da hingegangen und aber eben nur als
00:21:56: Besucherin.
00:21:57: Als Besucherin von Freunden, die da diesen Weg gegangen sind.
00:22:01: sie hat bei ihr hat es aus verschiedenen Gründen nicht geklappt.
00:22:04: so jetzt
00:22:05: habe ich diesem Stoff
00:22:06: in meiner Hand und weiß Ich schreibe jetzt einen Roman über
00:22:09: diese Geschichte
00:22:10: Und ich kann natürlich ihr
00:22:11: Postum diesen Wunsch
00:22:12: erfüllen wenn ich das möchte.
00:22:13: warum auch nicht?
00:22:14: Genau das hab' ich getan!
00:22:15: Ich hab gesagt ich schick diese
00:22:17: sehr junge Frau einfach mal nach Westberlin und guck was
00:22:20: dann passiert.
00:22:23: Sie kommt da an in hochpolitisierten Zeiten.
00:22:25: Ihr
00:22:25: politisches Vorbild,
00:22:27: das weiß ich auch noch von ihr persönlich,
00:22:31: war
00:22:31: Petra Kelly.
00:22:33: Sie war Anhängerin der Grünen als man dafür noch gute Gründe haben konnte und Petra Kelley kann nicht nachvollziehen eine unglaublich charismatische Persönlichkeit und
00:22:47: sie wollte diese Frau
00:22:48: ... Sie hat gesagt wenn ich einen berühmten Menschen über ein Leben treffen könnte dann wäre es
00:22:52: nur die.
00:22:53: Und auch diesen Wunsch konnte ich hier in meinem Roman natürlich erfüllen, weil
00:22:57: Petra Kelly zu dieser Zeit auch
00:22:58: hin und wieder mein Berlin war.
00:23:01: Das
00:23:01: fand ich sehr
00:23:02: reizvoll.
00:23:03: das zu tun
00:23:04: inmitten von Debatten
00:23:06: die
00:23:07: wenn man bestimmte Wörter
00:23:08: austauscht
00:23:08: gar nicht so viel anders verlaufen als wir sie
00:23:10: heute wieder führen.
00:23:14: um Aufrüstung und die Frage, ob es in Wiefaren die Gefahr aus
00:23:19: dem Osten da
00:23:19: ist.
00:23:20: Ob
00:23:20: der Russe vor der Tür steht?
00:23:21: Das sind alles Dinge, die jetzt wiedergekommen sind und die damals schon sehr stark debattiert
00:23:26: wurden.
00:23:27: Und so habe ich
00:23:27: eben eine Szene zum Beispiel im Buch gemacht, in
00:23:32: der
00:23:34: Kandidat als Regierender Bürgermeister der CDU Anfang der achtziger Jahre – der ist nicht wörtlich genannt aber kann ja alle mal gucken wie das so
00:23:42: war!
00:23:43: Auf eine Bühne setze mit Petra
00:23:45: Kelly und die diskutieren
00:23:46: lasse.
00:23:46: Und bei Petra Kelley habe ich nur
00:23:49: so zitiert, wie sie
00:23:50: in ihren eigenen Worten, wie
00:23:51: ich das
00:23:52: in den
00:23:53: Archiven
00:23:53: und so gefunden hab verbirgt.
00:23:56: Den CDU-Mann
00:23:57: habe ich
00:23:58: überwiegend Zitate von Grünen und Sozialdemokratinnen im Mund gelegt, wie Sie heute gesagt werden, Russland durch Serveto nun
00:24:05: ersetzt.
00:24:06: Das
00:24:08: finde ich hochinteressant!
00:24:10: Ja, sie ist dann in diesem
00:24:11: hoch politisierten
00:24:13: Zeiten in West-Berlin.
00:24:14: Was ja noch mal eine ganz andere Nummer ist als heute in
00:24:16: Berlin ist.
00:24:17: auch das muss ich hier niemand mehr erzählen oder den wenigsten dass das einfach
00:24:21: die für viele
00:24:22: diese Insel war in der man potenziell glückselig sein konnte und drumherum eben das rote Meer wie man da gesagt
00:24:29: hat diese Transitstrecke
00:24:30: die sich nicht die Mira zurücklegen lasse.
00:24:34: Es gibt natürlich ganz
00:24:35: viele Gründe, warum sie dahin geht.
00:24:38: Das könnt ihr dann selber nachlesen.
00:24:39: die Zeit haben wir heute nicht aber es ist dann irgendwann da und eine Freundin mit der sie in einer WG lebt
00:24:45: zieht
00:24:45: sie eben auch in die Kulturszene
00:24:47: rein
00:24:48: und dann ist sie auf
00:24:48: einmal auch
00:24:49: im Club
00:24:49: wie dem Dschungel
00:24:51: in Westberlin sehr legendär
00:24:54: und dort
00:24:55: bringt diese Lucina die Freundin sie auch tatsächlich
00:24:58: dazu
00:24:59: einmal ihre Gedichte öffentlich vorzutragen,
00:25:01: was sie zuletzt
00:25:02: in der Schule gemacht hat und dort fürstellig ausgelacht
00:25:04: wurde.
00:25:05: Und das eigentlich nicht
00:25:06: mehr tun
00:25:06: wollte.
00:25:07: aber...und jetzt sind wir in dieser Szene...
00:25:10: Einmal die Woche
00:25:11: es war immer der Dienstag
00:25:13: gab es einen offenen Lyrikabend
00:25:14: im Dschungel.
00:25:15: Ausgerechnet!
00:25:17: Dieser Laden galt Lucina als schwieriges
00:25:19: Plaster.
00:25:19: Die
00:25:19: ließen bisweilen sogar Hollywood-Prominenz draußen warten.
00:25:23: Das waren
00:25:23: illiterer
00:25:24: Schuppen
00:25:24: indem sich die Sternchen des Stadttrafen
00:25:26: Aber es ließ sich dort auch
00:25:28: die Avant-Garde blicken.
00:25:29: Also jeder,
00:25:30: der wer was
00:25:31: oder
00:25:31: noch mehr werden wollte von Blickster Bargeld bis Annette Humpe.
00:25:35: Es hatte gedauert bis
00:25:36: Mira sich
00:25:37: dieses
00:25:37: Unbeeindrucktsein
00:25:38: vom anderen beigebracht
00:25:39: hatte
00:25:40: das in Westberlin zur Schaustellen musste
00:25:42: wer sich nicht lächerlich
00:25:43: machen wollte.
00:25:45: Einen Bereich
00:25:45: unten und
00:25:46: ein oben gab es.
00:25:47: Unten servierten sie Bier oben
00:25:49: Cocktails
00:25:50: Die Klassengesellschaft beim Saufen.
00:25:51: Daran hätte Oma Hulder ihren
00:25:53: Spaß
00:25:53: gehabt.
00:25:54: Zwischen den
00:25:54: für eine Disco erstaunlich
00:25:56: hell
00:25:56: beleuchteten
00:25:56: Ebenen hing eine Wendeltreppe, auf der die unentschlossenen rumstanden und die für Druckbetankte zur Gefahr werden konnte.
00:26:04: Überall starren Blätter
00:26:06: von Zimmerpflanzen
00:26:07: in Gästen in die Hüften – hinten gab es einen Tanzraum, der war
00:26:10: durch die
00:26:10: dunkelblaue
00:26:11: Wandfarbe eiskalt!
00:26:13: Der Dschungel
00:26:13: war einer der wenigen Anlässe
00:26:14: für die Kreuzberger
00:26:15: Szene ihren Kiezmal
00:26:17: zu verlassen.
00:26:18: Im Grunde war Westberlin
00:26:19: dörflicher als mancher Ort in Rheinland-Pfalz.
00:26:22: Die Stadt erschien mirer wie eine Kleingartenkolonie
00:26:24: mit verpesteter
00:26:25: Luft.
00:26:26: Jeder blieb
00:26:26: in seiner Parzelle,
00:26:27: empfing manchmal
00:26:28: Besuch
00:26:29: ging aber nur selten weiter
00:26:30: als zu den angrenzenden Nachbargärten.
00:26:33: Zu den Ausnahmen zählten Tage an denen die Bullen die besetzten Häuser räumen wollten So wie im September
00:26:38: einundachtzig,
00:26:39: als der Innensenator Lummer
00:26:41: wieder den dicken
00:26:42: Max spielte und in der Bülowstraße
00:26:44: die Kops
00:26:44: auflaufen
00:26:45: ließ.
00:26:45: Da zogen die Kreuzberger rüber nach Schöneberg – und sie konnten doch nicht verhindern
00:26:49: dass die
00:26:49: Bullen den Klaus Jürgen Rattei totfuhren!
00:26:52: Mira hielt sich
00:26:53: fern von solchen Sachen.
00:26:54: Das war was für Leute denen das Rampenlicht und der Krawall den Verstand benebelt hatten.
00:26:59: Dann lieber Lyrik im Dschungel.
00:27:01: Wenn Lucina dort
00:27:02: war
00:27:02: beobachtete
00:27:03: sie Prominente, die für Mira keine Prominenten waren weil sie die gar nicht kannte.
00:27:08: Da war zum
00:27:09: Beispiel
00:27:09: dieser schwule französische Philosoph
00:27:11: mit Glatze und Brille, der Lucina und Mira mal gegenüber saß und er für Studenten etwas Gottgleiches an sich hatte sowie sie ihn gegen jede Diskretionsregel anhimmelten.
00:27:21: oder diese Frau mit der pechschwarzen Helmfrisur
00:27:23: deren Mantel angeblich
00:27:25: aus Orang-Utan
00:27:26: Fell bestand.
00:27:27: Ihr Todmüder
00:27:28: ausgemergter Körper und diese zwischen den rauchschwaden hervorquellenen Augen,
00:27:32: die mit Kajal
00:27:33: umwandelt waren, deuteten
00:27:34: nicht
00:27:35: auf
00:27:35: die große
00:27:36: Schriftstellerin hin als die Lucina sie angepriesen hatte.
00:27:40: Die Titel ihrer Bücher sagten Mira nichts aber Sie klangen
00:27:43: sehr lustig!
00:27:44: Das Berührungsverbot – die Riesenswerge
00:27:47: Herr Leiselheimer und weitere Versuche
00:27:50: die Wirklichkeit zu bewältigen.
00:27:53: An diesem
00:27:53: Abend musste Mira auf die Bühne.
00:27:55: Lucina hatte
00:27:56: sie vor Tagen angemeldet ohne
00:27:57: Rücksprache,
00:27:58: weil sie natürlich sowieso abgesagt hätte.
00:28:00: Nach langer Diskussion ließ sie sich dann doch drauf ein unter der Bedingung
00:28:04: dass sie kurzfristig verduften
00:28:05: durfte
00:28:06: wenn es ihr zu viel
00:28:07: würde.
00:28:08: keine Begründung, keine Rechtfertigung.
00:28:10: So kamen Sie in den Genuss mal den völlig leeren Dschungel zu sehen.
00:28:14: Vor der lang gezogenen
00:28:15: Theke wartete
00:28:16: der Gastgeber.
00:28:16: Es war Detlef
00:28:17: Meyer.
00:28:18: Den kannte sie sogar
00:28:19: zumindest
00:28:19: seinen Gedichtband Heute Nacht im Dschunge hieß er Und den fand sie wirklich
00:28:24: stark.
00:28:24: Er schrieb Zeilen über
00:28:25: Berlin
00:28:26: und seine Bewohner,
00:28:27: alles ganz uneitel.
00:28:28: Das war es was mir die Angst
00:28:30: vor dem Auftritt nahm – fürs erste zumindest!
00:28:33: Denn dieser Mensch schien
00:28:34: frei von Arroganz, er lebte ihm hier
00:28:35: und jetzt.
00:28:36: das
00:28:36: fand sich schon
00:28:37: außergewöhnlich für
00:28:38: so ein Dichter.
00:28:39: Die Disc
00:28:40: Jockey
00:28:40: Kanzl
00:28:41: aus Plexiglas
00:28:42: sah aus wie ein Teil der Kommando Brücke.
00:28:44: auf dem Raumschiff Enterprise hatten Sie zur Bühne umfunktioniert.
00:28:48: Bei Licht betrachtet hieß das,
00:28:49: die Person hinter
00:28:50: dem Mikro musste jedem Zuschauer ins Gesicht sehen.
00:28:54: Erster Fluchtreflex
00:28:55: Wie viel liest du denn vor?
00:28:57: fragte Detlef
00:28:58: Meier mit seiner melodischen
00:28:59: Dichterstimme worauf Mira
00:29:01: keine Antwort
00:29:01: wusste.
00:29:03: Du wirst es schon wissen, sagte er breit lächelnd Mit diesen Haselnuss-Augen in die sich Mira am liebsten verknallt
00:29:09: hätte
00:29:09: wäre er nicht
00:29:10: schwul gewesen.
00:29:10: der
00:29:11: Detlefe
00:29:11: Meier Lucina und Mira tranken Mojito im Dschungel Und Mira
00:29:15: wollte jetzt doch noch abhauen.
00:29:17: Was hatte sie ihr da nur eingeredet?
00:29:20: Gar nix hab ich dir
00:29:20: eingeredet.
00:29:22: Du weißt genau, dass sich freiwillig
00:29:23: nie auf eine
00:29:23: Bühne gehen
00:29:24: wird!
00:29:25: Lucina saß da und sog ihren Long-Drink mit dem Strohhalm auf
00:29:28: so als wäre ihr egal wie aufgebracht Mira war.
00:29:33: Du machst mich wahnsinnig sagte Mira.
00:29:34: deine
00:29:35: ganze Art die macht mich
00:29:36: Wahnsinnig!
00:29:37: Sie spürte Lucinas Hand an der Schulter.
00:29:39: ganz ruhig Deine Gedichte sind sehr gut das
00:29:41: weißt du doch auch.
00:29:42: Und übrigens weiß der Detlef Meyer auch, dass deine Gedichte gut sind.
00:29:47: Woher weiß
00:29:47: denn der, wie meine Gedichte sind?
00:29:49: Und China sucht wieder an ihrem Strohhalm.
00:29:51: Das war offenkundig in neues Stilmittel.
00:29:54: Nein
00:29:54: rief Mira!
00:29:55: Die sieht sofort
00:29:55: mäßig.
00:29:56: Du hast dem nicht etwa meine...
00:29:58: Ihr blieb keine
00:29:59: Zeit sauer zu werden, denn da stand schon
00:30:00: der Detlef Meier
00:30:01: zum Soundcheck-Bad.
00:30:04: Mira war
00:30:04: nicht die erste an diesem Abend.
00:30:06: das Übernahmen der DetLEF MEIER schon selber.
00:30:08: Er begrüßte das Publikum, dass dich zusammengedrängt alle Aufmerksamkeit der Bühne schenkte.
00:30:13: Er deklamierte ein paar
00:30:14: Zeilen aus seiner Feder so
00:30:16: als lese er ironisch
00:30:17: aus der heiligen Schrift.
00:30:19: Ein Aufsteiger!
00:30:21: Nach einem
00:30:21: Schluck saddern Komfort und einem kleinen Joint
00:30:24: schnallt sich
00:30:24: Karl seine Rollschuhe
00:30:26: an Und rudert in gefährlicher
00:30:28: Schräglage
00:30:28: in den Dschungel.
00:30:31: Das ist alles noch nicht
00:30:32: ausgeflippt genug, bilanziert
00:30:34: er.
00:30:35: Aber den Hinz habe ich überwunden und den Kunst schaffe
00:30:38: ich auch
00:30:39: noch.
00:30:40: Das war die Messlatte!
00:30:42: Wie sollte sie damit halten?
00:30:44: Nächster Fluchtreflex Es folgten Männer, die mehr durch ihre Frisuren auffielen als mit ihren Texten
00:30:50: Bis einer an die Reihe kam
00:30:52: der aus der Reihe fiel.
00:30:54: Er ist Stammgast
00:30:54: im Dschungel, einer der Jüngsten.
00:30:56: Gerade erst hat er seinen
00:30:57: Schulabschluss gemacht den Tempelhof und nun präsentiert er seine jüngsten Werke
00:31:02: als Weltpremiere
00:31:03: bei uns.
00:31:04: Begrüßt mit Applaus
00:31:05: unseren
00:31:05: Freund Tom!
00:31:07: Rote
00:31:08: Haare hatte der Kerl,
00:31:09: rote Haar und das Auftreten eines Menschen,
00:31:12: der wusste worauf
00:31:13: es ankam
00:31:13: – Das Gefilmierer.
00:31:15: Nur sah sie leider nicht
00:31:16: ob er tätowiert
00:31:17: war
00:31:18: weil er ein schwarzes Langarmhemd
00:31:19: trug.
00:31:20: Doch ganz sicher
00:31:21: war der tätowiert,
00:31:21: solche
00:31:22: Typen waren immer tätowirt.
00:31:24: Und als er sein Whiskey-Glas in einem Zug gelehrt
00:31:26: hatte und vor dem Mikro stehend durch noch einen Grinsen aufsetzte, da mühte Mira sich im Johlen der Leute ihn nicht mehr zu betrachten.
00:31:34: Sie schloss die Augen... ...und erschrak!
00:31:37: Weil der zu brüllen
00:31:37: begann wie ein verwundeter Ochse.
00:31:40: Wer sein Leben verliert,
00:31:42: der wird's finden.
00:31:43: Und wer es verliert?
