Christian Baron - Die drei Schwestern

Shownotes

Arbeitswelt, das ist immer auf Kultur aus und über die Arbeitswelt. Wer passt also besser in diesen Podcast wie Christian Baron, der diese Woche im Gewerkschaftshaus in Stuttgart den dritten und letzten Teil seiner Familiensaga vorgestellt hat. Zwischen Aufstiegswünschen und Armut sowie Kultur und Klassenkampf bewegt sich das Porträt der drei Schwestern, dass seine realen Pendants sowohl ernsthaft rekonstruieren will, als es sich gleichzeitig auch die künstlerische Freiheit nimmt, die Protagonistinnen Dinge erleben zu lassen, welche ihren Vorbildern so nicht vergönnt waren. Danke an Ver.di für die Organisation der Veranstaltung

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00:00:00: Hallo und herzlich willkommen zum Arbeitswelt Podcast, eurem Podcast wenn es um die Arbeitswelt geht.

00:00:06: Um die Gewerkschaft und alles außen rum!

00:00:09: Und heute freue ich mich sehr dass wir einen großen Namen den Podcast bekommen haben und zwar war auf Einladung von Verdi der Christian Baron in Stuttgart und hat aus seinem relativ neuen Buch drei Schwestern dem Abschluss der Theologie vorgelesen Ihr kennt auf jeden Fall sein erstes Buch, Mann seiner Klasse.

00:00:34: Und er wird auch im Laufe des dokumentierten Gesprächs mit der Kollegin Sylvia wird ja auch erzählen das er schon oft in Stuttgart war und zwar nur in einer Stadt war häufiger in Kaiserslautern.

00:00:47: aber dass ist nicht der Trivia den ich heute für euch mitgebracht habe sondern es gibt's heute kein viel mehr.

00:00:54: gibt es den Hinweis dass noch mehr große Namen anstehen im Gewerkschaftshaus Nächsten Mittwoch, wenn die Folge ausgestrahlt wird.

00:01:01: in sechs Tagen ist es soweit.

00:01:04: Ohne Nyman und Jean-Philipp Kindler sind im Gewerkschaftshaus in Stuttgart uns weiter dem Thema der Tag an Friedrich Merz mir meine Lebenszeit geklaut hat eine große Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung Deine Zeit.

00:01:19: Und im Rahmen dieser Ausstellung haben wir eben auch Kabarettisten, Wissenschaftler da Komiker, die etwas zum Thema beitragen.

00:01:30: Wer an diesem Abend nicht fehlen will am Mittwoch den Achtundzwanzigsten um neunzehn Uhr im Gewerkschaftshaus der soll sich bitte über unsere Homepage bei Kommasses anmelden ohne Anmeldung kein Einlass.

00:01:49: allerdings wer sich anmeldet muss nichts bezahlen dafür.

00:01:52: also meldet euch doch an.

00:01:53: das macht uns die Koordination der Veranstaltung einfacher und ihr könnt sicher reinkommen.

00:01:57: Und damit gehen wir jetzt ins Intro.

00:01:59: und was folgt ist Christian Baron mit seiner, wie ich finde sehr berührenden und sehr schönen Lesung, die ich mit sehr viel Genuss besucht habe.

00:02:11: An der Stelle noch mal Christian vielen Dank, dass du da warst.

00:02:30: heute mal,

00:02:31: weil ich die Zeit hatte

00:02:33: durchgegangen wo ich denn jetzt in den letzten fünf sechs Jahren seit ich Lesungen mache

00:02:37: so überall war

00:02:37: und ich bin sehr gut rum gekommen.

00:02:40: aber außer kaiserslautern

00:02:42: diese ganzen Bücher spielen war ich am häufigsten in Stuttgart.

00:02:46: also das ist

00:02:46: ganz deutlich auf Platz

00:02:48: zwei.

00:02:49: Ich erkläre es mir vor allem damit dass

00:02:52: vier

00:02:53: Gewerkschafterinnen und Gewerksamter sind, die mich sehr gerne einladen.

00:02:57: Ich bin auch schon bei der Rosa-Lüchseburg-Stiftung in anderen gewesen, aber hier im Haus bin ich sogar schon zum

00:03:02: dritten

00:03:02: Mal.

00:03:05: Bislang war ich mit jedem meiner Bücher dann hier und das ist schon

00:03:08: eine sehr

00:03:08: schöne

00:03:09: Sache.

00:03:09: Wir haben heute bereits,

00:03:11: darf ich das schon

00:03:11: sagen vereinbart?

00:03:13: Da es ja eine Fanfreundschaft zwischen dem VfB Stuttgart und dem ersten FCK Saas Lautern gibt dass das für mich gar nicht so eine große Gefahr ist wenn ich mein Buch über den ersten Fck auch noch herkomme.

00:03:24: als nächstes

00:03:26: Und da sage ich natürlich nicht nein, wir können dann gemeinsam über den KSC sprechen.

00:03:33: Das wird bestimmt auch lustig!

00:03:35: Er kommt in dem Buch nämlich häufiger vor.

00:03:37: In diesem

00:03:38: hier kommt der KSC aber nicht vor

00:03:40: denn es soll ja wirklich ein schönes Buch sein.

00:03:45: Es geht wie gesagt

00:03:46: um die drei

00:03:48: wesentlichen Frauen meiner Kindheit und Jugend

00:03:51: nämlich

00:03:52: meine Mutter und deren beiden Schwestern.

00:03:56: Wer ein Mann seiner Klasse nicht kennt oder

00:03:59: den

00:03:59: zugehörigen Spielfilm der Verfilmung nicht gesehen haben sollte, sage ich vielleicht kurz nochmal.

00:04:04: Dass sehr drei

00:04:06: unterschiedliche Menschen sind und

00:04:08: es für mich bei der

00:04:10: Literarisierung

00:04:12: dementsprechend auch schwierig war

00:04:14: ja erst einmal

00:04:16: immer die Rolle

00:04:17: aus Sicht des Christians zu

00:04:19: sehen.

00:04:19: Also, wie sind diese Menschen?

00:04:21: Sie sind in erster Linie im Blick dieses kleinen Christian tauchen die auf und da sind sie erst mal Autorität

00:04:27: oder Respektspersonen

00:04:28: oder Menschen an denen man sich eine Pubertät abarbeitet.