00:31:45: Der wird's wiederfinden.
00:31:47: Die werden mich verfluchen dass
00:31:48: ich hier stehe.
00:31:49: Ich stehe hier, weil ich keinen Bock
00:31:52: habe umzufallen.
00:31:54: Nichts ist für die Ewigkeit!
00:31:56: Hier wird
00:31:57: kein Stein auf dem anderen bleiben.
00:31:59: Was mich am Leben
00:32:00: hält, ist der
00:32:01: Gedanke nicht
00:32:03: allein zu
00:32:04: sein.".
00:32:06: Die Menge jubelte, Mira verstand
00:32:08: nichts auch nicht die vier oder fünf Anderen also nur ja.
00:32:12: Kulans halber
00:32:12: nannte sie erst mal Gedichte,
00:32:14: die dieser seltsame
00:32:15: Kerl vortrug
00:32:16: oder besser
00:32:16: noch vor schrie.
00:32:18: Allesamt kam sie hervorragend
00:32:20: an bei den Leuten.
00:32:22: Ausgerechnet nach diesem
00:32:23: Kerl war
00:32:23: Mira dran –
00:32:24: noch ein Ruffluchtreflex!
00:32:26: Lucina streichelt ihr über den Rücken
00:32:28: und nickte ihr
00:32:28: zu,
00:32:29: da stand Mira schon mit einem handbeschriebenen Zettel im Lichtkegel.
00:32:33: Nach der Extase
00:32:34: um diesen
00:32:34: Rotschopf war es jetzt Mux-Mäuschen still.
00:32:37: Mira reusperte sich,
00:32:39: nannte ihren Vornamen,
00:32:40: reusperte sich wieder
00:32:42: und versenkte den Blick in Blatt.
00:32:45: Sie rodeten den Regenwald.
00:32:47: Mensch warum bist
00:32:48: du
00:32:48: kalt?
00:32:49: Sie brauchen uns
00:32:49: der Zukunft unserer Kinder.
00:32:51: Mensch,
00:32:52: wann kommst
00:32:52: du dahinter?
00:32:54: Sie maßen sich an die Natur zu
00:32:55: zerstören!
00:32:56: Mensch wie
00:32:57: lange willst Du noch
00:32:57: dazugehören?!
00:32:59: Wir beuten die Natur aus und machen uns nichts daraus.
00:33:02: Nicht dein einziges Mal hatte sie
00:33:04: sich verhasbelt –
00:33:05: den Kopf hielt sie unten,
00:33:06: die Augen
00:33:07: schob sie nach oben.
00:33:08: Betretenes Schweigen
00:33:10: Wenn Du es siehst
00:33:11: das
00:33:11: Licht
00:33:12: in der Dunkelheit,
00:33:13: wenn Du Dich
00:33:13: erinnerst an die Jahre der Kindheit, Wenn
00:33:16: du daran
00:33:19: glaubst an die Macht der Liebe, wenn er dich traurig macht, der Fremden haster Deutschen.
00:33:24: Wenn sie dich
00:33:25: wütend macht, die Zerstörung
00:33:26: der Wälder,
00:33:27: dann zeige du dein Licht in der Dunkelheit.
00:33:30: Zögerliche Applaus durchbrochen
00:33:32: von Lucinas energischem Klatschen und Pfeifen.
00:33:36: Vierter Fluchtreflex dritter Text!
00:33:39: Glaub mir es gibt noch Elfen nicht
00:33:40: nur in deinen Träumen.
00:33:42: lasst dir von ihnen helfen sonst wirst
00:33:43: Du viel
00:33:44: versäumen.
00:33:45: Glaubt mir Es gibt auch soviel zu entdecken.
00:33:47: Du solltest deine Gefühle nicht verstecken.
00:33:50: Es war ihr kaum aufgefallen, aber
00:33:52: viele Typen hatten schon zu Beginn vor sich hingefalgst.
00:33:54: bei Miras erst im Gedicht.
00:33:56: Jetzt aber taten es ihnen mehrere Leute nach.
00:33:59: Der Rotschopf der eben noch gebrüllt
00:34:00: hatte lachte
00:34:01: wie eine Hyäne
00:34:02: und der verhaltene Beifall im Saal war erfüllt von anschwellende
00:34:05: Menschenrauschen.
00:34:06: Mira blieb
00:34:07: stehen
00:34:08: Ihr fehlten die Kraft und der Mut zum Abgang.
00:34:10: Sie schaute von Reihe
00:34:11: zu Reihe
00:34:12: Erst oben.
00:34:13: Lucina sah sie mit einem Blick an der wohl Mitleid auszudrücken
00:34:16: versuchte Und sich würde keinerlei
00:34:19: Drang bei dieser Frau
00:34:20: irgendeinen Trost
00:34:21: zu finden.
00:34:22: Die Augen suchten
00:34:22: weiter den Weg über die Treppe nach unten, wo Mira der Blick eines Menschen
00:34:26: traf,
00:34:27: den sie in diesem Augenblick
00:34:28: überall
00:34:29: erwartet hätte
00:34:30: auf der ganzen Welt und darüber hinaus
00:34:32: auch...
00:34:32: bloß nicht hier!
00:34:33: Nicht in West-Berlin, nicht im Dschungel,
00:34:35: nicht an diesem Lürikabend,
00:34:37: der Mira ein weiteres
00:34:38: Mal das Herz
00:34:39: brach.
00:34:40: Und dann ergab sie sich den Drang der Tränen ohne zu wissen
00:34:43: ob aus Trauer
00:34:43: oder Verglück.
00:34:45: Hast du
00:34:46: was?
00:34:46: sagte er nichts weiter, so als komme er vom Zigarettenholen.
00:34:50: Dieser
00:34:50: andere Rotschopf
00:34:51: nahm Mira in den Arm und führte sie hinaus.
00:34:54: Beide ignorierten
00:34:55: die Leute.
00:34:56: Sie gingen voran wie frisch vermählte durch das
00:34:58: Spalier der
00:34:58: Gratulanten und Neider.
00:35:01: Als sie draußen waren, fiel ihr Lucina ein
00:35:03: Ehe.
00:35:03: sie beschloss
00:35:04: an nichts mehr zu denken
00:35:06: sondern dieses eine Mal
00:35:07: nur noch zu fühlen wenigstens bis ans
00:35:09: Ende dieser Nacht.
00:35:10: In ihrem Kopf fing dieses
00:35:11: Lied
00:35:11: an
00:35:12: Weekend
00:35:13: von
00:35:13: Earth and Fire, wofür sie
00:35:14: im Dschungel erst
00:35:15: recht
00:35:15: alle auslachen
00:35:16: würden.
00:35:17: Aber was war Mira das egal?
00:35:18: Ihr Hirn
00:35:19: war überfordert damit diese Bilder zusammenzubringen.
00:35:22: Hand in Hand lief Sie mit Ottes durch Charlottenburg.
00:35:24: Am Zoo stiegen sie die Stufen hinab zur U-Bahn.
00:35:27: Ottes kannte sich hieraus
00:35:28: als wäre er selber
00:35:29: schon seit zwei Jahren in der Stadt.
00:35:31: Auf einer freien Bank saßen sie unter dem
00:35:33: durch
00:35:33: die Fenste hereindonnenden Rattern
00:35:35: des Zugs beieinander und knutschten so wild as müssten sie sich in zwei Minuten trennen
00:35:40: für den Rest ihrer
00:35:41: Tage.
00:35:42: Aber das mussten sie nicht.
00:35:43: Woher
00:35:43: denn auch?
00:35:44: Sie hatten sich doch gerade erst wiedergefunden
00:35:46: oder besser
00:35:47: Ottis hatte sie wiedergefundet,
00:35:48: wie auch
00:35:49: immer er das gemacht
00:35:49: hat in der
00:35:50: alte
00:35:50: Schlawina.
00:36:00: Ja,
00:36:00: der Ottis ist
00:36:02: vielleicht Wissenstein oder anderen derjenige, der später zum Vater des Kleinen
00:36:05: Christian werden sollte,
00:36:07: der nicht so einverstanden damit war dass die Mira nach Berlin
00:36:09: gegangen ist
00:36:11: und die Vorgeschichte hier
00:36:12: ist,
00:36:13: dass in Kaiserslautern ganz viele Pläne geschmiedet wurden, wie sie diese Mira wieder zurück kriegen können Denn die ist doch da bestimmt ganz unglücklich.
00:36:20: Und der Ottes
00:36:22: hat dann als erstes
00:36:22: die Initiative
00:36:23: ergriffen
00:36:24: und ich verrate jetzt nicht, wie es danach weitergeht.
00:36:26: konkret aber
00:36:29: ja... Es ist
00:36:31: eine Szene, das haben wir auch gesagt, dass ich das unbedingt sagen muss.
00:36:36: Die habe ich in Berlin zum allerersten Mal vorgelesen bei einer Veranstaltung im Borschad.
00:36:41: Ich weiß nicht ob Sie wissen was das
00:36:42: Borschat ist.
00:36:43: Es ist eines der
00:36:44: vielleicht das
00:36:45: Edel-Restaurant in der Stadt.
00:36:47: Dort gibt es
00:36:47: eine sehr schöne Lesungsreihe von einem FHZ Redakteur,
00:36:50: der
00:36:51: im Obergeschoss
00:36:52: den Writers' Thursday veranstaltet.
00:36:55: Das hat gar nicht so viel da unten mit dem Schuppen an sich zu tun aber der Ort ist schon symbolisch und man hat da schon...das
00:37:01: ist ein Meet and Greet
00:37:01: der
00:37:02: Literaturbranche.
00:37:03: So kann man's
00:37:04: schon sagen!
00:37:06: Ja und ich hab mich ganz bewusst entschieden als ich gefragt wurde
00:37:09: was liest
00:37:09: du denn vor?
00:37:11: Mein Detlef Meier war dann dieser FH Z Redakteuer Und dann wollte ich das machen, weil ich testen wollte wie reagiert das Publikum.
00:37:19: Wenn ich diese im Vergleich zu dem was die anderen vortragen
00:37:23: ein bisschen in
00:37:24: ganz anders gearteten Gedichte vorlese.
00:37:27: und es gab natürlich
00:37:28: die Leute die
00:37:29: erstmal angefangen haben zu kichern
00:37:31: gehässlich
00:37:32: zu kichern Weil sie vielleicht auch dachten
00:37:34: Ich
00:37:35: will da jetzt irgendwie mich über
00:37:37: diese Figur lustig
00:37:38: machen und dann wird es damit aufgelöst
00:37:40: dass
00:37:41: Sie alle auslachen und das vielleicht nicht so toll für
00:37:43: sie ist.
00:37:44: Das fand ich
00:37:44: eigentlich einen ganz
00:37:45: schönen Effekt,
00:37:46: weil dann im Ende ich auch mehrmals darauf angesprochen wurde dass Leute sich selbst dann ertappt
00:37:50: haben.
00:37:51: Das finde ich
00:37:51: auch sehr angenehm das es das vereinzelt
00:37:53: doch gibt,
00:37:54: dass sie sagen wissen Sie was?
00:37:56: Ich habe auch an
00:37:56: dieser Einstelle gekichert bisschen blöd von mir glaube ich.
00:38:00: Das fand mich dann wiederum sehr angesehen und zeigt dass man zumindest im Kleinen auch manchmal etwas bewirken kann indem man einfach so eine Szene zusammenschustert
00:38:09: die
00:38:09: auf Erfahrungen
00:38:11: die meine Mutter gemacht hat, die ich eben so weitergegeben bekommen habe.
00:38:14: Aber die in ein Setting gestellt
00:38:16: ist,
00:38:16: indem sie auch hätte passieren
00:38:18: können
00:38:19: und ich mich beim Schreiben Frage ist
00:38:20: das jetzt irgendwie realistisch
00:38:21: dass
00:38:22: da ja
00:38:23: ausgelacht werden
00:38:23: könnte?
00:38:24: Und dann mache ich das in diesen vierzig Jahre später in fünf mehr als vierzig jahre
00:38:29: später
00:38:29: im Borschad
00:38:30: und sie ist
00:38:31: bestätigt!
00:38:32: Das
00:38:32: ist nicht ganz so schlecht als aneknotische Evidenz.
00:38:37: Jetzt oute ich mich was sich überhaupt eine Nachvollziehen kann.
00:38:41: Schon als ich in dem ersten Buch dieses Gedicht über das Runden der Wälder gelesen habe, hab' ich gedacht... Hattet die Frau im Schrank ne Glaskugel?
00:38:51: Ja also dieses Gedichte ist wie alt?
00:38:54: Das sind aus den Siebzigern.
00:38:59: Ende des Siebziger,
00:39:00: als das Weitsterben
00:39:01: ganz langsam
00:39:02: begonnen hat zum Thema zu werden
00:39:04: Die Ökologie überhaupt
00:39:05: entstand.
00:39:06: Also die Grünen haben sich erst Anfang der Achtziger gegründet.
00:39:08: sogar
00:39:08: glaube ich so richtig aktiv oder berühmt geworden
00:39:11: sind sie erst mit dem Bundestagseinszug und dann wurde erst die Umweltfrage, hat man es ja damals noch genannt, noch nicht
00:39:18: Klimakrise.
00:39:19: Ja also das waren aber die Themen die Sie umgetrieben haben.
00:39:23: Es war jetzt auch nicht Rassismus,
00:39:25: aber
00:39:26: das Wort Fremdenhast fällt.
00:39:27: Die Fremdinfeindlichkeit war das Thema dass sie wahnsinnig stark umgetrieben hat dann
00:39:33: eben
00:39:34: auch, weil sie es an ihrem eigenen Mann erlebt hat die materielle Ungleichheit
00:39:38: in der Gesellschaft.
00:39:39: Das sie gesehen
00:39:40: hat hier ... Sie hat ja einen Mann,
00:39:43: der als
00:39:44: Mein Vater war Möbelpacker, hat eben auch den Hauptschulabschluss gemacht und hatte aber in diesem Beruf keinerlei Aufstiegschancen.
00:39:51: also das war von Anfang an klar dass für ihn nichts wird.
00:39:56: Und so zu leben
00:39:57: und dann zu denken,
00:39:58: der schuftet sich kaputt
00:39:59: dieser Mann.
00:39:59: Also das
00:40:00: ist ja... Ich habe gerade selbst
00:40:01: einen Umzug über siebenhundert Kilometer hinter mir von Berlin nach Kaiserslautern und
00:40:06: ich hab jetzt
00:40:08: ein einziger Umzug.
00:40:09: Diese Leute die diesen Umzug mit mir gemacht haben bei dem entsprechenden Unternehmen arbeiten also unter welchen Bedingungen es auch stattfindet
00:40:16: Das ist kein Spaß.
00:40:18: und wo du dann denkst aber was die für den Lohn
00:40:20: am
00:40:20: Ende bekommen
00:40:21: ist
00:40:22: Das ist keine Sache, die ein Nineties oder
00:40:24: Eighties-Ding
00:40:25: ist.
00:40:25: Sondern das ist bis
00:40:26: heute so der Fall.
00:40:27: Heute nennen wir es Working
00:40:28: Poor.
00:40:29: Ein Thema, dass hier in diesem Kontext natürlich besonders wichtig ist.
00:40:33: Aber meine Mutter hatte das schon ganz früh
00:40:36: auf dem Schirm
00:40:36: und das finde ich toll.
00:40:38: jetzt auch ... wo sie leider schon lange tot ist.
00:40:41: aber ich denke ganz oft wie gerne würde ich mich heute mit ihr politisch auseinandersetzen?
00:40:48: Was mich so besonders berührt an diesem Gedicht Was ja heute immer
00:40:52: noch
00:40:53: ist, die Klimakrise ist da.
00:40:55: Wir wissen es alle und wir haben Politiker, die so tun als müssten nur die Zünden der Idee kommen.
00:41:03: Wie sagt Merz immer?
00:41:04: Ergibnis offen, irgendein Tragstoff, der was weiß ich, was ist statt dass wir endlich uns mal darauf zurück besinnen das wäre der Überkonsum des Hauptproblems, dass wir verzicht üben müssen.
00:41:18: Und deine Mutter hat schon wirklich damals unserer Schuld in den Mittelpunkt geschenkt.
00:41:24: Du fängst an in dem Gedicht, die Menschen roten die
00:41:27: Wälder.".
00:41:29: Sie hat damals schon gesehen, das ist nichts was wir irgendwie wieder gerade biegen können wenn man uns ein bisschen anstrengt sondern wir müssen etwas ändern in unserem Grundverhalten.
00:41:37: Das berührt mich nicht nur, sondern da kann ich mir sagen, Schapo zeigt ja eine Weizsicht Die man drum habe ich vorhin gefragt, was das für ein Schulerfluss ist.
00:41:49: Erst mal so grundsätzlich ganz banal denkt ... Woher nehmt sie das?
00:41:54: als eine junge Frau?
00:41:56: In meiner Familie wird da immer gesagt,
00:41:58: dass es die Herzensbildung,
00:42:00: die Sie einfach auch hat.
00:42:03: Ich komme ja also ganz oft, wenn ich über das Bildungssystem dann spreche und ich hab mit Ministerinnen auf Landesebene unser häufiger Mal zu tun bei entsprechenden Veranstaltungen Und ich die Zahlen referiere,
00:42:16: die sie
00:42:16: alle kennen
00:42:18: wie viel
00:42:18: weniger Menschen aus einem Arbeiterhaushalt einen höheren Bildungsabschluss machen als Menschen, die in Bildungsbürgertum geboren sind.