00:04:31: und mit drei Schwestern konnte ich jetzt eine andere Perspektive einnehmen.

00:04:34: Jetzt bild das Ganze nämlich in einer Zeit Anfang der achtziger Jahre als an mich noch lange nicht zu denken war und als auch meine Eltern zum Beispiel noch kein

00:04:44: wirklich richtig gefestigtes Paar gewesen

00:04:47: sind.

00:04:48: Und so ist es für mich wahnsinnig

00:04:49: interessant, einfach

00:04:50: jetzt

00:04:50: diese Perspektive

00:04:51: einzunehmen und zu sehen...

00:04:54: Ja man stellt sich ja immer die Frage wenn man Geschichte oder auch Familiengeschichte vom ihrem Endpunkt

00:05:00: aussieht.

00:05:01: hätte es notwendigerweise so kommen müssen?

00:05:03: Oder nicht?

00:05:04: meistens kommen wir zu der Antwort Nein das hätte auch anders sein

00:05:08: können

00:05:09: was der grundsätzlichen sehr, sehr positiver Impuls ist.

00:05:12: Dass man sich damit beschäftigt und merkt, es hätte wirklich auch ganz anders

00:05:15: besser,

00:05:16: schlechter aber auch

00:05:17: viel besser kommen können.

00:05:19: Und als mein

00:05:19: Verleger

00:05:21: die erste Fassung dieses

00:05:22: Buches

00:05:22: gelesen

00:05:23: hat, da hat er zu mir

00:05:24: als erstes gesagt... Boah diese Julie!

00:05:30: Die ist doch

00:05:30: eigentlich das Kraftzentrum

00:05:32: dieser ganzen Trilogie.

00:05:34: Die kommt nämlich in allen drei Büchern vor auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

00:05:37: Im

00:05:37: ersten

00:05:37: Buch

00:05:38: ist sie eben die

00:05:39: Tante des kleinen Christian,

00:05:40: die

00:05:41: mit neunundzwanzig Jahren

00:05:42: als die Schwester stirbt,

00:05:45: die vier Kinder der Schwester

00:05:46: aufnimmt also nur nicht mehr dreißig.

00:05:48: und sie war nicht nur noch nicht mehr Dreißig sondern sie war damals auch schwanger hochschwanger mit ihrem eigenen Kind.

00:05:55: Sie hat also ein Kind geboren und fünf gehabt

00:05:57: und hat es durchgezogen.

00:05:58: Und ich, den ich

00:05:59: jetzt hier

00:06:00: vor Ihnen

00:06:00: ansitze

00:06:02: Drei Romane geschrieben hat und sagen kann, ach toll jetzt trete ich auf.

00:06:06: Und Leute hören mir zu ist ganz wesentlich auf diese

00:06:09: Frau zurückzuführen.

00:06:10: Auf das was sie mir gegeben hat.

00:06:13: Was sie mir vor allem mitgegeben hat für mein ganzes Leben.

00:06:16: Deswegen ist es mir auch ein besonders großes Anliegen ihr gewissermaßen auch den anderen beiden aber ihr auch ein literarisches Deckmal zu setzen.

00:06:23: Das war ganz klar meinen Anliegenden und deswegen fand ich so toll dass man Verleger als

00:06:27: allererstes

00:06:28: nicht sagt,

00:06:29: Ach die Vaterfigur

00:06:32: Vielleicht ein bisschen so oder ... Ach ja, die Mutter ist so.

00:06:35: Nein!

00:06:36: Eine scheinbare

00:06:37: Nebenfigur,

00:06:38: die gar nicht

00:06:39: so oft

00:06:39: vorkommt wie andere

00:06:41: sagt er aber diese Juli.

00:06:45: Und sie ist ganz wesentlich geprägt das es wichtig

00:06:48: zu wissen

00:06:49: von ihrer eigenen Großmutter und also meiner Urgroßmütter.

00:06:52: Meine Urgroßenmütte

00:06:54: war born

00:06:57: in der Weimarer Republik

00:06:59: politisiert und sozialisiert

00:07:01: worden.

00:07:01: Sie hat so was wie Arbeiterbildungsvereine erlebt, und war ein ganz anderer Typus Frau als ich ihn sonst so in meiner Familie kannte.

00:07:09: Meine Urgroßmutter ist fast hundert Jahre alt geworden, das heißt, ich hab sie noch kennengelernt Und erst später erfahren da war sich schon tot.

00:07:17: Ja die Uraoma,

00:07:19: die war kommunisch

00:07:19: stehen

00:07:21: So und erst nach und nach

00:07:23: hat es sich mir ihr selbstbewusst

00:07:25: sein dass

00:07:25: sie

00:07:26: ganz stark hatte

00:07:28: Die Tatsache, dass die Dinge für andere in meiner Familie selbstverständlich waren nicht für selbstverständliche.

00:07:33: Das hat mich

00:07:34: nachhinein erschlossen,

00:07:35: dass sie

00:07:36: gesagt hat,

00:07:37: wieso muss

00:07:37: man denn als

00:07:38: Frau automatisch

00:07:39: früh von der Schule

00:07:40: abgehen

00:07:41: und sich um das Haushalt kümmern?

00:07:42: Nee, wie so welle!

00:07:43: Es muss nicht so sein, das hat sie immer ganz klar gesagt.

00:07:47: aber es gab diesen Generationenbruch.

00:07:50: also Sie ist

00:07:50: erwachsene

00:07:51: Frau gewesen, als die Nazis an die Macht kamen.

00:07:54: Sie ist Kommunistin geblieben,

00:07:55: sie war aber nicht in der Partei gewesen.

00:07:58: Das, was sie gerettet hat.

00:07:59: Denn mein Ur-Großvater

00:08:01: ist in

00:08:01: der Partei geblieben und hat dafür mit seinem Leben bezahlt.

00:08:06: Und sie hat keine Witwenrente bekommen

00:08:08: also hat diese Zeit sehr

00:08:09: schwer überstanden.

00:08:11: dann kam ja meinen Großvater.

00:08:16: ihr Sohn

00:08:16: ist zur Welt gekommen kurz bevor die Nazis an die Macht kamen.

00:08:19: Der war ein Teenager

00:08:20: als

00:08:22: der sogenannte Volkssturm ausgerufen wurde.