00:42:27: und dann sagen wenn wir jetzt sagen dass das an der angebrochen oder an erzogenen Dummheit irgendwelcher
00:42:33: Kinder liegt.
00:42:33: Dann sind wir wieder in Zeiten, die wir doch eigentlich lange hinter uns haben wollen weil es eine
00:42:37: biologistische
00:42:38: Argumentation
00:42:39: ist.
00:42:39: Es ist ein Systemfehler verankert ist und deswegen
00:42:43: muss das System aufgesprengt werden.
00:42:45: Und dann kommen natürlich die Ministerin zu mir und sagen, die haben oft mal gedacht ich halte hier so ein Bundespräsidentenvortrag.
00:42:52: und
00:42:52: dann sage ich sowas.
00:42:52: Das finden die da nicht so toll?
00:42:54: Ja aber mit Geld allein löst man ja keine Probleme!
00:42:57: Also das ist das was ich dann immer höre.
00:43:00: Ich dann sage ja das habe ich aber
00:43:01: auch nicht behauptet.
00:43:02: also wie kommen Sie jetzt darauf mir das vorzuwählen?
00:43:04: Das hab' ich ja gar nicht gesagt.
00:43:05: es
00:43:05: war etwas anderes.
00:43:06: sie wollen jetzt nur nicht mit mir darüber sprechen dass sich dieses Bildungssystem an
00:43:10: sich für falsch halte
00:43:12: Und so redet man dann aneinander vorbei und ich komme gar nicht soweit, dass ich sagen kann
00:43:18: ja aber diese Figuren
00:43:19: die zeige ich ja dementsprechend.
00:43:22: Ich habe es sozusagen schwarz auf weiß im
00:43:24: Ordner
00:43:25: mit den Gedichten, die meine Mutter hinterlassen hat.
00:43:31: Auch in den anderen Texten, die sie geschrieben hat von dem was ich weiß.
00:43:33: Was sie
00:43:33: gesagt hat das ist
00:43:35: jetzt nicht darum geht.
00:43:36: wir an sich müssen verzicht üben.
00:43:38: Sie wusste schon wer vor allem verzichten
00:43:39: muss dass
00:43:40: es schon auch
00:43:41: wer rodet die Wälder dass das
00:43:42: natürlich nicht du
00:43:43: aber Ich muss da schon von mir auch reden so privilegiert wie ich heute leben darf Ja ich muss es mir ich muss so machen
00:43:52: ja viel.
00:43:53: ach das ist Jetzt
00:43:53: wieder eine diskussion für sich.
00:43:54: ich glaube ich glaube wirklich dass
00:43:56: Es erst einmal Also wenn wir jetzt über die Klimakrise diskutieren, dann müssen wir mal sehen wie viel... Ich bin auch gerade
00:44:04: in einem
00:44:04: ganz tollen Hotel untergebracht und man kennt das von Hotels.
00:44:07: Dass es da steht.
00:44:07: bitte machen Sie das Licht
00:44:08: aus!
00:44:09: Bitte spülen sie,
00:44:10: wenn sie auf der Toilette waren mit
00:44:11: dem kleinen Knopf nicht
00:44:12: mit den großen weil das spart soviel
00:44:13: Wasser.
00:44:14: Das
00:44:14: stimmt alles und ist
00:44:15: nicht ans-
00:44:16: und auch etwas
00:44:16: sehr Gutes.
00:44:17: ich versuche
00:44:17: daran zu achten.
00:44:18: Ich mache auch Zuhause Wenn keiner im Einraum ist wie aber alle da mach' ich schon
00:44:22: das Licht raus.
00:44:23: Ich versuch's
00:44:23: zumindest
00:44:25: immer das auch so einzuhalten.
00:44:27: Im Endeffekt können wir ja sehen,
00:44:29: dass es
00:44:30: ein kapitalistisches
00:44:31: Problem ist.
00:44:31: Die Konzerne
00:44:33: produzieren diesen
00:44:34: Dreck an dem wir gerade ersticken und das ist nicht so zu tun als wäre es ein Problem, dass wir jetzt das Licht ausmachen bei uns Zuhause und dann ist die Welt
00:44:43: gerettet.
00:44:44: Das ist halt ein falscher
00:44:45: Pfad
00:44:46: Und von dem glaube
00:44:47: ich auf dem ist meine Mutter auch nicht
00:44:49: gewesen.
00:44:51: Nach allem was ich weiß,
00:44:52: hat sie das schon im Blick gehabt auch.
00:44:54: Aber das heißt nicht dass du hast trotzdem
00:44:57: recht und ich glaube
00:44:58: das
00:44:58: auch.
00:44:58: Ich bin ja auch viel
00:44:59: in Bildungsbürgertum
00:45:00: unterwegs jetzt, zu dem ich übrigens
00:45:02: sogar selber gehöre glaube ich mittlerweile.
00:45:04: Und da... ich sehe mich da auch in der Pflicht aber
00:45:08: immer.
00:45:08: ich
00:45:09: sage dann trotzdem meine Schwiegermutter ist jetzt zu besuchen und da habe ich das jetzt auch dann gesagt Meine Herren
00:45:14: lass
00:45:14: die Lichter halt auch mal brennen und ich geb dir aber etwas zu lesen wo du Mausie warst So.
00:45:19: Und wer wirklich die Scheiße baut?
00:45:21: Es ist
00:45:22: nicht so, dass wir uns gegenseitig die ganze Zeit auf den Finger gucken können.
00:45:25: Wir sollten denen da oben auf den Fingern
00:45:26: kloppen.
00:45:27: Das stimmt!
00:45:34: Die dritte im Bunde war es als junge Frau schon ganz wichtig... ...dass sie irgendwie da hochkommt.
00:45:41: Ja, ja.
00:45:42: Leihmetan
00:45:43: der Ella.
00:45:44: Jahrgang ¾ und ¾, um das auch von mal zu sagen, Juli ist jahrgang ¼. Also eine Generation liegt zwischen den beiden.
00:45:50: ¼,
00:45:51: das heißt, sie ist auch wirklich noch Da ging es allen noch schlecht.
00:45:56: Sie hat wirklich absolute
00:45:57: Armut erlebt, das kann man nicht anders sagen
00:46:00: in ihrer frühen Kindheit.
00:46:02: und ja ihr eigener Vater mein Opa der eben wie ich das vorhin schon gesagt
00:46:06: habe
00:46:08: nochmal an die Front geschickt wurde dann für ihn glücklicherweise frühzeitig in Kriegsgefangenschaft kam Das hat
00:46:13: er dann später
00:46:14: gesagt.
00:46:14: Es war eigentlich mein Glück dass sich da dann sofort weg war wo noch das Unnötigste aller Soldaten sterben stattgefunden hat.
00:46:23: Und
00:46:24: ja, so ist sie
00:46:26: in eine Familie reingeboren worden.
00:46:27: In der die Armut überall war
00:46:31: und
00:46:32: auch
00:46:33: das Gefühl, dass wir heute
00:46:36: wissen, dass das,
00:46:37: das Fünfundvierzig die Befreiung war.
00:46:39: aber ich glaube FünfundvierzIG haben die meisten Menschen Oma Hulda nicht, aber alle anderen alle an die diese Gesinnung nicht hatten gesagt, dass Wir sind auch in einer Situation
00:46:48: absolute Niederlage.
00:46:49: Das kommt ja noch dazu.
00:46:50: Also das war auch psychologisch
00:46:52: ein Tiefpunkt.
00:46:54: Und da wirst du reingeboren
00:46:55: und bist ein Kleinkind?
00:46:56: Genau, dass sie daraus will ist ja erst mal überhaupt nicht verwerflich!
00:47:01: Das war
00:47:01: ihr
00:47:01: absoluter
00:47:02: Antrieb den ich hundert Prozent nachvollziehen kann.
00:47:04: und sie ist... Auch immer wieder sage
00:47:06: ich das
00:47:07: dazu weil das gerne vergessen wird wo wir alle sagen die Bundesrepublik
00:47:11: ist
00:47:11: so die ganz tolle Demokratie schon gewesen.
00:47:15: Ja, sie ist in eine
00:47:16: Gesellschaft rein sozialisiert worden, in der man noch den Ehemann fragen musste ob man arbeiten gehen oder ein Konto
00:47:21: eröffnen durfte.
00:47:23: Also das sind Dinge die man nicht vergessen
00:47:25: darf
00:47:25: immer im Bewusstsein halten muss.
00:47:27: und ihr Weg nach oben würde ich es nicht mehr sagen sondern Sie wollte nichts mehr mit Armut
00:47:34: zu
00:47:34: tun haben
00:47:35: also ein klassisch
00:47:36: kommunistisches Ziel.
00:47:37: die klassenlose
00:47:38: Gesellschaft
00:47:39: hat sie
00:47:39: erst mal gesagt.
00:47:40: das will ich für mich aber auch haben.
00:47:44: Heirat
00:47:44: nach oben gesehen
00:47:45: und
00:47:46: das war ja auch der realistische Weg.
00:47:49: Und das
00:47:49: hat bei ihr gut funktioniert, wie gesagt sie ist dann
00:47:53: relativ früh
00:47:53: sogar, war
00:47:54: sie plötzlich in einer Situation da sie ein Haus
00:47:56: baut mit ihrem Mann?
00:47:57: Genau aber sie hat sich so schratztun oder wirst du auch gleich draus lesen Sie hat nicht nur den Schnöden konsumbetrieben es hat vor allen Dingen auch Kulturkonsum betrieben
00:48:06: und sie
00:48:07: nahe gebracht.
00:48:08: Das hat sie
00:48:09: genau!
00:48:09: Da hat sie die proletarische
00:48:11: Kulturnähe ihrer
00:48:12: ihrer Oma auch noch weitergetragen
00:48:14: und das hat sie
00:48:15: dann auch dem kleinen
00:48:15: Christian später
00:48:16: näher gebracht.
00:48:17: Und jetzt
00:48:18: ist
00:48:18: es aber nicht nur so,
00:48:21: dass diese
00:48:21: Ella ganz privat für sich
00:48:25: irgendwie verstanden
00:48:26: hat, dass
00:48:27: dieser Gesellschaft an sich
00:48:29: nicht besonders demokratisch
00:48:30: oder
00:48:31: gerecht ist sondern sie ist auch mit Anfang der achtziger Jahre
00:48:34: als sie Mitte dreißig
00:48:37: gewesen ist
00:48:37: da war sie selber
00:48:39: auch stark politisiert.
00:48:40: Und zwar, ich würde sagen
00:48:42: aus meiner Sicht auf der richtigen
00:48:43: Seite
00:48:44: und das sehen wir mal in der Szene die wir jetzt haben.
00:48:46: da
00:48:46: treffen nämlich
00:48:47: Ella
00:48:47: und Juli
00:48:48: gleich aufeinander.
00:48:51: Sie hätte mit einem der Busse fahren können aber das wäre doch bekannt geworden.
00:48:54: Ellas Unterstützung für Gesamtschule
00:48:56: und BAföG
00:48:57: Mitbestimmung und Sozialhilfe
00:48:58: all das
00:48:59: ging bei den immer schon besser gestellten
00:49:01: als Tribut
00:49:01: durch
00:49:02: an ein Kind
00:49:03: einfacher
00:49:03: Leute
00:49:04: Der gute Mensch von Kaiserslautern.
00:49:06: Das war Ellas
00:49:07: Rolle und solange
00:49:08: sie die Badermainhof-Bande, nicht nachträglich als
00:49:10: Badermaynhofgruppe
00:49:12: bezeichnete –
00:49:13: auch nicht vergaßt
00:49:14: von der sogenannten DDR zu reden,
00:49:16: war sie als bürgerliche
00:49:17: Frau mit leichtem Linkstrahl akzeptiert.
00:49:20: Bei der Ostpolitik hörte das Spaß auf!
00:49:23: Abrüstungssympathie war ein Synonym für Russenfreundschaft und galt als Wohlstandstersetzend und demokratiegefährdend.
00:49:31: Ob sie denn vergessen habe, was der Ami
00:49:32: für
00:49:32: ihresgleichen
00:49:33: getan habe?
00:49:34: Das gaben Sie
00:49:34: Ella zurück.
00:49:35: Die Leute
00:49:36: von den Erzwütten, wenn
00:49:37: ein leiser Zweifel am Wettersten aufkam, für das
00:49:39: sich seit
00:49:40: Helmut Schmidt
00:49:41: sogar die Sozialdemokraten
00:49:42: begeistert hat.
00:49:44: Also hatte
00:49:44: Ella bis zuletzt
00:49:45: offen
00:49:45: gehalten ob
00:49:46: sie die Reise nach Bonn antreten würde
00:49:48: zur großen Friedensdemonstration.
00:49:50: Norbert hatte
00:49:51: Ella abgeraten.
00:49:52: Das ist ihr Mann!
00:49:53: Wobei das zu vorsichtig ausgedrückt
00:49:55: war Denn er hatte
00:49:56: es ihr faktisch verboten
00:49:57: am Abend davor.
00:49:58: Es gehe auch um seinen Ruf.
00:50:01: Kurze Klammer, Norbert war bei den Amerikanern angestellt als Statiker und
00:50:06: ja in Kaiserslautern
00:50:07: gibt es wahnsinnig viele nach wie vor Amerikaner die dort stationiert sind.
00:50:10: Und ganz viele einige tausend Menschen sind nach wie
00:50:13: Vor auch als
00:50:15: Deutsche dort
00:50:15: Zivile angestellte und Norbert einer davon.
00:50:18: Deshalb
00:50:19: ging es
00:50:19: auch um seinen Ruf und nicht nur das
00:50:21: denn wenn seine
00:50:21: Vorgesetzten
00:50:22: erführen
00:50:22: dass seine Ehefrau in Bonn gegen
00:50:24: den Präsidenten der Vereinigten
00:50:26: Staaten demonstriert hätte
00:50:27: Könnte ihn das seine
00:50:28: Stellung
00:50:28: kosten und dann geriet er auch
00:50:30: der Kredit fürs
00:50:31: Haus
00:50:31: in Gefahr.
00:50:32: Also soll er sich diesen Mist mal
00:50:33: verkneifen?
00:50:35: Das mit dem
00:50:35: Haus hat
00:50:36: ihr den Rest gegeben, mal
00:50:37: wieder!
00:50:38: Der Entschluss war gefasst
00:50:39: und als sie am Morgen ins Auto stieg um zur Arbeit zu fahren, da
00:50:42: spürte
00:50:42: sie den Drang die Fernstraße anzusteuern.
00:50:45: Warum sollte sie sich
00:50:46: auf dem Büro nicht krank melden und den Cognito demonstrieren
00:50:49: gehen?!
00:50:49: Reagan, dieser
00:50:50: Schauspieler aus Washington
00:50:51: war tatsächlich zum NATO-Gipfel nach Deutschland gereist.
00:50:54: Das sagten sie im Radio – es könnte die größte Grundgebung auf deutschen Boden
00:50:58: werden seit Jahrzehnten!
00:51:00: Die Reise wäre auch mit
00:51:01: einem der Sonderzüge möglich gewesen aber gefährlich.
00:51:04: Die Bundesbahn
00:51:05: wollte
00:51:05: die
00:51:05: Fahrkarten für das Fünffache des Preises anbieten,
00:51:08: den Sie einundachtzig
00:51:09: zur ersten
00:51:10: großen Bonner Demonstration aufgerufen hatte.
00:51:12: Das sollte
00:51:13: wohl die Leute fernhalten.
00:51:14: Kurz vor knapp musste der Staatskonzern zurück rudern und
00:51:17: sich mit einem relativ moderaten Preisanstieg begnügen.
00:51:20: Allein schon darum wäre Ella gern mit der Bahn gefahren.
00:51:23: Hätte sie aber irgendwer am Bahnhof
00:51:25: gesehen, wär sie aufgeflogen – also keine Chance!
00:51:28: Auf dem Weg raus zum Betrieb juckte
00:51:30: es ein paar Mal in der rechten Hand.
00:51:31: Autobahnauffahrt Mannheim
00:51:33: knapp verpasst.
00:51:34: Autobahnauffahrt Frankfurt.
00:51:36: Im letzten Moment riss Ella das Steuer rum,
00:51:38: fuhr auf die mittlere
00:51:39: Spur
00:51:39: unter wildem Gehube
00:51:41: der Nachzügler.
00:51:42: Die vier und ein halb Stunden
00:51:43: auf dem Büro verbrachte
00:51:44: sie mindestens zur
00:51:45: Hälfte
00:51:46: in der Kaffeeküche.
00:51:47: Zur Tarnung hatte sie sich einen Papierstapel
00:51:50: mitgenommen, falls wer sich wundern sollte.
00:51:52: Leise lief das Radio.
00:51:54: Wesentliches
00:51:54: erfahren
00:51:55: konnte sie nicht!
00:51:56: Verlässliche Teilnehmerzahlen
00:51:57: gab es noch keine.
00:51:58: Die Reporter hatten vor allem Spott
00:52:00: übrig für Dorothee Sölle
00:52:02: mit ihrem zitierende
00:52:03: Berg
00:52:03: Predigt oder für Josef Boyce
00:52:05: – Mit seinem Lied Wir wollen Sonne statt
00:52:07: Reagan.