00:08:24: er musste noch mal an die Front In ihrem ganzen Selbstverständnis in diesen

00:08:29: zwölf Jahren ja

00:08:30: auch

00:08:31: so einen fundamentalen Bruch

00:08:33: erlebt wie die gesamte Arbeiterklasse.

00:08:35: Und

00:08:35: deswegen ist sie als Figur

00:08:37: ursprünglich,

00:08:38: hatte ich sie bei Schönnessy Nacht diese Urgroßmutter

00:08:40: nur so als

00:08:41: ganz kurze Cameo-Auftrittsperson

00:08:44: ausgedacht.

00:08:44: und dann wurde diese Figur immer größer weil ich gemerkt habe

00:08:47: welchen

00:08:48: Einfluss sie eigentlich zum Beispiel

00:08:50: auf

00:08:51: meine Tante

00:08:52: Juli hatte.

00:08:53: Warum ist diese

00:08:54: Tante Julie

00:08:54: besonders forsch?

00:08:56: Ja klar, nehme ich die Kinder auch auf.

00:08:58: Sonst landen sie in irgendwelchen Kinderheimen und das kann man ja nicht

00:09:01: machen.".

00:09:01: Und klar kann der Christian Abitur mache wenn er das will dann

00:09:04: krieg mir das schon

00:09:04: irgendwie hin.

00:09:06: Das war ihre

00:09:07: Initiative

00:09:07: ihr Ding!

00:09:10: Das sage ich jetzt vielleicht

00:09:11: noch

00:09:11: weil es

00:09:12: halt so schön ist.

00:09:12: gestern Abend hatte am Start Theater in Mainz

00:09:16: eine weitere Adaption Theater-Adaption

00:09:18: von einem Mann seiner Klasse

00:09:19: Premiere

00:09:21: Meine echte Tante

00:09:22: Juli die

00:09:22: in Wirklichkeit anders heißt.

00:09:23: Die war

00:09:24: auch dabei.

00:09:27: Als ich danach mit der Regisseurin und dem gesamten allen Beteiligten gesprochen habe, kamen

00:09:33: die zu mir.

00:09:34: Ich fragte mich wie

00:09:35: ich es fand.

00:09:36: Die wussten,

00:09:36: dass meine echte Tante Juli da ist.

00:09:38: Und hier haben alle gesagt, kann ich sie jetzt fragen?

00:09:41: Sie hatten alle irgendwie Angst

00:09:42: davor, sie zu

00:09:43: fragen, wie sie es jetzt fand.

00:09:45: Dann hab

00:09:45: ich ihnen gesagt,

00:09:46: ich kann nicht beruhigen!

00:09:47: Sie ist mir Tränen überströmt erst mal um den Hals gefallen.

00:09:50: Geht einfach mal hin...

00:09:52: diesen Grundrespekt

00:09:53: erst mal davor hatten.

00:09:54: Das zeigt das Oma Hulda, so wie sie in meinem Buch

00:09:57: heißt, die Urgroßmutter,

00:09:58: die Kommunistische ... Die hat offenbar meiner Tante auch einen gewissen Habitus

00:10:05: im Übertragen

00:10:06: der

00:10:06: sofort

00:10:06: sichtbar

00:10:07: ist für Menschen, die sich eigentlich im Bildungsbürgertum aufhalten.

00:10:11: Meine Tante ist

00:10:12: ein klassischer

00:10:12: Proletarierin.

00:10:14: Die hat eine Schwellenangst vor dem Theater.

00:10:16: Aber sie

00:10:17: geht zu dieser Premiere und die Regisseur kommt zu mir.

00:10:20: Kann ich Sie fragen?

00:10:21: Ich

00:10:22: habe

00:10:22: jetzt Angst vor Ihrem

00:10:23: Urteil.

00:10:24: Das finde ich wahnsinnig toll!

00:10:25: Also das sagt ganz viel aus,

00:10:27: auch über

00:10:27: das was ich eben mit der ersten Stelle vortragen möchte.

00:10:30: Wir sind wie

00:10:31: gesagt Anfang der achziger Jahre

00:10:33: die Juli, die später Tante Juli wird.

00:10:36: Die ist zu

00:10:36: diesem Zeitpunkt eben ein Teenager

00:10:39: und die Oma

00:10:39: Hulda

00:10:40: ist,

00:10:40: man ist richtig recht eine Ende-Siebzig

00:10:44: Und die beiden befinden

00:10:45: sich am Wochenende vom Fernseher und schauen sich Western an Und zwar die Sendung heißt Western von Gestern, die damals tatsächlich im

00:10:53: Fernsehen lief.

00:10:57: Keuchend drehte

00:10:57: Hulda den Fernseher stumm schlappte hinüber zum Ess-Tisch und zog mit einer Hand den Kortsamtsstuhl mit dem Sitzbezug in Müllabfuhrorange hinter sich her.

00:11:06: Sie setzte sich drauf, stieß

00:11:07: einen Seufzer aus und fing

00:11:08: gleich so an wie Juli

00:11:10: es erwartet

00:11:10: hatte.

00:11:11: Wie läuft's denn in der Schule?

00:11:13: Ist das eine Frage die nur Oma ne Enkelin stellen

00:11:16: sollt?

00:11:17: Juli, wenn du wie eine Erwachsene behandelt werden willst, dann musst du mir nicht unterwürfig kommen.

00:11:22: Aber von oben

00:11:22: herab

00:11:23: ist es genau so kinnig!

00:11:25: Was treibst du denn die ganze Zeit?

00:11:27: Du weißt doch gar nicht worauf

00:11:28: ich

00:11:28: hinaus

00:11:28: will?!

00:11:29: Doch Oma das weiß ich ganz genau!

00:11:32: Hast du eigentlich gewusst dass sogar der Einstein mal sitzen geblieben ist?

00:11:35: Soweit ich weiß ist er

00:11:36: frei erfunden.

00:11:38: Das steht jetzt Aussage

00:11:39: gegen Aussage.

00:11:39: Jedenfalls ist verbürgt, dass Einstein

00:11:41: in Matemann ne Fünf

00:11:42: auf den Zeugnis hatte... ...was du nicht sagst.

00:11:46: Triumphierend

00:11:46: grinste die alte.

00:11:48: Juli empfand beinah mitleid.