00:52:09: Doch die im Hintergrund
00:52:09: hörbare Menschenmenge reichte Ella aus, um sich dem Anliegen nahezufühlen.
00:52:14: Das wohl mehrere hunderttausend
00:52:16: Menschen dorthin getrieben hatte.
00:52:18: Am Nachmittag
00:52:18: saß sie in ihrer E-Klasse
00:52:20: vor der Berliner Straße und sah
00:52:22: wie Juli
00:52:23: aus dem Haus kamen.
00:52:25: Die trug
00:52:25: ihren Turnbeutel bei sich.
00:52:26: Immerhin,
00:52:27: sie war zu leicht
00:52:28: bekleidet für ein Mädchen
00:52:29: ihres Alters.
00:52:30: Es war zwar frühsommerliches Wetter für Anfang Juni aber die Stadt war eben
00:52:34: voll von
00:52:34: Testosteron gesteuerten Kerlen
00:52:36: und Ella gab es sich im
00:52:37: Geiste den
00:52:38: Befehl
00:52:38: das Bemuttern heute mal sein zu lassen.
00:52:41: Sie schuppte in Riegel der Beifahrertür nach oben.
00:52:43: Juli setzte sich auf
00:52:44: die Rückbank.
00:52:46: Wie geht's dem Vater?
00:52:48: Juli blickte sie milde Lächeln über den Rückspiegel
00:52:50: an.
00:52:51: Seit sie der Schule verwiesen worden
00:52:53: war, blieb Juli den ganzen Tag
00:52:54: zu Hause.
00:52:55: Ella probte keinen Aufstand.
00:52:57: Sie hatte genug andere Baustellen und Stadtgespräch werden unter ihren Lehrerfreunden wollte sie auch nicht.
00:53:02: Wenn
00:53:03: du noch lange
00:53:03: hier belaufen im Motor stehst ne?
00:53:05: Dann denken
00:53:05: die Nachbarn ich werde eine Edelnutte und tu meine Puffmutter!
00:53:10: Ella nahm einen langen Zug an ihrer Lordextra und
00:53:12: fuhr zügig
00:53:13: los.
00:53:14: Niemand sprach,
00:53:15: Juli stach bloß
00:53:16: immer wieder ihre bösen Blicke
00:53:17: über
00:53:17: den Rückspiel in Ellas Augen
00:53:19: so penetrant
00:53:20: dass sie irgendwann
00:53:21: lachen musste.
00:53:22: Was ist denn so witzig?
00:53:24: Gar nix.
00:53:24: Dann is ja gut!
00:53:26: Demonstrativ
00:53:27: strahlte Ella
00:53:27: ihre Schwester an.
00:53:29: Du komm, mach's mir
00:53:30: doch nicht so schwer
00:53:31: Das wird dir gefallen.
00:53:33: Wie kannst du da so sicher sein?
00:53:34: Ein bisschen Bewegung hat noch
00:53:35: keinem geschadet.
00:53:37: Wenn mich einer dabei sieht den ich
00:53:39: kenne dann red' ich nie
00:53:40: wieder mit dir.
00:53:41: Weißt du das?
00:53:42: Da hatten sie was gemeinsam.
00:53:44: Auch Ella wollte nicht entdeckt
00:53:45: werden.
00:53:46: Darum hatte sie ja den Norbert
00:53:47: bekniet
00:53:48: Er möge ein gutes Wort
00:53:49: einlegen bei seinen Chefs
00:53:50: damit sie hier draußen
00:53:51: auf dem Gebiet der Amis ihren Sport machen konnte.
00:53:54: In der Fußgängerzone
00:53:55: gab es zwar
00:53:56: auch ein Aerobics
00:53:57: Studio, aber dort schlug
00:53:58: nie eine Frau unter fünfzig auf.
00:54:00: die Musik war entsprechend
00:54:01: vorgestrich und das Training Fahrt wie Schmore Gemüse.
00:54:04: Im Radio
00:54:05: sprach die Polizei
00:54:06: von vierhunderttausend Die Veranstalter von sechshundertausend Teilnehmern in Bonn.
00:54:10: Wie immer dachte Ella dürfte
00:54:12: die Wahrheit
00:54:12: in der Mitte liegen.
00:54:14: Sie stellte das Gerät
00:54:15: aus denn sie waren fast
00:54:16: am Ziel.
00:54:17: Direkt vor der Einfahrt stand ein im Kontrollhäuschen, ein grimmig dreinblickender amerikanischer Soldat.
00:54:23: Der aus allen
00:54:23: Wolken
00:54:24: fiel als Ella
00:54:25: ihre ID-Kart vorzeigte.
00:54:27: Drei, nein viermal wechselte sein Sauertopfblick von Ellas Passfoto zu ihrem Gesicht und zurück.
00:54:32: Er fragte nach Juli, brummte, nickte.
00:54:35: Dann legte er die
00:54:35: gestreckten
00:54:36: Finger seiner rechten
00:54:37: Hand an den Schirm seines Hutes
00:54:38: sagte
00:54:39: MAM!
00:54:40: Und öffnete die Schranke.
00:54:41: Sie waren drin.
00:54:43: Klein Amerika
00:54:45: So nannten die Leute
00:54:46: in Kaiserslautern dieses streng
00:54:47: bewachte Gebiet für US-Bilitärangehörige,
00:54:50: auf dem es alles gab was die Amerikaner brauchten
00:54:53: damit sie eine Zeit lang
00:54:54: vergaßen nicht in Amerika zu sein.
00:54:56: Einkaufszentrum, Bowlingbahn, Schnellrestaurant, Bars,
00:54:59: Klamottenläden, Buchladen,
00:55:01: Banken, Casino,
00:55:02: Kino.
00:55:02: sogar die Straßen hießen
00:55:04: Kansas Street
00:55:05: und Florida Loop.
00:55:07: Durch den Rückspiegel sah
00:55:08: Ella
00:55:08: wie Juli die schlechte
00:55:09: Laune entglitt.
00:55:11: Ihr standen die Augen offen
00:55:12: vor Erstaunen über die Cadillacs von dem Diner und die Blechern aus den Lautsprechern.
00:55:16: dringende Rock-A-Billy Musik.
00:55:18: Sind wir in die Fünfziger
00:55:19: zurückgereist?
00:55:21: Die wollen ihren Leuteile
00:55:22: Welt vorspielen, sagt Ella.
00:55:23: Das ist
00:55:24: wie bei uns mit den Heimatfilmen
00:55:25: aus den Fünfzigern, die immer noch im Fernsehen laufen und nur den Zweck
00:55:28: haben dass unsere Eltern die Nazi
00:55:30: Zeit verdrängen können.
00:55:32: Hier müsstest du mal mit der Oma herkommen.
00:55:34: Bist du das Wahnsinns
00:55:35: die arme Frau wieder Herzkarschberg kriegen!
00:55:38: Beide lachten sie über die ein und dieselbe Sache.
00:55:40: Das hat es ewig nicht gegeben.
00:55:42: Deshalb Ella beide
00:55:43: da übergriffig geworden wäre.
00:55:45: Nichts wollte sie in diesem Moment mehr als
00:55:47: ihre Schwester
00:55:48: fest in den Arm zu nehmen.
00:55:50: Julie schien das
00:55:50: zu ahnen, denn sie stiefelte voran in das
00:55:53: Gebäude
00:55:53: mit dem bunten Schriftzug Jim Tonic.
00:55:56: In der Umkleidekabine waren Sie allein weil die anderen Frauen
00:55:59: offenbar alle schon in der kleinen Halle waren.
00:56:02: Ella zog
00:56:02: sich ihren Gymnastikanzug über.
00:56:04: Der war schwarz,
00:56:05: so wie ihre Strumpfhose.
00:56:07: Und der war so
00:56:07: eng, dass
00:56:08: man jedes Fettpülstisch
00:56:09: hin sah.
00:56:10: Julie hatte sich für
00:56:10: diesen Schlabberlook
00:56:11: entschieden.
00:56:12: Sie trug eine graue Jogginghose einen grauen
00:56:14: Pullover und ein graues Stirnband.
00:56:17: Welcome Ella!
00:56:18: rief ihr die Kursleiterin
00:56:19: schon von weitem zu als sie den Trainingsraum betrat.
00:56:23: This is your sister beautiful girl.
00:56:26: Überall streckten
00:56:27: und
00:56:27: deten sich die schlanken
00:56:28: amerikanischen Frauen.
00:56:30: Die Farben ihrer Sportkleidung reichten von grellgelb
00:56:33: bis tiefrot.
00:56:34: Die Vortunnerin
00:56:35: trieb es auf die Spitze.
00:56:37: Unter ihrem goldfarbenen Spandex-Top
00:56:39: zeichneten sich ihre
00:56:39: Brustwarzen ab,
00:56:41: das irritierte
00:56:41: Ella
00:56:42: und während
00:56:42: der Übungseinheiten
00:56:44: wurde es nicht
00:56:44: besser.
00:56:46: Aus dem Kassettenrekorder kam sehr laute Tanzmusik
00:56:49: übertönt von den
00:56:49: Kommandos
00:56:50: dieser Frontfrau.
00:57:00: Ella liess
00:57:00: sich nicht aus
00:57:01: der Fassung
00:57:01: bringen, als Juli nach einer
00:57:03: Viertelstunde in der
00:57:04: Ecke saß.
00:57:05: Nein sie war hier um
00:57:06: fit zu bleiben
00:57:07: und das einzig
00:57:08: wirklich
00:57:08: störende
00:57:09: waren die vielen Spiegel.
00:57:11: Ella war es gewohnt sich von außen
00:57:12: mit dem
00:57:13: Blick anderer Leute zu betrachten aber nicht so!
00:57:16: Nicht der hat naturalistisch auf
00:57:17: den nackte
00:57:18: Realität
00:57:18: zurückgeworfen.
00:57:19: Das tat mehr weh als jede Dehnübung.
00:57:23: Sie hatten klein Amerika
00:57:24: schon wieder verlassen und steuerten
00:57:25: die Innenstadt
00:57:26: an, als
00:57:27: Julie es wieder
00:57:27: nicht lassen konnte Die erneut auf
00:57:29: der
00:57:29: Rückbank saß, wie eine Diva im Taxi
00:57:32: und mit Ella über den
00:57:33: Rückspiegel
00:57:34: kommunizierte.
00:57:36: Was war an die Tussis
00:57:36: so aufgekratzt
00:57:37: eigentlich?
00:57:39: Sind halt
00:57:39: Amerikanerinnen!
00:57:41: Ist dann wahrscheinlich doch
00:57:42: ein Synonym für Dummheit.
00:57:45: Kannst du nicht einmal
00:57:46: was Gutes
00:57:46: sagen?!
00:57:47: Du treibst mich in den Irrsinn!
00:57:49: Du hast mich doch mitgeschleift schon vergessen.
00:57:51: freiwillig hätte ich nie einen Schritte reingesetzt.
00:57:53: Was zur Hölle müssen wir tun damit
00:57:55: du zufrieden bist
00:57:56: Juli?
00:57:56: Was?
00:57:57: Wer ist denn bitte wir?
00:58:00: Ach, die Oma, der Vater, die Mira.
00:58:01: Wir alle
00:58:02: machen uns Sorgen um dich, Juli!
00:58:04: Was redest du da bloß?
00:58:05: Wo kriegt man die Tabletten
00:58:06: her?!
00:58:07: Juli, willst Du Dein Leben verpfuschen?
00:58:09: und wieso viele
00:58:10: bei uns in der Familie
00:58:11: in der unglücklichen
00:58:11: Ehe versauern im Azifiertelbleibe?
00:58:14: Red nicht
00:58:15: so über uns vor allem nicht über den Vater.
00:58:17: das habe ich Dir schon oft gesagt.
00:58:18: lasst die Überhebliche
00:58:19: Scheiße!
00:58:21: Du bist ja nur so aggressiv weil Dich recht hab'.
00:58:23: Manche aus der
00:58:24: Familie ist verloren
00:58:25: aber Du kannst noch ein anständiger
00:58:26: Mensch werden.
00:58:28: Du kommst
00:58:28: mir mit Anstand.
00:58:30: Jetzt sag ich dir
00:58:30: mal was, Ella.
00:58:31: Die Wahrheit ist doch
00:58:32: dass wir alle die
00:58:33: Schnauze gestrichen voll
00:58:34: haben von dir!
00:58:35: Du wirst
00:58:35: uns vor das mir nur die Hauptschul
00:58:37: gemacht haben.
00:58:37: Schön
00:58:38: an welchen Gimmie hast
00:58:39: du Abitur gemacht?
00:58:40: An welchem?
00:58:41: Du würfst uns vor, dass wir die falschen Partner
00:58:43: haben.
00:58:43: Wir hatten sich den Partner nach Einkommen und Vermögen ausgesucht.
00:58:46: Wer denn?
00:58:47: Du würfst UST VOR, dass man uns nicht genug
00:58:49: um die Mira kümmern.
00:58:50: Wer gibt's dich dann lieber mit seinen Bonzenfreunden ab als mit der eigenen Familie?
00:58:53: Wer denn, Ella,
00:58:54: wer?!
00:58:55: Sie schrie so laut, dass
00:58:56: Ehlers Ohren bebten.
00:58:57: Tränen stürzten ihr aus den Augen.
00:58:59: Binnen Sekunden sah sie alles verschwommen.
00:59:02: Daher fuhr sie an den Straßenrand,
00:59:04: hielt an,
00:59:05: Juli brüllte immer noch ihr Werden!
00:59:08: Und dann war es vorbei.
00:59:09: Ella schlug mit beiden Händen gegen's Lenkrad
00:59:12: Mit aller
00:59:12: Kraft und noch lauter schreiend als Juli.
00:59:15: Sie schrieren
00:59:15: Schmerzen hinaus
00:59:16: und hörte bestimmt zwei Minuten lang nicht auf.
00:59:18: damit So wütend und traurig war
00:59:20: sie
00:59:21: von der kleinsten Schwester
00:59:22: verachtet.
00:59:23: Dabei ging es nur um die Hilfe.
00:59:25: Nur um Hilfe
00:59:26: ging es ihr
00:59:26: und sonst nichts!
00:59:27: Sie wollte den Schwestern zur Selbsthilfe
00:59:29: verhelfen,
00:59:30: bloß hingen sie auch
00:59:31: mit drin in den Zwängen der
00:59:32: Welt von denen sie alle keine Ahnung hatten.
00:59:36: Ella konnte keine Regelverstöße sich erlauben, sonst flog
00:59:38: sie raus aus
00:59:39: diesem Milieu.
00:59:39: UND
00:59:41: dieses
00:59:41: Milieu
00:59:42: das verzieht keine Regel Verstöse.
00:59:44: Dann könnte sie den SchWestern aber
00:59:47: nicht mehr zur Selbst-Hilfe verhalten weil
00:59:49: Emporkömmlinge
00:59:50: wie Ella
00:59:51: Die erhielten nie, nie
00:59:52: einen zweiten Einlass.
00:59:53: Das musste den noch mal so langsam reingehen
00:59:55: in die Schädel!
00:59:56: In diese verdammten...
00:59:56: das war doch
00:59:57: nicht zu viel verlangt!
00:59:59: Langsam, sehr langsam beruhigten sich
01:00:01: beide.
01:00:02: Sie sahen einander
01:00:03: durch den Rückspiegel
01:00:04: in die Augen
01:00:04: schnaufend wie nach einem Boxkampf über zwölf Runden der unentschieden
01:00:08: gewertet worden war.
01:00:10: Wissend dass der Rückkampf kommen würde, kommen musste.
01:00:13: Irgendwann in nahezu
01:00:14: künft.
01:00:15: Ella klappte die Sonnenblende runter, sah
01:00:17: ihn ins Spiegel und brachte Fassong in ihr Gesicht.
01:00:20: Dann fuhr sie los, ohne noch ein einziges Wort mit Julie
01:00:22: zu
01:00:23: sprechen.
01:00:24: Sie würde schon verstehen
01:00:24: die Kleine und ihren Weg gehen – mit Ella!
01:00:28: Mit einem Mal
01:00:28: fühlte
01:00:29: sich das
01:00:29: alles für sie weniger an wie eine
01:00:31: Eskalation denn wie ein Aufbruch
01:00:33: als sie der
01:00:33: Abenddämmerung
01:00:34: entgegenfuhren
01:00:35: wie zwei ausgelaukte
01:00:36: Cowboys,
01:00:37: die im Western
01:00:38: in den Sonnenuntergang hineinreiten.
01:00:43: Noch mal Ella, die ja auch sehr zerrissene Persönlichkeit ist.
01:00:50: also
01:00:51: ich habe jetzt gerade bei der Verfilmung von Manson der Klasse
01:00:54: häufiger die
01:00:55: Rückmeldungen bekommen.
01:00:57: Diese Ella ist halt auch wirklich
01:00:58: ein bisschen arrogant.
01:01:02: Ich kann schon nachvollziehen, dass sie ist wie
01:01:05: sie ist.
01:01:06: Denn für sie ist das Ganze ja auch nicht leicht.
01:01:09: Man muss vielleicht dazu sagen ... Die Mutter dieser drei Schwestern ist früh gestorben.
01:01:15: Da war Juli noch ziemlich jung und dann war Ella aufgrund des Altersunterschieds so was wie ein Mutterersatz.
01:01:21: Sie hat sich zumindest so gesehen.
01:01:25: Eigentlich hatte
01:01:26: sie ja diese
01:01:26: Wurzeln schon ... Sie hat sie nicht gekappt,
01:01:28: aber sie hatte sich
01:01:29: da entfernt und wurde auf einmal wieder reingeschleudert.
01:01:32: Und sah sich verantwortlich dafür, dass aus den beiden jüngsten Schwestern irgendwie was wird.
01:01:38: Ja, das glaube ich, das kann einen Menschen auch richtig ... Es kann einen wirklich glatt zerreißen!
01:01:44: Und sie war mehrmals ganz kurz davor
01:01:46: über all
01:01:46: die Jahre.
01:01:47: Ich hab's in
01:01:48: meiner Kindheit später noch erlebt als sie dann wieder
01:01:51: aufgetaucht ist
01:01:53: Sie sich mit meiner Tante, Juli dann auch wieder gut verstanden hat
01:01:57: kurzzeitig.
01:01:58: Und dann
01:01:58: flogen aber
01:01:59: auch schnell wieder die Fetzen weil es auch darum ging
01:02:01: wie gehen wir eigentlich
01:02:02: mit den Kindern jetzt konkret um?
01:02:04: Der Christian soll sich da mal mehr darauf konzentrieren dass er hier auch bei der Zeitung schreiben will.
01:02:09: das
01:02:10: hat er doch gesagt.
01:02:10: und während meine Tante die meine Erziehungsberechtigte war die tante Juli
01:02:15: aber auch gesagt hat er darf aber
01:02:16: auch beim Matto unterrichtet fehlen
01:02:18: verstehst du das ist alles wichtig jetzt?
01:02:20: Und so sind immer wieder Gegensätze aufeinandergeprallt, bis ganz zum Schluss.
01:02:27: Bis meine Tante Ella die Echte im vergangenen Jahr leider verstorben ist.
01:02:33: Sodass Juli jetzt eigentlich die einzige Überlebende
01:02:36: ist
01:02:36: dieser Drei, denn für die auch nicht wissen, meine Mutter ist gestorben da war ich zehn Jahre alt und sie zweiunddreißig.
01:02:44: Das gehört eben
01:02:45: auch zur Tragik, dessen wie diese
01:02:46: Geschichte
01:02:46: dann weitergegangen ist.
01:02:47: Aber dieses Szene zwischen Ella und Julie war mir, ist mir dann auch besonders wichtig nicht nur weil sie zeigt das
01:02:54: auch mal wieder die
01:02:55: politisch die
01:02:56: Zeiten waren, wie politisiert sondern gleichzeitig auch nochmal dass da zwei Menschen zwanzig Jahre altes Unterschied aufeinandertreffen, zueinander streben, die eigentlich auch wenn man da zwischende Zeilen das merkt nicht mehr und nichts mehr wollen als dieses Samengehörigkeitsgefühl
01:03:14: auch zu
01:03:14: leben aber im Alltag immer wieder dran scheitern.
01:03:18: Und es hat eine
01:03:19: große Tragik.
01:03:20: was in diesem Buch ja ganz klar herauskommt ist dass alle diese drei Frauen hohe Intelligenz sind.
01:03:28: und was ich mir gut vorstellen kann ist dass Ella Wenn sie nicht in diesem Zwängen leben müsste, wenn sie einen anderen Weg hätte wählen können.
01:03:39: Vielleicht eine erfolgreiche Karrierefrau geworden wäre.
01:03:41: und ich glaube dass das etwas ist was einem Menschen egal ob man oder Frau eine schwere Würde auflegt wenn man sich unter seinem Wert ständig beweisen
01:03:52: muss.
01:03:53: Sie hat häufiger diesen Satz gehört den ich eben vorgetragen habe mit du wirst also uns vor dass mir hier Kann Abi haben, welches Abi hast du dann gemacht?
01:04:00: Oder dass
01:04:00: wir nur Hauptschulabschluss
01:04:01: haben.
01:04:02: Das hat sie nie jemanden ganz bewusst vorgeworfen aber es kam so an und dann kommt diese Retourkutsche
01:04:08: die
01:04:08: sich ganz
01:04:08: besonders schmerzt weil sie genau weiß und das ist einfach klar
01:04:12: Sie hätte
01:04:13: natürlich
01:04:13: auch dieses Zeug
01:04:13: gehabt.
01:04:15: Und ja Menschen neigen dazu.
01:04:17: ich bin bei mir selber merke ich das auch immer wieder.
01:04:21: Wir können
01:04:21: noch sehr Systemlogiken durchschauen scheinbar und irgendwie im Marx-Lese-Kreise rauf und runter
01:04:28: machen,
01:04:28: am Endeffekt werden wir Schuldgefühle ja trotzdem nicht los.
01:04:31: Und denken vielleicht nix hat doch in Wahrheit an mir dass
01:04:34: ich da gescheitert
01:04:34: bin.
01:04:36: Bei ihr ist es eben sehr eindeutig
01:04:37: auf die
01:04:38: Schranken der Gesellschaft
01:04:39: zurückzuweisen
01:04:40: gerade in ihrem Jahrgang.
01:04:41: Ist das einfach eine ganz andere Nummer gewesen?
01:04:44: Trotzdem hat
01:04:44: sie diese Schuldgefühl bis zuletzt nicht...
01:04:47: ist sie die nicht los geworden?
01:04:50: Das ist auch eine tragische Nummer, so sehr man es auch sagen konnte.
01:04:54: Aber immerhin konnte ich dann auch immer wieder mit ihr sprechen darüber was sie eigentlich faktisch
01:04:58: geschafft hat.
01:04:59: Also einfach
01:05:00: zu sagen dass ich das bei Lesungen jetzt auch immer weder sage wenn die ... Sie können sich vorstellen dass ich manchmal Schulterklopfer bekomme und Leute sagen hast du toll gemacht?
01:05:08: Du hast
01:05:09: es ja geschafft!
01:05:10: Und ich dann sage naja also
01:05:12: erstens was heißt das
01:05:13: schon?
01:05:14: Ich
01:05:15: hab einfach
01:05:15: dieses Glück gehabt dass ich da
01:05:17: durchkam, weil ich an den entstrechenden
01:05:19: Wegmarkten meines
01:05:19: Lebens Leute hatte.
01:05:21: Die mich gesehen haben und mich gefördert haben sehr aktiv in dem System
01:05:26: und außerhalb
01:05:26: des Systems.
01:05:27: Bei einem chronisch unterfinanzierten Jugendamt gab es irgendwann eine Betreuerin die gesagt hat, denen
01:05:33: pauke ich durch!
01:05:35: Und dann gab's Lehrerinnen, die gesagt haben ja das ist echt...die
01:05:39: Bedingungen
01:05:39: sind bescheiden aber
01:05:42: den pauk ich durch
01:05:44: Ging das immer weiter und in der Familie waren das eben Leute wie meine
01:05:47: Tante Ella,
01:05:48: die gesagt hat
01:05:49: den kriegen
01:05:49: wir durch.
01:05:50: Da
01:05:50: passiert nicht das was mir passiert ist was mein Schwestern passiert ist
01:05:53: Der wird.
01:05:55: ich sehe ja nicht sehr der will
01:05:56: unbedingt und wir kriegen das irgendwie hin Und sie haben es irgendwie hingekriegt.
01:06:00: und dass ist nicht in erster Linie mein Werk.
01:06:02: Das hat nichts mit Begabung Leistungen oder sonstwas zu tun.
01:06:06: So eine grundlegende Neugier
01:06:09: Eine Neigung
01:06:10: in eine bestimmte Richtung muss erkennbar und da sein, damit man helfen kann.
01:06:13: Aber ohne diese Hilfe geht es nicht!
01:06:15: Man kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen – das geht nicht.
01:06:18: Das ist eine Geschichte von Baron Menschhausen aber nicht von Christian Baron.
01:06:24: Den kriegen wir durch, das ist aber so ein Satz, den ich eigentlich viel mehr deiner Tande Juli zugeschrieben hätte.
01:06:29: Sondern diese Ella habe ich beim nächsten viel zu vieler erlebt auch aus dem ersten Buch.
01:06:35: also erst du beschreibst dass er dir einen Spiegel-Abo schenkt.
01:06:39: Ja!
01:06:39: Das finde ich schon sehr bemerkenswert wie weitsichtig und wie klug sie da gehandelt hat hier in den richtigen Moment an die Hand zu nehmen mitzunehmen ins Theater... ...ins...
01:06:48: Zu Lesungen
01:06:49: auch?
01:06:50: Aber nicht nur das, sondern
01:06:52: die hat
01:06:52: das nie überhüllt.
01:06:53: Das finde ich auch gut.
01:06:54: Im Nachhinein
01:06:55: ist mir das erst klar geworden.
01:06:57: Ich saß dann mit ...
01:06:58: Mit fünfzehn
01:06:59: Jahren saß ich im Freistunden in der Schule und hab den Spiegel gelesen.
01:07:05: Und dann kam ...
01:07:06: Ich weiß es noch genau, da kam mein Religionslehrer vorbei,
01:07:08: guckt
01:07:09: sich das an die Szenerie und ist
01:07:10: völlig fassungslos.
01:07:13: Er kann's nicht glauben!
01:07:14: Nicht nur weil er meinen Hintergrund kannte, sondern dass ein Fünfzehnjähriger da sitzt.
01:07:19: Heute ist es noch unwahrscheinlicher, weil wir Smartphones haben.
01:07:21: Aber dass da ein Fünfzehnjähriger
01:07:22: mit einem Spiegel sitzt...
01:07:24: Das war und das ist auch auf Sie zu sehen.
01:07:26: wie hätte ich denn sonst
01:07:27: überhaupt
01:07:28: daran geführt werden sollen?
01:07:29: Und dann
01:07:29: auch nach
01:07:30: so früh!
01:07:31: Das ist ihr
01:07:32: Werk.
01:07:33: und ja sie hat das besonders subtil gemacht eben, dass sie auch nicht gesagt hat
01:07:37: Übrigens, das
01:07:38: ist was ganz Besonders Tolles
01:07:39: Sondern
01:07:39: ja gesagt hier Damit du nicht immer nur die Sportbild
01:07:42: liest Hier gibt's
01:07:43: auch ein bisschen Politik drin Da
01:07:44: interessiert dich vielleicht
01:07:45: auch und die Wirtschaftszeiten und so.
01:07:47: und offenbarum, weil ich sonst die kleine Kommentarspalte unserer Lokalzeitung kannte.
01:07:55: Und die Bild-Zeitung hatte immer eine bestimmte Schlagseite.
01:07:58: Dann habe ich da mal Texte gehabt, die auch über fünf Seiten hinweg ein Thema behandelt haben.
01:08:06: Das war für mich wahnsinnig wichtig in meiner Entwicklung.
01:08:09: So sind es die Kleinigkeiten, die es dann machen.
01:08:12: Während man sich dann immer das abwehre und sage, nee ...
01:08:16: Das sind diese Dinge, die es bewirkt
01:08:18: haben.
01:08:19: Mein Wunsch ist eben ... Wenn ich eine Botschaft hab, dann ist es die, es soll nicht von solchen Zufällen abhängen!
01:08:25: Diese Gesellschaft funktioniert wie ein Lotteriespiel und das darf nicht sein.
01:08:29: Deswegen bin ich eher
01:08:30: das Beispiel
01:08:30: für den glücklichen Lotto-Gewinner der jetzt da sitzt und sagt,
01:08:33: nee, also
01:08:36: das was wir als Lottospiel
01:08:37: bezeichnen, ist ein Grundrecht, dass wir die Möglichkeit haben jeden geben,
01:08:42: wie das so
01:08:43: schön heißt, Gott, jetzt bin ich aber... Jeder
01:08:46: nach
01:08:46: seiner Versorgung.
01:08:50: Genau, jeder aus seiner Versongen, sondern dieser marxistische
01:08:52: Spruch
01:08:53: das eben wirklich allen nach ihren Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen dass diese Dinge nicht zu trennen sind voneinander Aber es wird ja permanent getrennt Und das ist der
01:09:02: Fehler.
01:09:03: Das hat's
01:09:04: Sogar meine Tante Ella immer wieder gewusst.
01:09:06: Es kann natürlich sein, dass das einfach
01:09:08: auch durchgetröpfelt
01:09:09: ist von der großartigen meiner Großmutter, dass diese
01:09:13: wichtigen
01:09:14: Erkenntnisse weitergegeben wurden.
01:09:16: Bisschen dazu, dass ich dann irgendwann ein Buch geschrieben habe, in dem der Klassenbegriff vorkommt und jetzt immer noch mal bei Lesungen hier ziemlich sicher nicht erklären darf, warum ich diesen altmodischen Begriff in einen Buchtitel genommen
01:09:32: hab.".
01:09:34: Es hört eben noch nicht auf.
01:09:35: Aber wir kommen immer wieder einen Schritt weiter, also ich meine eure Aufgabe ist das auch in meinem Bereich und dass irgendwann einmal das nicht mehr hinterfragt
01:09:44: wird
01:09:45: und wir alle dann einfach
01:09:46: sagen können ja wir haben eine Klassengesellschaft und die wollen wir überwinden
01:09:50: Punkt aus Ende
01:09:51: und deswegen reden wir auch drüber.
01:09:53: Die drei Frauen in deinem Leben sind ein wunderbares Beispiel dafür, dass Bildung etwas ist, was auch außerhalb der Schule passiert.
01:10:00: Zumindest Herzensbildung und woanders gelehrt.
01:10:03: Bei dir war es die Oma, die Omei der drei
01:10:05: Frauen ... Ja?
01:10:06: ... die wahrscheinlich alle gleich geliebt hat, wahrscheinlich aber nicht alle gleich behandelt haben.
01:10:14: Das kann man nicht, das halte ich eh für fatal!
01:10:18: Und alle drei haben einen ganz besonderen eigenen Weg genommen.
01:10:21: Der, das hast du jetzt schon mehrfach gesagt durch viele Höhen und Tiefen gekennzeichnet war.
01:10:25: Durch annähern und wieder wegstoßen, durch Vertrauen schenken ... Und wieder wegnehmen!
01:10:32: Wie war das Verhältnis zum Schluss oder in den ganz schwierigen Situationen?
01:10:37: Ja also gerade in dieser sehr wichtigen Phase für die beiden jüngeren Schwestern.
01:10:43: Das kann ich auch sagen, warum haben wir diesen
01:10:47: Titel...
01:10:48: Es gab schon einmal ein Werk des drei Schwestermähs von einem
01:10:52: Dichter, der ein
01:10:54: kleines bisschen bekannter ist als
01:10:56: ich.
01:10:56: Und ich habe lange überlegt, ob wir diesen Titel überhaupt
01:10:59: nehmen
01:10:59: sollten und das irgendwie
01:11:01: nach draußen hingedacht
01:11:02: wird.
01:11:03: Ohlitz, er holt sich jetzt
01:11:04: so einen Titel... Mein Verleger
01:11:05: hat gesagt
01:11:06: es ist halt der beste Titel!
01:11:08: Ich
01:11:08: hatte den im Exposé ursprünglich stehen als in klammern drei Schwestern in Klammern aktueller
01:11:13: Arbeitstitel
01:11:14: oder vielleicht
01:11:14: auch bestmöglicher Titel?
01:11:16: Es ist der Bestmögliche
01:11:17: deshalb
01:11:18: weil Mira
01:11:19: irgendwann einmal relativ früh in Berlin dieser Gedanke kommt.
01:11:22: Ich will alle nur nach Hause, da heißt es nicht nach Moskau sondern nach Kaiserslautern und dahin geht
01:11:27: sie auch zurück
01:11:29: nach ganz langen hin und her und dann sind diese drei wieder an einem
01:11:33: Fleck
01:11:34: und die Dynamik entfaltet sich dann eben wirklich auf eine sehr komplexe Art weil die Mira schwanger wird.
01:11:39: noch einmal
01:11:40: wo doch eigentlich
01:11:41: alle der Auffassung sind die muss jetzt doch nochmal die Schule fertig machen
01:11:45: Also diese Dinge,
01:11:46: die eigentlich in diesen klassischen Coming-of-Age-Geschichten gar nicht großartig vorkommen.
01:11:51: Weil es meistens in dieser Art von Geschichten vorausgesetzt wird, dass das in der Schule hat man vielleicht
01:11:56: mal Probleme
01:11:57: aber man kriegt den Abschluss schon.
01:12:00: Dass das eigentlich wenn man einer bestimmten sozialen Klassenfraktion angehört auch zum grundsätzlich existenziellen Problem werden kann, dass dann auch die Dynamik zwischen in der Familie so stark ins Wanken bringt, das wird kaum thematisiert.
01:12:13: Und hier war es mir wichtig,
01:12:14: dass auch noch mal mit dieser mütterlichen Figur Ella
01:12:16: durchzuspielen.
01:12:17: im Vergleich zu diesen beiden Jüngeren.
01:12:20: und ja ... Wie's ganz am Ende kam ist es natürlich klar, meine Mutter ist gestorben und die beiden haben sich dann zusammengerafft um die Kinder durchzubringen.
01:12:30: aber bis dahin war sie ein sehr steiniger Weg, der auch immer wieder mal tief ins Tal geführt hat.
01:12:36: Genau!
01:12:39: Es gibt eben eine Szene gegen Ende des
01:12:41: Textes,
01:12:42: da.
01:12:43: ich habe der Recherche für diesen Roman herausgefunden.