00:11:50: Oma,

00:11:51: der Einstein

00:11:51: war in der Schweiz auf

00:11:52: der Schul und dort haben sie den Notenskala umgedreht.

00:11:55: Warum auch immer diese Trottel?

00:11:57: Was bei uns ne

00:11:58: Eins ist es dort ne Sechs

00:11:59: was bei uns

00:11:59: nur zwei ist es

00:12:00: da ne Fünf.

00:12:01: Einstein

00:12:02: hatte also ziemlich sicher

00:12:03: fast

00:12:03: immer eine

00:12:03: sechs in Mathe.

00:12:05: Was ich übrigens

00:12:05: noch nie hatte.

00:12:06: aber da reden wir wieder

00:12:07: keiner drüber!

00:12:09: Die Leute neigten

00:12:09: dazu, Juli zu unterschätzen.

00:12:11: Sie sah jünger aus

00:12:12: als sie war.

00:12:13: Das hängen wir der Körpergröße zusammen und mit ihrer Akne leider auch.

00:12:17: Tut mir leid, Oma!

00:12:18: Ich wollte dich nicht

00:12:19: ärgern.

00:12:20: Na

00:12:20: ja, begann Juli schnaufend.

00:12:23: Ich habe gehört,

00:12:23: dass deine Lehre net mal mehr so zufrieden sind wie deinen Zensuren.

00:12:27: Ah, hast du gehört?

00:12:28: Ja, ich habe nicht gehört.

00:12:30: Man hört ja so viel aber glauben tust ihr nicht alles

00:12:32: oder?

00:12:33: Gerade so du als lesender Arbeiterin.

00:12:36: Macht die Schnitt lustig, junge Dame.

00:12:38: Sag mir lieber, wie du das wahrnimmst, was dein Lehrer da über dich

00:12:40: schwitzen.

00:12:42: Haben die dem Vater wieder ein Giftzettel

00:12:43: geschickt oder was?

00:12:45: Juli griff hinter sich in ihre Jackentasche, zog einen Streichholz-Schächtelchen und eine ockerfarbene Packung hervor und nahm sich ne Zigarette raus.

00:12:53: Wack

00:12:53: es nicht!

00:12:55: Was stürzen

00:12:56: dich

00:12:56: wenn ich mir ne Lülle

00:12:57: anzünd'?!

00:12:58: Dein

00:12:58: Sohn qualmt ihr permanent

00:12:59: die Höhle voll!

00:13:00: Mein Sohn

00:13:01: ist kein Kind mehr...

00:13:02: Ich auch net!

00:13:04: Warum merk

00:13:04: ich ihn davor,

00:13:04: Dicks!?

00:13:06: Juli legte die Streichhölzer fort, schob

00:13:08: die Kippe in den Mund

00:13:08: und nahm einen trockenen

00:13:09: Zug.

00:13:10: Sie betrachtete die Schachtel, die

00:13:12: unter dem Schriftzug Cammel

00:13:13: Filters

00:13:14: ein Dromeda

00:13:14: in einer Wüste

00:13:15: zeigte.

00:13:16: Sag mal Oma!

00:13:17: Warst du überhaupt

00:13:18: schonmal in der Schillerschule?

00:13:19: Da gibt es lauter schwülstige

00:13:20: Lehrer und in den Benken nur

00:13:22: so Schlägerheinsies und irgendwelche Tussis, die keinen geraden Satz rausbekommen und die ganzen Tag nix anderes denken als ans Fressen, Saufen oder Bumsen wenn sie denn überhaupt denken können und mal da sind.

00:13:34: Weißt du was?

00:13:35: Ich

00:13:35: habe schon

00:13:35: gegen das bürgerliche Schulsystem gekämpft, aber dein Vater noch landet geplant.

00:13:39: Du hast ja

00:13:40: eine Menge bewirkt

00:13:40: ne?

00:13:42: Während deine

00:13:42: Leistungen besser, könntest du woanders stehen wechseln!

00:13:44: Ach jetzt verteidigst es doch das bügerliche Schulsystem!

00:13:48: Wer hat nicht

00:13:48: frech?!

00:13:49: Du sollst doch nur mal drüber

00:13:50: nachdenken weiter zur

00:13:51: Schule

00:13:51: zu gehen.

00:13:52: Mit dem Realschulabschluss bist du nicht so abhängig von den Männer.

00:13:56: Du weißt doch gar nicht, was ich immer durchstehen muss...

00:13:59: Es liegt bei dir ob ich gleich erfahre,

00:14:01: was ist.

00:14:02: Juli warf die Fluppe aufs Wohnzimmer-Tischchen.

00:14:05: Die Mira, ne?

00:14:06: Die schmeißt

00:14:06: die Schule und ihr

00:14:07: lasst sie gewähren!

00:14:08: Bei mir macht er in Aufstand alle wie wen mein Leben davon abhängig wird.

00:14:11: Dann

00:14:12: sag mal, wie du dir dein Zukunft vorstellst

00:14:14: kleines.

00:14:15: Bist du mit nem Kerl?

00:14:15: jeden Abend

00:14:16: vom Apparat sitzen diese Western

00:14:18: Glotzen

00:14:18: und dabei verblöden?

00:14:20: Müsste es nicht gerade

00:14:21: du, die Freuden der einfachen

00:14:22: Leute zu schätzen

00:14:23: wissen?!

00:14:25: Sie blickt ihre Oma an...

00:14:26: Die sah so erschöpft

00:14:27: aus wie ein Läufer nach einem Wettkampf.

00:14:29: In diesem trüben Licht

00:14:30: wirkte

00:14:30: sie sogar, wie

00:14:31: das Kind, dass sie einmal gewesen sein musste.

00:14:33: Zumindest kannte Juli das eine oder andere Foto

00:14:36: vom Anfang

00:14:37: des Jahrhunderts.

00:14:38: Da trug Oma Hulda so einen Anzug im Hanen-Trittmuster

00:14:41: Das Gesicht darauf verherrmt

00:14:42: wie

00:14:42: das jene

00:14:43: alten Frau

00:14:44: die zu werden Sie sich damals wohl kaum hätte ausmalen können.

00:14:48: Juli ging zum

00:14:49: Fernseher und drehte das

00:14:50: Gerät auf volle Lautstärke.