01:12:46: Das ist im Jahr in unserer Dreiundachtzig-Vierundachtzlich eine Inszenierung, eine Tscheche auf drei Schwestern inszenieren am Pfahlstheater in Kaiserslautern gehabt.
01:12:54: So
01:12:55: gleichzeitig hatte ich in meinem Notizbuch ganz viele Geschichten darüber wie es zwischen den Dreien zu sagen was ruhig zum großen Verrat
01:13:05: gekommen
01:13:05: ist.
01:13:07: Und da war natürlich die Versuchung sehr groß,
01:13:10: die drei
01:13:10: Schwestern in die drei Schwester zu schicken und das Theater zu einer großen Konfliktzone zu machen.
01:13:17: Dieses Kapitel heißt
01:13:18: Neue Männer braucht
01:13:19: das Land
01:13:20: aber es geht in dem Fall jetzt erst mal um die Frauen!
01:13:23: Das ausgerechnet Juli diesen Theaterbesuch
01:13:25: vorgeschlagen
01:13:26: hatte, das konnte man wirklich keinem erzählen.
01:13:28: Ella war überrascht gewesen
01:13:30: wie ein Kind
01:13:30: dass von seinen strengen Eltern eine Zuckerstange erhielt.
01:13:33: Letztlich
01:13:34: war es eher eine fixe Idee,
01:13:35: die Juli rasch
01:13:36: bereute aber nicht zurücknehmen
01:13:38: wollte.
01:13:39: Die drei Schwestern sehen sich die drei SchWestern am Pfeilstheater
01:13:42: an,
01:13:42: das klang doch logisch!
01:13:44: Mira war
01:13:44: früh
01:13:44: dran wie immer – sie wartete am Fackelbrunnen
01:13:47: mit
01:13:47: besten Blick
01:13:47: auf den Zugang zum Theater.
01:13:49: Schräg gegenüber lag die Kauffalle.
01:13:51: Um den roten Schriftzug
01:13:52: herum hingen Weihnachtsbeleuchtungen.
01:13:54: Die Leute kosteten den langen
01:13:56: Adventssammstag
01:13:57: bis zur letzten
01:13:57: Minute aus.
01:13:58: Mira wäre lieber in der Kauffallee
01:14:00: als hier, aber
01:14:01: sie musste
01:14:01: Julie und Ella eingefallen tun.
01:14:03: Sonst bekämen
01:14:04: die das nur wieder in den falschen
01:14:05: Hals.".
01:14:06: Also
01:14:06: würde sie
01:14:07: ihren Ungeborenen heute sein erstes
01:14:08: Theaterstück
01:14:09: zeigen, auch wenn er es nur hören konnte.
01:14:13: Sie trug
01:14:13: einen Jungen mit sich herum.
01:14:14: daran zweifelte Mira nicht.
01:14:16: das war bloß ein Gefühl
01:14:17: aber ein Sicheres
01:14:18: und vielleicht
01:14:19: war's auch
01:14:19: einfach ein starker Wunsch dass diesmal ein kräftiger Bub herauskommen mochte
01:14:24: keinen sensibelchen
01:14:25: wie die kleine Nunzia
01:14:27: Die von Anfang an
01:14:27: keine Chance gehabt hatte in einer Welt in
01:14:29: der solche Sensibelchen nicht vorgesehen
01:14:31: waren.
01:14:32: Auch hier nochmal
01:14:33: Klammer auf
01:14:34: Der Prolog dieses Buches, den
01:14:36: ich bei Lesungen sehr ungern vortrage, weil das sehr emotional ist für mich auch.
01:14:41: Es beschreibt eine Todgeburt die meine Mutter
01:14:44: neunzehnneunundsiebzig
01:14:45: hatte als sie selbst
01:14:47: erst
01:14:48: knapp sechzehn Jahre alt war.
01:14:51: Die Schwestern ließen auf sich warten weshalb Mira das Programm heftlas.
01:14:55: ganz vorne hatten Sie ein Bild gedruckt.
01:14:57: es zeigte
01:14:57: eine junge Frau die im Begriff war irgendwas in den Mund zu schieben.
01:15:01: Das konnte
01:15:02: eine Olive
01:15:02: sein oder
01:15:03: ein Stein, ein
01:15:04: Stück Schokolade oder eine
01:15:05: Gewerkugel.".
01:15:07: Der Innenteil begann
01:15:08: mit einer Inhaltsangabe.
01:15:09: In den drei Schwestern findet sich die
01:15:11: ausschließlich Darstellung
01:15:12: einsamer Erinnerungstrunkener
01:15:14: von der Zukunft
01:15:15: träumender Menschen.
01:15:16: Ihre Gegenwart wird erdrückt
01:15:18: von Vergangenheit
01:15:18: und Zukunft
01:15:19: ist Zwischenzeit –
01:15:21: Zeit des Ausgegrenztseins,
01:15:23: in der die Rückkehr in die verlorene Heimat
01:15:25: das einzige
01:15:26: Ziel ist.
01:15:27: Nun ja dachte sie, wenn es weiter nix ist?
01:15:29: Sie blätterte zur letzten
01:15:31: Doppelseite
01:15:32: und tatsächlich
01:15:32: fand sie
01:15:33: dort das Wort,
01:15:34: dass sie lieber
01:15:34: nicht gefunden hätte.
01:15:36: Spieldauer circa drei Stunden
01:15:38: Pause
01:15:38: nach dem zweiten
01:15:39: Akt.
01:15:40: Nichts am Theater verabscheute Mira mehr als Pausen.
01:15:44: Lieber blieb sie vier
01:15:44: Stunden in einem verstaubten Stück sitzen als ein paar Minuten im
01:15:47: Foyer zu schmoren
01:15:49: bei Sekt- und Honorationen
01:15:51: Die Sprechen wollten
01:15:51: über säumige
01:15:52: Miete am Kotten oder Gerüchte um Bettgeschichten des Oberbürgermeisters.
01:15:56: Beim Großteil des Publikums drängte sich Mira der Eindruck
01:15:59: auf, diese meist uralten oder zumindest uralt
01:16:01: wirkenden Leute sei nur der Pause wegen hergekommen um ihre
01:16:05: Kontakte in bessere Kreise
01:16:06: zu
01:16:06: pflegen oder
01:16:07: Präsenz zu zeigen
01:16:08: auf dem Boulevard der Eitelkeiten gelangweilter Fischgabelbürger.
01:16:12: Ob alles in Ordnung sei fragte
01:16:13: Julie
01:16:14: dabei sie gerade angekommen und als
01:16:16: Mira erschöpft
01:16:16: nickte hakte Julie sich unter und gab ihr mit einem Blick
01:16:20: zu verstehen
01:16:21: dass sie sich heute
01:16:22: Abend vor nichts zu fürchten brauchte.
01:16:24: Vor dem
01:16:25: Eingang wartete Ella an einem Standaschenbecher.
01:16:28: Sie trug
01:16:28: ihr Abendgleit in dunkelblau, damit gingen sie unter in der Masse an einfallslos
01:16:33: gekleideten
01:16:33: Damen.
01:16:34: Die drei Schwestern saßen im Paket Reihe zehn
01:16:36: Mitte.
01:16:37: Das war nicht die Premiumplätze das hieß
01:16:39: Nicht die teuersten was daran lag
01:16:41: dass Juli sie
01:16:42: von
01:16:42: Ralfs Vater bekommen hatte der als Hausmeister
01:16:45: In den Kulturzentrum
01:16:46: nebenan arbeitete
01:16:47: und dabei als Gefälligkeit
01:16:48: immer mal wieder von den Kulturfreunden im Haus
01:16:51: mehrere Karten
01:16:52: auf einmal bekam
01:16:53: fürs Pfeißtheater.
01:16:55: Wichtig war für Mira,
01:16:56: dass sie in der Mitte
01:16:57: bewahrt blieb
01:16:57: vor dem Spuckfontänen des Ensembles – denn eine Grippe
01:17:00: war das letzte womit sie ins letzte Schwangerschaftstrittel
01:17:03: gehen wollte!
01:17:04: Auch fand
01:17:05: Mira
01:17:05: die Möglichkeit
01:17:06: reizvoll
01:17:06: neben dem Bühngeschehen
01:17:07: zusätzlich
01:17:08: das
01:17:08: Publikum
01:17:09: beobachten zu können —
01:17:10: das große Hausboot
01:17:11: in seiner Mitte die
01:17:12: beste Sicht
01:17:12: auf Vorderleute
01:17:13: und Bühne.
01:17:15: Da war zum Beispiel dieser ältere Mann mit weißem Stoppelbad
01:17:17: im Paket Rechts Reihe
01:17:18: Fünf.
01:17:19: Anfangs noch lächelte
01:17:20: er, ob des vielversprechenden
01:17:22: Begins an dem Olga in einem schönen Salonsaas und zurück wollte nach Moskau.
01:17:26: zu Beginn
01:17:27: lagen die Schauspielerinnen auf der kalten Fläche ineinander gewickelt
01:17:30: wie ein einziger
01:17:31: unzertrennlicher
01:17:32: Körper.
01:17:33: langsam ganz
01:17:34: langsam krabbelten
01:17:35: die Frauen auseinander.
01:17:37: sie blieben sich trotzdem bedingungslos
01:17:38: ausgeliefert
01:17:39: so als hingen sie an unsichtbaren
01:17:41: Fäden Waren sie einander feindlich
01:17:43: gesinnt,
01:17:44: wollten sie
01:17:44: sich loswerden
01:17:45: oder miteinander verschmelzen.
01:17:47: Wer oder
01:17:47: was hinderte
01:17:48: sie nur
01:17:48: daran zu tun und zu lassen, was sie wollten?
01:17:51: Das waren alles Fragen die Mira schon in den ersten Minuten durch den Kopf rauschten!
01:17:55: Die Mine des Stoppelbars
01:17:56: versteinnerte
01:17:57: schnell
01:17:57: als auf der
01:17:58: Bühne einen Disput begonnen hatte
01:18:00: zwischen
01:18:00: den Frauen von denen die eine sich nach der großen Liebe sehnte, die andere lieber Hausfrau
01:18:05: geworden wäre als Lehrerin und
01:18:06: die dritte ganz
01:18:07: und gar desillusioniert
01:18:08: war.
01:18:09: Eine Ewigkeit verharte der Versteinderte Kerl in diesem Zustand aus,
01:18:13: bis das Lächeln zurückkehrte.
01:18:15: Allerdings erst nachdem ihm die Augen zu gefallen waren.
01:18:19: Da war aber auch diese
01:18:20: Dame
01:18:20: eine
01:18:20: Reihe dahinter – dank der Notausgangsleuchten,
01:18:23: die dieses schummrige
01:18:24: Atmosphäre
01:18:24: auf der
01:18:25: Bühne
01:18:25: zerstörten ließ sich von der Seite
01:18:27: ihr unablässiges
01:18:28: Nicken begutachten.
01:18:30: Gefiel
01:18:30: dieser Frau etwa wie die Figuren
01:18:31: so aufgekratzt
01:18:32: agierten
01:18:33: als hätte man Heinz Erhardt ausgebuddelt
01:18:35: und ihn mit Louis de Finness
01:18:36: zusammengebracht?
01:18:38: Während sich Masha's Ehemann eintönig ausdrückte, offenbarte ein genauer Blick auf die Dame was wirklich dahinter steckte.
01:18:45: Sie kämpfte gegen das Einschlafen!
01:18:47: Mirat hat
01:18:47: vor allem der Regisseur leid
01:18:49: weil
01:18:49: er hier offenbar den ehrenwerten
01:18:50: Versuch
01:18:51: unternahm den alten und wenig
01:18:52: vom Freiheitsdrang
01:18:53: der Jugend zu erzählen.
01:18:54: da wäre es
01:18:55: Erfolgversprechender gewesen
01:18:56: ein Rudel
01:18:57: Wölfe zur Vegetarien
01:18:58: zu machen.
01:18:59: Wie viele Leute
01:18:59: aus dem
01:19:00: Publikum an diesem Abend wohl in
01:19:01: vierzig
01:19:02: Jahren noch am Leben wären?
01:19:03: Viele dürften
01:19:04: nicht sein.
01:19:05: Da konnten die
01:19:06: sich auf der Bühne abrackern, wie sie wollten.
01:19:08: Die Leute verstanden nichts!
01:19:09: Sie schliefen ihre Zeit ab damit sie am Montag bei der Arbeit
01:19:12: oder
01:19:12: beim Einkauf in der Mannheimer Boutique sagen konnten, sie hätten sich ein Stück von Tschechow angesehen drei Stunden lang.
01:19:19: Die Dame war in der Pause
01:19:20: einer der ersten, die sich eine
01:19:21: Sektflöte sichern
01:19:22: konnte.
01:19:23: Mira, Juli und Ella standen meterweit entfernt.
01:19:26: Dank Ellas Bestellung
01:19:27: vor dem Vorstellungsbeginn waren sie mit Wein und Wasser versorgt
01:19:31: und hatten sich
01:19:31: Fensterwärts verkrochen.
01:19:33: Doch durch das Stimmengewirr hindurch barnte sich das Organ der Frau seinen Weg.
01:19:38: Die Frau
01:19:38: war begeistert
01:19:39: vom Bühnenbild
01:19:39: und Kostümen, weil es alles so authentisch
01:19:41: das Zarenreich
01:19:42: abbildet.
01:19:44: Überhaupt vielen in den Gesprächen,
01:19:45: die sich um die Inszenierung treten
01:19:47: – und das waren überraschend
01:19:48: viele –
01:19:49: Wörter wie Kraft
01:19:49: voll kraftlos
01:19:50: Schweinkram!
01:19:52: Und dann diese
01:19:52: immergleichen Sätze.
01:19:54: Wahnsinn, wie die das alles auswendig
01:19:56: können.
01:19:56: Interessant
01:19:57: aber ist das nicht auch für ihren Geschmack
01:19:58: zu modern?
01:20:00: Warum müssen sie so
01:20:00: schreien?!
01:20:02: Fandest du's Also,
01:20:03: undeutlich gesprochen.
01:20:05: Ein ellersuchenden Augenspieler sah Lars Mira ab, dass irgendwas nicht
01:20:09: mit ihr stimmte.
01:20:10: Die ganze
01:20:11: Zeit
01:20:11: wirkte
01:20:11: sie
01:20:11: schon nervös.
01:20:12: Unkonzentriert,
01:20:13: abwesend!
01:20:14: Sie wurde immer nervöser.
01:20:16: Ihre Hand fing sogar leicht zu zittern an, fast plätscherte
01:20:19: der Wein
01:20:19: aus ihrem Glas.
01:20:20: Da zwang sie sich
01:20:21: sichtlich zu einem Lächeln Denn diese
01:20:24: Duttfrau
01:20:24: kam direkt
01:20:25: auf die drei
01:20:25: Schwestern
01:20:26: zu...
01:20:27: ...Also der Sekt
01:20:28: war auch schon mal günstiger.
01:20:29: Da treibt uns bald
01:20:30: nicht mehr nur der Steuerstaat
01:20:32: in den Ruin.
01:20:33: So kahlauerte die Frau
01:20:34: schon aus der Entfernung.
01:20:36: Ella, meine liebe gute Ella!
01:20:38: Wie ist es dir gegangen?
01:20:41: Von einer ein
01:20:41: Minute zu anderen hatte Ella den Modus
01:20:43: gewechselt.
01:20:44: Ihre
01:20:44: Stimme klang
01:20:44: jetzt viel höher
01:20:45: als vorhin.
01:20:46: Sie agierte mindestens so aufgekratzt
01:20:47: und künstlich
01:20:48: wie
01:20:48: die Schauspielerin auf der Bühne.
01:20:50: Sie hielt
01:20:52: den Ellbogen der Frauen der Handfläche und versuchte
01:20:54: hinüber zur Theke zu
01:20:55: gelangen.
01:20:56: Doch die Frau blieb
01:20:57: steif und feststeh'n Und fixierte
01:20:59: Mira wie
01:20:59: eine Schlange, Die
01:21:00: vorhat ihr
01:21:01: Opfer zu lähmen.
01:21:02: Juli sah weg
01:21:03: so als wäre
01:21:03: die Frau nicht irgendeine Schlange Sondern Kaha aus dem Dschungelbuch!
01:21:07: Die Lähmungen Nicht nur durch Bisse
01:21:08: verursachen konnte, sondern
01:21:09: auch Durch Augenkontakt.
01:21:11: Zagen sie
01:21:12: gute Frau, Sie kommen hier so bekannt
01:21:13: vor!
01:21:15: Mira sagte
01:21:15: nix,
01:21:16: Ella schien innerlich
01:21:17: zu kollabieren.
01:21:18: Verraten sie Mirae Nachnamen?
01:21:21: Wagner...
01:21:22: Dachte ich es mir also, Sie waren mal Schülerinnen in der Klasse einer meiner
01:21:26: besten Freundin.
01:21:27: Erinnern
01:21:28: sie sich an die
01:21:28: Frau
01:21:28: Lomarck?
01:21:30: Auch das noch dachte Mira!
01:21:32: Sie
01:21:32: sah nach unten und spürte
01:21:33: dass Ella die Situation
01:21:34: noch unangenehmer war.
01:21:36: Wissen Sie, die gute Jutta
01:21:37: erzählt mir immer gern von Ihrem Alltag... ...und manche Ihrer Schützlinge sind ihr nach Feierabenden
01:21:42: Position
01:21:42: wert.