00:14:52: Ein gutes Dutzend Cowboys

00:14:53: ritt vorüber Die Kraft der Pferde

00:14:56: Trieb den Staub in die Kamera.

00:14:58: Der blechene Klang

00:14:59: von Pistolen-Schüssen stieß ihr an die Ohren,

00:15:01: der Kutschenwagen

00:15:02: mit Zorro

00:15:03: fiel die Schlucht

00:15:03: hinab ins Wasser.

00:15:04: Abspann!

00:15:05: Teil sechs demnächst auf diesem

00:15:07: Bildschirm.".

00:15:08: Jetzt drehen

00:15:08: wir den Kasche ab", sagte Hulda.

00:15:10: Da stöckelte sie

00:15:11: rüber zum Bücherregal dessen Bretter sich

00:15:13: unter

00:15:13: dem Gewicht des schwarzen Neigten.

00:15:15: Zielsicher zog sie

00:15:16: zwei

00:15:17: Bände heraus einen dicken und kleinen.

00:15:19: Beide

00:15:20: klemmte sie sich unter den Arm Und ihre eben noch im Kippen befindliche Laune

00:15:24: hatte sich beim

00:15:24: Zurück hinten stabilisiert.

00:15:26: Bring mir doch Morbide, mal Stövchen

00:15:28: mit dem Tee drüben aus der Kücheliebes und dir kannst

00:15:30: du noch eine Kohle ausm Eisschrank nehmen, wo doch Wochenende

00:15:33: ist.".

00:15:34: Auf Anhieb erkannte Juli nicht welches

00:15:36: Buch

00:15:36: in den Händen ihrer Großmutter lag.

00:15:38: Sie wach zwei Blicke drauf

00:15:40: und hatte

00:15:40: immer nichts entziffert.

00:15:42: Was liest denn da?

00:15:43: O Marulta

00:15:44: tippte auf

00:15:44: den Buchumschlag.

00:15:46: In geschwungener

00:15:46: Schrift

00:15:47: stand dort stendal rot-und schwarz.

00:15:51: Das lese

00:15:52: ich schon zum

00:15:52: zigste

00:15:53: Mal.

00:15:53: Es geht um einen jungen Menschen,

00:15:54: der will aus

00:15:55: seiner niederen Herkunft

00:15:56: in die bessere Gesellschaft aufsteigen.

00:15:59: Wobei wirklich jedes Mittel im Recht

00:16:01: ist!

00:16:02: Ich habe gar nicht gewusst dass es ein Roman

00:16:04: über die Ella gibt,

00:16:05: sagte Juli

00:16:08: Ja das sind Juli und Kulda.

00:16:15: Und das

00:16:16: Interessante.

00:16:16: vielleicht sage ich dazu jetzt erstmal noch was?

00:16:18: Dass

00:16:19: bei dieser Rezeption

00:16:22: z.B.?

00:16:22: diese Szene in den Medien ist hin und wieder mal die eine oder andere Kritik gegeben hat, die daran Anstoß genommen hat, dass ich hier lesende Arbeiterinnen zeige ums mal so auszudrücken.

00:16:33: Da wurde zum Beispiel angezweifelt das es irgendwie realistisch ist, dass Menschen

00:16:38: dieser Klasse Bücher lesen.

00:16:40: Das sagt natürlich

00:16:41: mehr wie die Person, die diesen Text geschrieben hat als über mich.

00:16:43: aber ich finde es einfach wichtig, dass man das immer wieder einmal sagt, dass dann als Kritik gegen so ein Buch in Anschlag gebracht

00:16:52: wird.

00:16:53: Gerade bei jemand wie Oma Hulda muss man dann einfach auch wissen, oder sollte man immer dazusagen ... Ich hab's noch in den Ohren.

00:17:00: Die ist

00:17:01: gestorben, da war ich dreizehn, also in meinen jüngsten Jahren.

00:17:05: Da hat die halt noch so was gesagt, wenn mein Opa

00:17:07: z.B.,

00:17:08: sowas gesagt hat,

00:17:10: ja, Leute wie mir lesen

00:17:11: halt kein Bücher

00:17:12: und dann ist sie eben

00:17:13: dazwischengang, hat gesagt.

00:17:14: Was sind das für ein Schwachsinn?

00:17:15: Was haben ihr euch eigentlich in euer Köpfe rein

00:17:18: ideologisieren

00:17:19: lassen?

00:17:20: Sie hat halt so gesprochen

00:17:22: Und das sind so Wörter, die ich damals schon irgendwie gemerkt hab und dachte, okay, stimmt.

00:17:26: Das ist ja vielleicht gar kein Naturzustand.

00:17:30: Sie hat das

00:17:31: nicht so stark wie sie

00:17:32: selbst erlebt hat aber

00:17:33: auch

00:17:33: an ihre Enkelkinder

00:17:34: weitergegeben.

00:17:36: Bei meinem Opa klappte das

00:17:37: halt nicht.

00:17:37: Das

00:17:37: lag vielleicht auch daran, dass es ein Typ

00:17:39: war ...

00:17:40: muss man ganz ehrlich sagen, Männer sind weniger Literatur

00:17:43: begeistert

00:17:43: als Frauen im Gesamten.

00:17:44: Das leider ein genderglitche, das

00:17:46: nach wie vor stimmt,

00:17:48: aber auch nicht immer so ist.

00:17:50: Aber es stimmt

00:17:51: grundsätzlich

00:17:52: bei den Enkelkindern, den Weiblichen.

00:17:54: Da hat es irgendwie ein bisschen mehr geklappt und die Juli interessiert sich dann schon auch für Bücher.

00:17:58: sie liest dann

00:18:00: bringt sie eben auch bei mir

00:18:01: an.

00:18:02: Ein Buch

00:18:03: mit dem über das ich mit meiner Tante schon viel diskutiert

00:18:05: habe ist Bonjour Tristess

00:18:08: Das

00:18:09: auch auf

00:18:09: sich von heute gesehen nochmal interessant liest Mit den ganzen Diskussionen zu dem Thema die wir in den letzten Jahren so hatten.

00:18:17: Das geht schon

00:18:17: auch, aber das

00:18:18: dann von vornherein

00:18:19: anzuzweifeln sagt dann sehr viel

00:18:21: aus.

00:18:21: Deswegen

00:18:22: nutze ich

00:18:23: Szenen wie diese gerne bei Lesungen und spreche dann darüber,

00:18:27: weil ich es total wichtig finde.

00:18:29: Jetzt

00:18:30: habe ich noch eine Frage.

00:18:32: Was für ein Schulaufschluss hat sie denn letztendlich

00:18:36: gemacht?

00:18:36: Sie ist mit

00:18:37: dem Hauptschulaufschluß von der Schule gegangen.

00:18:38: Das hat nicht geklappt, wie das bei meiner Mutter eben auch gewesen

00:18:43: ist

00:18:44: Und übrigens

00:18:44: auch bei, darüber sprechen wir auch nachher.

00:18:47: Auch bei der Tante Ella also die Dritte im Bunde, die ja im Mann seiner Klasse diejenige ist,

00:18:52: den kleinen

00:18:52: Christian auch an die Kultur ranführt weil sie einen sozialen Aufstieg durch Heirat hingelegt hat ein Ingenieur geheiratet und schon sitzt sie im Haus am Stadtrand und bleibt auf Distanz zu ihrer eigentlichen Familie aber taucht irgendwann wieder

00:19:05: auf

00:19:06: und

00:19:08: hilft

00:19:08: dann sozusagen dabei.

00:19:09: dass ich mein Neigung nachgehen konnte ist dann natürlich

00:19:16: auch wieder eine sehr komplexe Gemengelage

00:19:17: gewesen, die sich aber hier in

00:19:19: der Geschichte,

00:19:19: die

00:19:19: ich jetzt hier erzähle ja

00:19:20: schon

00:19:21: ankündigt und andeutet.

00:19:22: Weil da auch ne Generation zwischen beiden liegt das muss man gleich dazu sagen.

00:19:25: Die älteste

00:19:26: Schwester ist

00:19:27: zwanzig Jahre älter

00:19:28: als die Jüngste.

00:19:29: Das daran liegt dass meine Oma mit vierzig Jahren nochmal ganz unverhofft

00:19:33: schwanger geworden

00:19:33: ist und dachte das kann eigentlich gar nicht mehr passieren.

00:19:36: In den Sechzigerjahren dachte man, dass es so unwahrscheinlich ist.

00:19:40: Ist dann doch passiert und sie sind nicht gerade unglücklicher geworden?

00:19:43: Weil diese

00:19:43: Juli ja doch

00:19:47: ein ganz schönes Kaliber geworden ist.

00:19:50: Genau!

00:19:51: Also Julis Jüngste wird steigen sozusagen von unten nach oben.

00:19:55: Die Mittlere der drei Schwestern ist deine Mama, die Mira.

00:19:57: Der hat jetzt gerade verraten einen Hauptschulabschluss gelesen.

00:20:01: Hat sie?

00:20:02: Ja

00:20:03: Und sie hat noch was gemacht.

00:20:04: Sie hat geschrieben

00:20:06: Ja.

00:20:07: Genau, sehr gedichte geschrieben?

00:20:09: Das

00:20:09: kam gestern auch in Mainz oder in der Inszenierung.

00:20:11: In Mainz bisher in allen, die es

00:20:12: gab, auch

00:20:13: kam das immer mit auf die Bühne.

00:20:14: Ich habe im Mann seiner Klasse ja schon Gedichtet, die meine Mutter geschrieben hat eins zu eins original auch

00:20:19: aufgenommen weil sie selber

00:20:21: immer den geheimen Wunsch hatte einmal einen Gedichtband zu veröffentlichen.

00:20:25: aber das war für Sie so eine Spinnerei

00:20:28: wie

00:20:30: Für einen Menschen wie uns ist, wenn wir nicht Elon Musk heißen, dass wir sagen, wir fliegen jetzt mal zum Mond oder zu Mars.

00:20:36: Ungefähr auf dieser Ebene war das

00:20:39: und dann hat sie so

00:20:41: gegenüber meiner Tante rumgesponnen.

00:20:43: Das habe ich später erfahren.

00:20:44: Irgendwann hab' ich dann meinen Leinenband und da sind meine Gedichte

00:20:46: drin.

00:20:48: Und wir haben meinen seiner Klasse in der Hardcover-Ausgabe eine Leinenoptik.

00:20:52: Das sieht man eigentlich auch noch im Taschenbuch und das ist bewusst vom Verlag gemacht worden dass wir diese Leinenoptik machen als Homage an meine Mutter, die gerne Dichterin werden wollte.

00:21:01: Weil

00:21:01: ihre Gedichte

00:21:02: da ja auch drin sind wenn

00:21:03: auch nur

00:21:03: drei

00:21:03: oder vier

00:21:04: und das

00:21:05: Ganze hat eben schon früh in dem Leben

00:21:07: begonnen.

00:21:08: ich

00:21:10: erzähle jetzt gut ja doch ich kann

00:21:12: auch

00:21:12: mal aus dem Nähekästchen plaudern, dass

00:21:14: meine Mutter hatte nicht nur den Traum Dichterin zu werden sie wollte auch immer nach Berlin.

00:21:19: West-Berlin war halt Anfang der achtziger Jahre nicht nur für junge Männer

00:21:23: die den Kriegsdienst

00:21:23: verweigern wollten ohne diese demütigende

00:21:27: Musterung zu durchlaufen.

00:21:28: Das konnte man ja, eigentlich

00:21:30: wissen es hier

00:21:31: wahrscheinlich alle aber vielleicht nicht ganz alle das

00:21:33: West-Berlin einen entmilitarisierten

00:21:35: Status

00:21:35: hatte

00:21:36: und wenn man noch nicht gemustert war, konnte man als junger Mann dahin und wurde

00:21:40: in Ruhe gelassen.

00:21:41: Es waren wichtiges

00:21:42: Motiv.

00:21:44: Aber sie wollte da auch hin, auch wenn die Musterungen ihnen drohte.

00:21:46: Sie wusste aber, da geht der Punk ab

00:21:48: In wahrsten

00:21:49: Sinne des Wortes.

00:21:50: Und meine Mutter meine echte Mutter, die ist da hingegangen und aber eben nur als

00:21:56: Besucherin.

00:21:57: Als Besucherin von Freunden, die da diesen Weg gegangen sind.