01:21:43: Dazu gehören Sie Frau Wagner.
01:21:45: Ich hab sogar
01:21:45: Fotos
01:21:46: von Ihnen gesehen.
01:21:48: Dann grüßen Sie die Frau Romark doch bitte vor mir sagte Mira, die die Faust hinter ihrem Rücken balte.
01:21:54: »Das werde
01:21:55: ich Frau Wagner!
01:21:55: Das werde
01:21:56: ich!« glückste die Frau,
01:21:57: die auf Miras
01:21:57: Bauch
01:21:58: starte
01:21:58: und dann doch sagte was sie sich offenbar
01:22:00: eigentlich
01:22:01: verkneifen wollte.
01:22:03: »Wenn ich richtig sehe sind Sie gute
01:22:04: Hoffnung!
01:22:05: Mein Glückwunsch!
01:22:06: Alle Achtung in Ihrem Alter!
01:22:08: Das dürfte in Ihren Leben eine neue Richtung bringen.
01:22:10: Und da wird die gute Jutta sich auch freuen wenn ich das erzähle.
01:22:13: ja?
01:22:14: Das wird sie!
01:22:15: Warum zur Hölle tat
01:22:16: sich kein Loch im Boden auf, in das Mira springen konnte?
01:22:19: Ella wäre ohne Zögern gefolgt.
01:22:22: Sicher freuen Sie sich auf die Zeit mit dem Kleinen!
01:22:24: Es gibt nichts
01:22:24: Schöneres als sich um
01:22:25: einen Säugling zu kümmern und
01:22:27: achten sie drauf dass ihr Mann auch mal ein wenig mithilft
01:22:30: ne?
01:22:30: Sie sind doch eine moderne Frau oder nicht?
01:22:33: Ja Pissbötte
01:22:34: Mira darauf werde ich schon achten was der mitmacht.
01:22:37: Was macht
01:22:38: ihr mein beruflich?
01:22:38: wenn
01:22:39: ich fragen
01:22:39: darf?
01:22:40: Es klingelte
01:22:41: zum zweiten
01:22:41: Mal, das Publikum
01:22:42: trabte zurück
01:22:43: in den Saal geschlossen und gleichförmig wie Arbeiter in die Fabrik.
01:22:46: Die Dame blieb
01:22:47: stehen wie angewurzelt – sie war noch
01:22:49: nicht fertig
01:22:49: hier!
01:22:51: Ich denke wir sollten dann, sagt Ella, sonst machen die
01:22:53: ohne uns
01:22:54: weiter.".
01:22:55: Die Dame tat
01:22:56: so als hätte Ella nichts gesagt und redete weiter auf Mira ein.
01:22:58: Wissen Sie?
01:22:59: Die
01:22:59: Ella und ich kennen uns schon über unsere Ehemänner ewig.
01:23:02: Mein Mann ist Professor für Ingenieurwesen an der Universität
01:23:06: Das freut mich, sagt Imhira
01:23:08: die eine peinliche Pause entstehen ließ.
01:23:10: Gerade wollte Ella los.
01:23:11: da sprach die Frau
01:23:12: sie noch mal an.
01:23:13: nun
01:23:13: sag Ella in welchem Verhältnis stehst du zu den kreizenden
01:23:15: jungen Damen hier?
01:23:17: Das sind
01:23:18: Fingen Sie an kurz
01:23:19: nur zögern
01:23:21: das sind Praktikanten
01:23:22: im Betrieb
01:23:22: meines Mannes.
01:23:23: Da werden gerade Helfen der hände gebraucht
01:23:25: bei der Auftragslage nicht wahr?
01:23:27: Juli stand der Mund
01:23:28: offen.
01:23:29: Die Dame lächelte freundlich, wünschte Mira und Juli noch viel Freude beim Praktikum und ging zurück
01:23:34: zu ihren Begleiterinnen
01:23:35: die raschen Schritte ins große
01:23:36: Haus
01:23:36: zurückkehrten.
01:23:38: Ella stammelte
01:23:38: Unverständliches
01:23:39: sie fühle
01:23:40: sich nicht besonders
01:23:41: und müsse jetzt
01:23:42: gehen.
01:23:42: Sie machte Anstalten, die beiden zu umarmen
01:23:45: entschied sich im letzten Moment um und verließ das
01:23:47: Theater
01:23:48: ohne sich nochmal umzudrehen.
01:23:59: Wieso ein schweren Satz?
01:24:01: Gebe ich aber die Diskussion frei.
01:24:08: Es ist so, mir ging's auch so.
01:24:10: Weil ich hab geagnet und gedacht ... Oh, war ja ...
01:24:13: Ich sag in solchen Fällen immer gerne, ähm... Ich habe durchaus Verständnis für Ella.
01:24:20: Das ist
01:24:20: eine Sache die dann ein bisschen ... weil eigentlich denkt man, die Sache ist sehr eindeutig.
01:24:26: Aber ich erkenne mich natürlich auch in manchaler Hinsicht wieder.
01:24:31: Bei mir haben sich solche Dinge nicht in dieser Form aber ähnliche Arroganz-Ignoranz Verleumdungsanfälle haben sich durchaus
01:24:41: auch abgespielt, als ich
01:24:42: angefangen habe zu studieren in der Universität.
01:24:45: Ich wollte nicht dass man weiß wo ich herkomme
01:24:47: am Anfang und allein dafür.
01:24:50: das ist ja auch ein gewisser weise das ist nicht nur in gewisser Weise das ist hier auch ein verrat
01:24:53: aktiv dass ich
01:24:55: mir mein dialekt ich hab bis zum abitur ja mussten mich meine lehrerin und Lehrer eigentlich.
01:25:02: Wenn es noch ein Lauf gewesen wäre, hätten sie mich wahrscheinlich geprügelt.
01:25:04: Damit ich das Standarddeutsch spreche.
01:25:06: Aber ich hab immer im Dialekt mich ausgedrückt mündlich
01:25:08: und an der Uni war's
01:25:09: schlagartig vorbei damit.
01:25:11: Einfach nur weil ich wusste
01:25:12: dass
01:25:12: in der Pfalz ... Das ist in Schwaben vielleicht gar nicht so wahnsinnig viel anders.
01:25:16: In der Pfals ist es
01:25:17: sehr stark
01:25:18: negativ konnotiert.
01:25:19: Also macht das lieber nicht.
01:25:20: Es schickt sich nicht so.
01:25:23: Ja dann wollte ich natürlich ... Ich habe abends mit Leuten zu
01:25:25: tun
01:25:25: gehabt deren Eltern eher Nichtmöbelpacker waren.
01:25:29: Die konnten das gar nicht nachvollziehen.
01:25:32: Dann wollte ich
01:25:32: lieber
01:25:33: in Kognito
01:25:34: sein, am liebsten.
01:25:35: Ich wollte
01:25:35: es so wie die Reset-Taste
01:25:37: drücken eigentlich und ich fange jetzt nochmal bei Null an.
01:25:39: was aber falsch ist.
01:25:41: wir
01:25:41: sind ja
01:25:42: mit neunzehn
01:25:42: Jahren die ich damals war da bist du schon noch nicht ausgereift In deiner Persönlichkeit aber schon eigentlich sehr sehr weit Und Das ist gewiss dass auch ein Verrat Und deswegen kann ich zumindest nachvollziehen dass
01:25:56: so etwas passiert
01:25:57: ist
01:25:57: also
01:25:58: die Dinge, die in der Realität geschehen sind zwischen der echten Tante Ella und meiner echten Mutter.
01:26:04: In dieser Hinsicht ist das hat meine Mutter so
01:26:06: tief gekränkt
01:26:07: also dass sie noch auf ihrem Sterbebett kaum bereit war mit ihrer ältesten Schwester zu reden.
01:26:16: Sie haben sich immer wieder zusammengerauft aber es blieb bis zum Schluss.
01:26:21: Weil
01:26:23: sie hatte ja diese Sicht
01:26:28: Mo sich interessiert.
01:26:29: Sie hat
01:26:30: ein wahnsinnig
01:26:30: wacher Kopf, sie hat
01:26:32: in ganz vielerlei Hinsicht Lasten getragen die viele andere nicht zu tragen hatten und hat sich dann da wahnsinnigt zurückgesetzt gefühlt
01:26:40: was ich
01:26:41: auch wiederum verstehen kann.
01:26:42: ja also dass ich in der Lage bin beide Seiten zu verstehen dafür bin ich eigentlich jetzt dankbar weil ich natürlich bis vor ein paar Jahren auch noch gedacht habe
01:26:50: Da hast du dich nicht so doll
01:26:51: verhalten aber ich konnte mir der echten Tante Ella hier auch darüber reden.
01:26:54: Also sie hat mir ihre eigene Zerrissenheit schon auch mal in Worte fassen können und ich habe mich dann darin wiedergefunden.
01:27:00: Und gesagt, du warst ein paar Jahre älter als ich und hast eine andere Art von
01:27:04: Milieuwechsel hingelegt
01:27:06: wie ich ihn auch hingelegt hab.
01:27:07: aber
01:27:08: das wichtige ist nicht
01:27:10: dass du da mal Fehler gemacht hast sondern dass du das
01:27:13: jetzt
01:27:13: einsiehst und dass du uns... Du hast ja dann im Endeffekt
01:27:16: doch
01:27:17: sozusagen zu deinen Leuten gestanden
01:27:19: weil sie
01:27:20: Aber
01:27:21: das darf man auch nicht vergessen.
01:27:22: Meine Geschwister sind ja auch ihren Weg gegangen, also nicht den, den ich gegangen bin sondern auf ihre Art und Weise dass sie zum Beispiel als Eltern oder in ihren Berufen aufgehen.
01:27:32: Sie haben
01:27:33: dann nicht Abitur gemacht aber das ist ja jetzt nur nicht muss ich euch auch nicht sagen jetzt nicht das Entscheidende, sondern entscheidend ist, dass man ein Leben führt indem man keine Not leidet und indem man das machen kann was man möchte.
01:27:45: und Das ist das Werk dieser Frauen.
01:27:48: Das sagte ich
01:27:49: ihr immer wieder bis zum Schluss.
01:27:50: Und ich hoffe
01:27:51: doch sehr, dass diese Schuldgefühle, die sie
01:27:55: hatte auch am Ende ... zumindest als es gleichrangig war damit.
01:27:58: Diese Schuldgefühl ist hier nie losgeworden.
01:28:01: Es war natürlich auch extrem schwer.
01:28:03: Seine Mama ist so früh gestorben, hätten Sie mehr Zeit gehabt?
01:28:07: Hätten Sie vielleicht einen Weg gefunden, sich zu verzeihen?
01:28:11: Deine Mama-Herr-Hörer-Schwester.
01:28:12: Ja,
01:28:13: meine Tante Juli
01:28:14: hat auch diese
01:28:14: ... Sie hatten auch die Größe, sich dann irgendwann mal auszusprechen.
01:28:19: Und
01:28:20: sie sind
01:28:21: sozusagen da im Frieden voneinander geschieden.
01:28:23: Das was bei meiner Mutter, die eben Anfang dreißig war und die Wunden noch so
01:28:27: frisch waren
01:28:28: nicht unbedingt möglich gewesen ist.
01:28:33: Geht's halt ihr dran?
01:28:36: Tief berührt sitzen sie vor uns!
01:28:38: Also ich seh es wirklich in den Augen, wir gings beim Lesen so... ...und als wir vor einem zusammen saßen und den Abend ein bisschen vorbereitet haben, hab' ich auch gedacht Es ist so ein Geschenk dieses Buch dass sie uns da gemacht hat.
01:28:49: Ich finde, das ist ein Geschenk.
01:28:53: Es zeigt so viel Größe und so viel Wärme bei allem was ins Leben so schief gegangen ist.
01:28:59: Das ist schon besonders!
01:29:01: Ja, es ist
01:29:02: natürlich ein Anliegen... ich bin gerade wieder sehr stark in diesem Text drin weil wir morgen Probenstart haben am Pfeilstheater.
01:29:12: Da sind wir wieder am Pfeilstheater, denn die drei Schwestern von Tschechow waren da schon oft.
01:29:16: Aber die drei Schwester von mir, die kommen jetzt in der Bühnenfassung dort
01:29:20: gespielt, die ich selber geschrieben
01:29:22: habe – das ist natürlich eine ganz tolle Sache und ich hab' jetzt nochmal dadurch, dass ich das ja auch nochmals zähnig umarbeiten musste diese Konzentration auf die Kernkonflikte nochmal wahnsinnig viel von diesen drei Figuren gelernt, diesen drei Menschen gelernt Und dafür bin ich wiederum wahnsinnig dankbar.
01:29:43: Das ist ja für mich dann wiederum ein Geschenk!
01:29:46: Wir haben hier eine Meldung.
01:29:48: Ja, wenn
01:29:50: ich schon die Gelegenheit habe... Was hat nun das jetzt mit ihr gemacht?
01:29:53: Diese Theologie ist jetzt auch schon ein bisschen länger her, dass du sie abgeschlossen hast.
01:29:58: Aber trotzdem weil dieser erste Band, da hab' ich viele Interviews mit dir lesen,
01:30:02: was ein wahnsinniger Aufriss,
01:30:05: so in seiner ganzen Existenz irgendwie zu blicken und seine ganze Familiengeschichte zu blücken.
01:30:10: Und dann schließt man das irgendwann ab
01:30:12: und sagt,
01:30:14: das ist eine Übergang zur Frage.
01:30:17: Sagt man dann jetzt auch mal gut?
01:30:18: Also sozusagen, jetzt habe ich irgendwie über
01:30:21: Jahre
01:30:21: Seelenschau von mir selbst betrieben.
01:30:24: Ist es für dich jetzt auch einmal abgeschlossen oder hast du das Gefühl, dass es ein Prozess der wirklich Ehe begleiten wird?
01:30:32: Ja, begleitet mit mich der Prozess auch weiterhin aber ich
01:30:35: werde jetzt
01:30:35: erst noch nicht mehr
01:30:36: darüber schreiben.
01:30:37: Ich hab das nachdem ein Mann seiner Klasse doch ein Überraschungserfolg, also es war nicht klar, dass ich noch mal einen weiteren Buchvertrag bekomme.
01:30:45: Den habe ich dann bekommen und dann auch gleich zwei weil ich gesagt habe, ich möchte gerne das zu einer Trilogie machen, weil ich die Perspektiven der Generationen alle abbilden will, die ich persönlich überblicken kann.
01:30:56: Da hab' ich mir eben das okay von meinem damals noch lebenden Großvater
01:31:01: geholt, der gesagt hat jo
01:31:02: schreibst du was schönes über mich?
01:31:05: Und eben
01:31:06: von den beiden Tanten, die auch noch sagen konnten... Wir vertrauen dir, macht das.
01:31:11: Aber für mich war dann von Anfang an in dem Moment, als ich entschieden habe auch klar mit dieser Trilogie ist es dann auch
01:31:16: gut.
01:31:17: Ich
01:31:18: möchte weiterhin
01:31:20: meinen Themen treu bleiben.
01:31:21: Der Roman, an dem ich jetzt schreibe hat nichts mit Kaiserslautern zu tun.
01:31:24: Er hat nichts, mit meiner Familie zu tun aber er hat weiterhin mit den Leuten zu tun die meine sind also meine eigenen Klassenfraktionen aus der ich stamme Die Menschen, die ja ... Den Laden am Laufen halten wie wir immer so schön sagen Aber die Grenzen gesetzt bekommen von einem politischen System, das
01:31:46: nicht vorsieht.
01:31:47: Dass solche Menschen
01:31:48: aus sich selbst heraus
01:31:49: ein glückliches Leben führen
01:31:50: können und dass so viel kann ich jetzt sagen.
01:31:52: es ist ein Gegenwartz Roman in absoluter Gegenwart-Romanen den ich jetzt schreibe.
01:31:57: also ich gehe auch nicht in die Vergangenheit wie ich das bisher immer gemacht habe.
01:32:00: Ich bin jetzt sehr
01:32:01: stark an der akuten Gegenwart der sozialen Frage in der Gegenwart interessiert.
01:32:06: Das
01:32:07: ist auch wahnsinnig wichtig im Augenblick und ja deswegen sage ich, ich habe damit abgeschlossen aber irgendwie auch doch nicht.
01:32:14: Weil das verfolgt mich dann weiterhin und ich hab diese Bücher nicht geschrieben weil ich Seelenschau betreiben wollte.
01:32:24: Dafür gibt es Psychotherapeuten
01:32:25: die das sehr viel besser können als ich als Autor mit selber zu therapieren.
01:32:30: Ich habe das ja vor allen Dingen gemacht weil ich darin eine ästhetische aber auch gesellschaftspolitische Dimension jeweils gesehen habe.
01:32:37: Und da ...
01:32:39: das bewirkt.
01:32:40: Da bewirken
01:32:40: die Lesungen für mich, auch die Theaterfassung, die ich noch hab, wo es weitergeht, da merke
01:32:46: ich.
01:32:48: Ich habe in meinem Leben den Beruf des Zeitungsredakteurs gelernt und schreibe gerne dann immer
01:32:53: saftige
01:32:54: Leitartikel geschrieben im Freitag und so.
01:32:59: Damit habe ich nicht so viel
01:33:00: bewirked
01:33:00: wie mit den Romanen, mit denen ich unterwegs bin.