00:22:01: sie hat bei ihr hat es aus verschiedenen Gründen nicht geklappt.

00:22:04: so jetzt

00:22:05: habe ich diesem Stoff

00:22:06: in meiner Hand und weiß Ich schreibe jetzt einen Roman über

00:22:09: diese Geschichte

00:22:10: Und ich kann natürlich ihr

00:22:11: Postum diesen Wunsch

00:22:12: erfüllen wenn ich das möchte.

00:22:13: warum auch nicht?

00:22:14: Genau das hab' ich getan!

00:22:15: Ich hab gesagt ich schick diese

00:22:17: sehr junge Frau einfach mal nach Westberlin und guck was

00:22:20: dann passiert.

00:22:23: Sie kommt da an in hochpolitisierten Zeiten.

00:22:25: Ihr

00:22:25: politisches Vorbild,

00:22:27: das weiß ich auch noch von ihr persönlich,

00:22:31: war

00:22:31: Petra Kelly.

00:22:33: Sie war Anhängerin der Grünen als man dafür noch gute Gründe haben konnte und Petra Kelley kann nicht nachvollziehen eine unglaublich charismatische Persönlichkeit und

00:22:47: sie wollte diese Frau

00:22:48: ... Sie hat gesagt wenn ich einen berühmten Menschen über ein Leben treffen könnte dann wäre es

00:22:52: nur die.

00:22:53: Und auch diesen Wunsch konnte ich hier in meinem Roman natürlich erfüllen, weil

00:22:57: Petra Kelly zu dieser Zeit auch

00:22:58: hin und wieder mein Berlin war.

00:23:01: Das

00:23:01: fand ich sehr

00:23:02: reizvoll.

00:23:03: das zu tun

00:23:04: inmitten von Debatten

00:23:06: die

00:23:07: wenn man bestimmte Wörter

00:23:08: austauscht

00:23:08: gar nicht so viel anders verlaufen als wir sie

00:23:10: heute wieder führen.

00:23:14: um Aufrüstung und die Frage, ob es in Wiefaren die Gefahr aus

00:23:19: dem Osten da

00:23:19: ist.

00:23:20: Ob

00:23:20: der Russe vor der Tür steht?

00:23:21: Das sind alles Dinge, die jetzt wiedergekommen sind und die damals schon sehr stark debattiert

00:23:26: wurden.

00:23:27: Und so habe ich

00:23:27: eben eine Szene zum Beispiel im Buch gemacht, in

00:23:32: der

00:23:34: Kandidat als Regierender Bürgermeister der CDU Anfang der achtziger Jahre – der ist nicht wörtlich genannt aber kann ja alle mal gucken wie das so

00:23:42: war!

00:23:43: Auf eine Bühne setze mit Petra

00:23:45: Kelly und die diskutieren

00:23:46: lasse.

00:23:46: Und bei Petra Kelley habe ich nur

00:23:49: so zitiert, wie sie

00:23:50: in ihren eigenen Worten, wie

00:23:51: ich das

00:23:52: in den

00:23:53: Archiven

00:23:53: und so gefunden hab verbirgt.

00:23:56: Den CDU-Mann

00:23:57: habe ich

00:23:58: überwiegend Zitate von Grünen und Sozialdemokratinnen im Mund gelegt, wie Sie heute gesagt werden, Russland durch Serveto nun

00:24:05: ersetzt.

00:24:06: Das

00:24:08: finde ich hochinteressant!

00:24:10: Ja, sie ist dann in diesem

00:24:11: hoch politisierten

00:24:13: Zeiten in West-Berlin.

00:24:14: Was ja noch mal eine ganz andere Nummer ist als heute in

00:24:16: Berlin ist.

00:24:17: auch das muss ich hier niemand mehr erzählen oder den wenigsten dass das einfach

00:24:21: die für viele

00:24:22: diese Insel war in der man potenziell glückselig sein konnte und drumherum eben das rote Meer wie man da gesagt

00:24:29: hat diese Transitstrecke

00:24:30: die sich nicht die Mira zurücklegen lasse.

00:24:34: Es gibt natürlich ganz

00:24:35: viele Gründe, warum sie dahin geht.

00:24:38: Das könnt ihr dann selber nachlesen.

00:24:39: die Zeit haben wir heute nicht aber es ist dann irgendwann da und eine Freundin mit der sie in einer WG lebt

00:24:45: zieht

00:24:45: sie eben auch in die Kulturszene

00:24:47: rein

00:24:48: und dann ist sie auf

00:24:48: einmal auch

00:24:49: im Club

00:24:49: wie dem Dschungel

00:24:51: in Westberlin sehr legendär

00:24:54: und dort

00:24:55: bringt diese Lucina die Freundin sie auch tatsächlich

00:24:58: dazu

00:24:59: einmal ihre Gedichte öffentlich vorzutragen,

00:25:01: was sie zuletzt

00:25:02: in der Schule gemacht hat und dort fürstellig ausgelacht

00:25:04: wurde.

00:25:05: Und das eigentlich nicht

00:25:06: mehr tun

00:25:06: wollte.

00:25:07: aber...und jetzt sind wir in dieser Szene...

00:25:10: Einmal die Woche

00:25:11: es war immer der Dienstag

00:25:13: gab es einen offenen Lyrikabend

00:25:14: im Dschungel.

00:25:15: Ausgerechnet!

00:25:17: Dieser Laden galt Lucina als schwieriges

00:25:19: Plaster.

00:25:19: Die

00:25:19: ließen bisweilen sogar Hollywood-Prominenz draußen warten.

00:25:23: Das waren

00:25:23: illiterer

00:25:24: Schuppen

00:25:24: indem sich die Sternchen des Stadttrafen

00:25:26: Aber es ließ sich dort auch

00:25:28: die Avant-Garde blicken.

00:25:29: Also jeder,

00:25:30: der wer was

00:25:31: oder

00:25:31: noch mehr werden wollte von Blickster Bargeld bis Annette Humpe.

00:25:35: Es hatte gedauert bis

00:25:36: Mira sich

00:25:37: dieses

00:25:37: Unbeeindrucktsein

00:25:38: vom anderen beigebracht

00:25:39: hatte

00:25:40: das in Westberlin zur Schaustellen musste

00:25:42: wer sich nicht lächerlich

00:25:43: machen wollte.