01:33:03: Dann kommen manchmal Leute zu mir, hier wird mir das wohl nicht passieren klassischen Literaturhäusern oder so, dass dann Leute zu mir kommen und sagen ... Sie haben dem was ich auch aus meiner FAZ kenne mit Zahlen und Daten und Kurven.
01:33:16: Dass die Armut und die soziale Ungleichheit immer größer
01:33:19: wird.
01:33:20: Sie haben dements mal konkrete Geschichten gegeben, Gesichter
01:33:23: gegeben.
01:33:23: Und das ist wichtig für mich.
01:33:27: Manchmal kommt es sogar als Leute zu mehr kommenden Sachen.
01:33:29: Ich hab mein Liebtag
01:33:30: CDU gewählt,
01:33:31: das mach'
01:33:31: ich nicht mehr.
01:33:33: Das ist
01:33:33: natürlich das Allerschönste!
01:33:38: Ich sag da natürlich immer, denken Sie genau drüber nach.
01:33:40: Ob sie jetzt zur
01:33:41: SPD wichst?
01:33:47: Ich höre das jetzt und okay trotzdem habe ich gerade gedacht aber eine Figur in deiner Familie könntest du es aber schon noch mal an widmen.
01:33:59: Ja, wer denn?
01:34:00: Was sind einige?
01:34:01: Aber...
01:34:02: Ich erwefe, ich hab so deine Uhr im Blick.
01:34:07: Ja?
01:34:07: Natürlich habe ich Bock darauf.
01:34:09: Das ist ja gar keine Frage.
01:34:11: Es kann sein, dass ich irgendwann mal sage ...
01:34:14: Also das würde dann
01:34:16: so laufen wie das mittlerweile im Serienformat im Fernsehen oder im Streaming-Gilsten läuft.
01:34:21: Ich mach dann halt ... es ist ein Spin Off.
01:34:22: nochmal!
01:34:25: Denen ist aber glaube ich schwer zu sein könnte.
01:34:27: Gerade diese Generation Eine Frau, die über neunzig geworden ist.
01:34:31: Wie gesagt, ich kann es noch mal sagen.
01:34:32: Schön ist die Nacht, habe ich begonnen.
01:34:34: Das ist die Geschichte der
01:34:35: Großeltern und ... Ich hab mich dann so intensiv mit meiner Urgroßmutter beschäftigt,
01:34:41: dass ich gesagt hab, das ist so wichtig!
01:34:44: Sie war
01:34:44: eben einfach auch wichtig
01:34:46: für sowohl
01:34:47: ihre Kinder als auch ihre Enkelkinder.
01:34:49: Das erklärt
01:34:50: mir, das hat mir so viel Erleuchtung gebracht.
01:34:54: Warum ist
01:34:55: diese Juli?
01:34:55: So wie sie ist?
01:34:56: natürlich
01:34:57: hat das ganz viel damit zu tun und auch dass wir uns einfach mal immer wieder klar machen wenn man in dieser apokalyptischen Stimmung sind und uns auch das immer wieder nochmal sagen
01:35:07: Es war
01:35:08: eben kein Automatismus Dass die Weimarer Republik im Nazi-Regime aufgeht.
01:35:12: Nein!
01:35:13: Das war es nicht.
01:35:14: Ganz eindeutig
01:35:15: nicht Und das ist dort eine lebhafte kommunistische
01:35:19: Partei
01:35:20: gab, dass es eine großartige Sozialdemokratie ganz am Anfang noch gegeben hat.
01:35:25: Das darf man dann auch nicht vergessen.
01:35:27: natürlich
01:35:27: wir
01:35:28: dürfen auch also das diese Wege dann so ging wie sie sind mit dem ersten Weltkrieg und dem
01:35:32: Folgen den
01:35:32: da hatte... eine Geschichte,
01:35:36: das auf Oma Hulda
01:35:37: zu münzen.
01:35:37: Und so sagen wir erzählen
01:35:39: diese Geschichte jetzt
01:35:40: ganz klar von unten.
01:35:41: Das ist natürlich ne Sache über die ich ganz viel nachdenke und die mich auch umtreiben würde.
01:35:47: aber ich muss jetzt für mich ganz persönlich glaube ich auch als Autor erst mal sagen Ich muss die Bagage jetzt mal beiseite lassen
01:35:54: Könnte es doch aber so eine Brücke schlagen?
01:35:56: Also ich betrachte...ich bin Jahrgang sixty-fünf und ich betachte mit sehr viel Sorge wie Die Generation nach mir, die übernächste vielleicht schon ist Einschub unsere Tochter zum Glück nicht ausrufe sein.
01:36:13: Aber alles das was wir als Frauen erkämpft haben manchmal fast mit Füßen treten.
01:36:22: Mir geht der Feminismus verloren den Kampf um Frauenrechte und das was Wir Erwungen haben dass es auch bleibt.
01:36:29: Und ich habe vorhin so gedacht Das war sie aber Deine Uroma, eine Feministin.
01:36:37: Das Interessante ist ...
01:36:39: Ich würde beide Hände ins Feuer legen dafür, dass sie sich nie so bezeichnet hätte.
01:36:42: Aber sie war's!
01:36:44: Im Gegensatz
01:36:44: zu sehr vielen, die sich heute so bezeichnen.
01:36:46: Genau,
01:36:47: vielleicht wäre das ja ... Du hast auch so zoologisch studiert?
01:36:50: Vielleicht wär das sozusagen mal ein Weg von der Bagage hin zum Feminismus.
01:36:55: Am
01:36:57: Beispiel, der.
01:36:57: Mir fällt
01:36:58: jetzt gerade noch was ein, weil ich grade eine ganz tolle Biografie
01:37:00: über die
01:37:01: Autorin Irmgard Keun gelesen habe
01:37:03: von Tobias Lehmkuhl
01:37:05: und dann habe ich mir parallel noch Interviews mit ihrem
01:37:07: Godcoin.
01:37:07: Es gibt ein
01:37:08: paar, da kann man sich auch eins anhören als Hörbuch... Und da wird sie auch darauf angesprochen!
01:37:13: Frau
01:37:13: Cohen ist ja...
01:37:14: Also die ist jünger als Oma Holter gewesen.
01:37:17: Sie hat zwanzig geboren aber
01:37:20: In den Neuzerzehnten
01:37:20: geboren, also zehn Jahre jünger ungefähr.
01:37:22: Aber
01:37:23: die Generation und sie wird
01:37:25: Frau
01:37:25: Cohen sagen Sie mal da war sie
01:37:26: siebzig,
01:37:27: also Anfang der achtziger Jahre auch.
01:37:29: Frau Cohen, sagen Sie Mal!
01:37:30: Sie waren doch eine Feministin.
01:37:32: Sie haben sich Dinge erlaubt, die man sich als frau oder in einer warmen Republik
01:37:35: als Autorin, bekannter
01:37:37: AutorInn
01:37:38: nicht hätte
01:37:38: erlaufen.
01:37:39: Und
01:37:39: sie
01:37:39: geht
01:37:39: sofort dazwischen
01:37:41: und sagt Sie war zwar
01:37:45: in Berlin geboren,
01:37:46: aber dann in Köln aufgewachsen.
01:37:47: Was man ihrem schönen rheinländischen Singensang noch anhört ...
01:37:51: In diesem Ding.
01:37:51: und dann
01:37:52: sagt sie eben wirklich, dass er sich gegen diesen Begriff zur Wehr
01:37:55: setzen möchte.
01:37:56: Und das hat sie schon den Achtzigerjahren gesagt.
01:37:59: Weil sie sagt nee da geht's ja eher nur darum,
01:38:02: sich zu profilieren
01:38:03: mit irgendeinem Wort.
01:38:05: Ich hab einfach gemacht was ich wollte und hab mir Verbündete gesucht um das durchzusetzen.
01:38:11: Wenn sie das
01:38:11: Feminismus nennen wollen,
01:38:13: dann nennen
01:38:13: Sie es Feminismus.
01:38:14: Aber
01:38:15: ich würde es nicht so sagen!
01:38:16: Weil der Feminist sagt, das finde ich interessant... Die Männer werden als das reine Böse
01:38:23: bezeichnet
01:38:24: und da gehe ich nicht mit, kann ich Ihnen sagen?
01:38:27: Das sind Sätze wo du denkst ja oft,
01:38:29: das sagt halt irgendein Coin, das hat doch nicht irgendjemand.
01:38:35: Die war im Exil in den vierziger Jahren mit, hat eine Beziehung mit Josef Roth
01:38:39: gehabt.
01:38:39: Und die hat diese ganzen Typen ja kennengelernt.
01:38:42: Sie hatte mit denen allen zu tun gehabt, mit Egon Erwin-Kisch und wem auch immer.
01:38:45: Da war da die Frau in dieser Regel und hat sich da behauptet und sagt dann aber ...
01:38:50: Ja, vierzig Jahre später
01:38:52: solche Sätze.
01:38:54: Das finde ich hochinteressant, weil wir uns heute immer so stark an Begriffen festhalten und sagen was bin
01:38:59: ich
01:38:59: eigentlich?
01:38:59: Was ist denn meine
01:39:00: Identität?
01:39:00: Ich bin Feministin oder Männer die sich die Fingernägel lackieren und im Park sitzen und sagen, ich bin Feminist.
01:39:08: Und andere, die dann sagen... Ich bin Anti-Rassist!
01:39:12: Du bist
01:39:12: Anti-Dass aber du bist
01:39:14: ja für nicht Anti-Das.
01:39:15: also dass wir
01:39:15: über
01:39:15: Begriffe streiten müssen um die Sache gehen sollte.
01:39:18: das können wir von Oma Holter und ihrem Gatkoin
01:39:20: sehr gut lernen glaube ich.
01:39:21: Ich
01:39:22: würde gerne mal kurz
01:39:23: fragen,
01:39:24: die Julie hat ja noch
01:39:25: so eine
01:39:25: Art Mission oder Auffassung ein bisschen.
01:39:30: Sie hatte ja so irgendwie die Idee da, die Mira und den Ottis auch ein bisschen auseinanderzubringen.
01:39:35: Und das nimmt ihr
01:39:35: schon... Streich mal das ein bisschen!
01:39:37: Ja,
01:39:38: also es nimmt ja schon ein bisschen Raubengug ein.
01:39:41: Ich wollte einfach nochmal so fragen ist das jetzt mehr Fiktion als Fakt?
01:39:44: Weil das war ja schon eine Art Plan, wenn sie auch
01:39:46: mit ihrer Energie verfolgt hat.
01:39:47: Man versucht da auf verschiedenen Wegen die Mira so'n bisschen vom Ottis... äh ich sag's So drängen oder dass sie einen anderen Weg einschlägt und
01:39:58: so.
01:40:00: Was schlägt da dahinter?
01:40:01: Und was findest du da vermitteln, wenn es doch mehr Funktionen gibt?
01:40:05: Ja also
01:40:05: in einem Mann seiner Klasse eine der Szenen die eins zu eins aus der Realität abgeschrieben sind.
01:40:11: Da gibts nicht viele aber das ist eine.
01:40:12: Da sitzt der Christian, der erwachsene Christian
01:40:17: wo's mal ins
01:40:17: Eingemachte geht mit der
01:40:18: Whiskeyflasche
01:40:19: geht rum mit Tante Juli und fragt sag mal hast Du meinen Vater echt von Anfang an gehasst!
01:40:24: Und sie sagt
01:40:24: einfach nur Joa Von Anfang an.
01:40:28: Und es ist nie weniger geworden.
01:40:30: Warum eigentlich?
01:40:33: Fragst du mich wirklich,
01:40:33: warum?
01:40:35: Du schreibst doch
01:40:36: da deine Romane
01:40:36: drüber!
01:40:38: Also aus Ihrer Sicht war
01:40:40: das nie eine Frage
01:40:40: dass dieser Typ
01:40:41: nicht der Richtige
01:40:42: für sie ist.
01:40:43: und es ist eben so.
01:40:44: die
01:40:44: Todgeburt von der ich am zu Beginn dieses Romanz erzähle,
01:40:47: die
01:40:48: fand neunzehntneunzebzig
01:40:49: statt.
01:40:50: meine Mutter ist ungewollt schwanger geworden Ein Mann, den sie abgöttlich geliebt
01:40:56: hat.
01:40:56: Der
01:40:57: gar nicht so viel
01:40:58: älter war als sie.
01:40:59: Aber
01:41:00: na ja ...
01:41:01: In meinem Buch ist es ein Italienischer Sohn eines italienischen sogenannten Gastarbeiters.
01:41:05: In Wahrheit war's
01:41:06: eben der Sohn des türkischen sogenannen Gastarweiters.
01:41:10: Diese Schande, das ging nicht und dieser Junge wurde.
01:41:12: die Mutter und die Eltern haben dann gesagt wir ziehen hier weg.
01:41:15: Die sind relativ schnell weggezogen weil also Kaiserslautern ist eine Stadt mit etwa hunderttausend Einwohnern.
01:41:22: Das ist jetzt kein
01:41:22: Dorf.
01:41:24: Aber es ist auch
01:41:26: nicht unbedingt die
01:41:27: große Metropole,
01:41:28: d.h.,
01:41:28: das sprechen
01:41:28: sich Dinge rum und dann ist diese Familie da weggezogen und sie war von diesem Jungen
01:41:34: getrennt.
01:41:35: Und in diesem Moment
01:41:37: trat der Ottes
01:41:38: auf den Plan, der in der Nachbarschaft gewohnt hat und hat seine Chance
01:41:41: gewittert.
01:41:42: Und Juli, meine Damen, die war drei Jahre jünger und hat das alles mit gekriegt und gesagt ne,
01:41:47: Freundchen!
01:41:48: Ich weiß ja...
01:41:49: Lesen Sie schönes die Nacht, dann wissen sie mein Opa
01:41:52: väterlicherseits was das
01:41:54: für ein Typ war.
01:41:55: Und meine Tante hat gesagt
01:41:56: ne
01:41:57: der kommt aus dieser Familie, der darf nicht meine Schwester haben!
01:42:01: Das geht nicht.
01:42:03: und so hat sich von Beginn an dagegen gearbeitet und ist bis heute der Überzeugung dass es der falsche Mann war.
01:42:08: Kleine tolle Geschichte am Filmset.
01:42:13: Ein Mann seiner Klasse wird verfilmt in Kaiserslautern.
01:42:15: da habe ich meine tante zum ersten Mal mit zum Set
01:42:17: genommen
01:42:19: als Kneipenszenen gedreht
01:42:20: wurden.
01:42:21: In einer Fußballkneipe gucken sich alle
01:42:23: das Spiel FCK
01:42:24: gegen Borussia Dortmund an, entstand sechs zu drei.
01:42:27: nach Verlängerung und in der Pause
01:42:30: des Ganzen kommt der Schauspieler Leonhard Kunz, der den Vater spielt raus.
01:42:34: meine Tante kommt auf ihn zu.
01:42:35: ich sage ja das
01:42:36: ist er, der spielt den!
01:42:38: Und dann ruft sie ihm ohne ihn was sagst du?
01:42:41: Du bist viel zu hübsch für dieses Arschloch.
01:42:45: Das war
01:42:45: die Begrüßung, so hat Leonhard Kunz meine Tante kennengelernt.
01:42:49: Ja das beschreibt
01:42:50: glaube ich und ich bin trotzdem noch nicht richtig dahintergekommen vielleicht muss man das auch gar nicht
01:42:56: warum dieser
01:42:57: Hass von Beginn an so unglaublich groß war und sich nie verändert hat.
01:43:01: weil es nicht auch da beim Republik
01:43:04: Nazi Reich
01:43:05: nicht automatisch dieser Mann der in einer
01:43:09: gewaltvollen beziehungsweise
01:43:12: dem Vater
01:43:13: aufwächst.
01:43:13: Das ist ja
01:43:14: kein Automatismus, das er dann auch so wird und er war ja am Anfang nicht wirklich so ... dass es so gekommen ist, das gibt ihr gewissermaßen recht aber es war nicht von Anfang an vorgegeben.
01:43:25: Ja, auch da hatte sie irgendwie ein Gespür.
01:43:29: Aber im Endeffekt hat es ja,
01:43:32: das beschreibt ja auch glaube ich der Text dazu geführt, dass es die
01:43:36: beiden eher noch weiter zueinander treibt als dass
01:43:38: es sie
01:43:39: voneinander fernhält.
01:43:41: Und das ist ... Ja, es ist mein Vater.
01:43:44: Das heißt ich hab einen anderen Blick darauf.
01:43:45: Ich bin der Sohn, der darauf schaut und meine Tante hat
01:43:49: ihr absolutes Recht diese Sichtweise
01:43:51: zu haben.
01:43:52: Sie kam auch lange nicht klar mit meinem ersten Buch.
01:43:55: Ein Mann seiner Klasse, sie hat das gelesen und gesagt, dein Vater kommt mir so gut
01:44:00: weg?
01:44:01: Das geht nicht!
01:44:02: Das ist
01:44:03: nicht meine Wahrheit, das geht nicht.
01:44:05: Irgendwann kam
01:44:05: sie dann, ja du hast das Buch, es is deine Geschichte, dein Buch
01:44:11: hat es auch
01:44:11: in ihr gearbeitet, aber zu dem Satz das er konnte ja manchmal doch ein guter Kerl sein.
01:44:16: Hat sich noch nicht durchregen
01:44:32: können.
Neuer Kommentar