00:25:45: Einen Bereich

00:25:45: unten und

00:25:46: ein oben gab es.

00:25:47: Unten servierten sie Bier oben

00:25:49: Cocktails

00:25:50: Die Klassengesellschaft beim Saufen.

00:25:51: Daran hätte Oma Hulder ihren

00:25:53: Spaß

00:25:53: gehabt.

00:25:54: Zwischen den

00:25:54: für eine Disco erstaunlich

00:25:56: hell

00:25:56: beleuchteten

00:25:56: Ebenen hing eine Wendeltreppe, auf der die unentschlossenen rumstanden und die für Druckbetankte zur Gefahr werden konnte.

00:26:04: Überall starren Blätter

00:26:06: von Zimmerpflanzen

00:26:07: in Gästen in die Hüften – hinten gab es einen Tanzraum, der war

00:26:10: durch die

00:26:10: dunkelblaue

00:26:11: Wandfarbe eiskalt!

00:26:13: Der Dschungel

00:26:13: war einer der wenigen Anlässe

00:26:14: für die Kreuzberger

00:26:15: Szene ihren Kiezmal

00:26:17: zu verlassen.

00:26:18: Im Grunde war Westberlin

00:26:19: dörflicher als mancher Ort in Rheinland-Pfalz.

00:26:22: Die Stadt erschien mirer wie eine Kleingartenkolonie

00:26:24: mit verpesteter

00:26:25: Luft.

00:26:26: Jeder blieb

00:26:26: in seiner Parzelle,

00:26:27: empfing manchmal

00:26:28: Besuch

00:26:29: ging aber nur selten weiter

00:26:30: als zu den angrenzenden Nachbargärten.

00:26:33: Zu den Ausnahmen zählten Tage an denen die Bullen die besetzten Häuser räumen wollten So wie im September

00:26:38: einundachtzig,

00:26:39: als der Innensenator Lummer

00:26:41: wieder den dicken

00:26:42: Max spielte und in der Bülowstraße

00:26:44: die Kops

00:26:44: auflaufen

00:26:45: ließ.

00:26:45: Da zogen die Kreuzberger rüber nach Schöneberg – und sie konnten doch nicht verhindern

00:26:49: dass die

00:26:49: Bullen den Klaus Jürgen Rattei totfuhren!

00:26:52: Mira hielt sich

00:26:53: fern von solchen Sachen.

00:26:54: Das war was für Leute denen das Rampenlicht und der Krawall den Verstand benebelt hatten.

00:26:59: Dann lieber Lyrik im Dschungel.

00:27:01: Wenn Lucina dort

00:27:02: war

00:27:02: beobachtete

00:27:03: sie Prominente, die für Mira keine Prominenten waren weil sie die gar nicht kannte.

00:27:08: Da war zum

00:27:09: Beispiel

00:27:09: dieser schwule französische Philosoph

00:27:11: mit Glatze und Brille, der Lucina und Mira mal gegenüber saß und er für Studenten etwas Gottgleiches an sich hatte sowie sie ihn gegen jede Diskretionsregel anhimmelten.

00:27:21: oder diese Frau mit der pechschwarzen Helmfrisur

00:27:23: deren Mantel angeblich

00:27:25: aus Orang-Utan

00:27:26: Fell bestand.

00:27:27: Ihr Todmüder

00:27:28: ausgemergter Körper und diese zwischen den rauchschwaden hervorquellenen Augen,

00:27:32: die mit Kajal

00:27:33: umwandelt waren, deuteten

00:27:34: nicht

00:27:35: auf

00:27:35: die große

00:27:36: Schriftstellerin hin als die Lucina sie angepriesen hatte.

00:27:40: Die Titel ihrer Bücher sagten Mira nichts aber Sie klangen

00:27:43: sehr lustig!

00:27:44: Das Berührungsverbot – die Riesenswerge

00:27:47: Herr Leiselheimer und weitere Versuche

00:27:50: die Wirklichkeit zu bewältigen.

00:27:53: An diesem

00:27:53: Abend musste Mira auf die Bühne.

00:27:55: Lucina hatte

00:27:56: sie vor Tagen angemeldet ohne

00:27:57: Rücksprache,

00:27:58: weil sie natürlich sowieso abgesagt hätte.

00:28:00: Nach langer Diskussion ließ sie sich dann doch drauf ein unter der Bedingung

00:28:04: dass sie kurzfristig verduften

00:28:05: durfte

00:28:06: wenn es ihr zu viel

00:28:07: würde.

00:28:08: keine Begründung, keine Rechtfertigung.

00:28:10: So kamen Sie in den Genuss mal den völlig leeren Dschungel zu sehen.

00:28:14: Vor der lang gezogenen

00:28:15: Theke wartete

00:28:16: der Gastgeber.

00:28:16: Es war Detlef

00:28:17: Meyer.

00:28:18: Den kannte sie sogar

00:28:19: zumindest

00:28:19: seinen Gedichtband Heute Nacht im Dschunge hieß er Und den fand sie wirklich

00:28:24: stark.

00:28:24: Er schrieb Zeilen über

00:28:25: Berlin

00:28:26: und seine Bewohner,

00:28:27: alles ganz uneitel.

00:28:28: Das war es was mir die Angst

00:28:30: vor dem Auftritt nahm – fürs erste zumindest!

00:28:33: Denn dieser Mensch schien

00:28:34: frei von Arroganz, er lebte ihm hier

00:28:35: und jetzt.

00:28:36: das

00:28:36: fand sich schon

00:28:37: außergewöhnlich für

00:28:38: so ein Dichter.

00:28:39: Die Disc

00:28:40: Jockey

00:28:40: Kanzl

00:28:41: aus Plexiglas

00:28:42: sah aus wie ein Teil der Kommando Brücke.

00:28:44: auf dem Raumschiff Enterprise hatten Sie zur Bühne umfunktioniert.

00:28:48: Bei Licht betrachtet hieß das,

00:28:49: die Person hinter

00:28:50: dem Mikro musste jedem Zuschauer ins Gesicht sehen.

00:28:54: Erster Fluchtreflex

00:28:55: Wie viel liest du denn vor?

00:28:57: fragte Detlef

00:28:58: Meier mit seiner melodischen

00:28:59: Dichterstimme worauf Mira

00:29:01: keine Antwort

00:29:01: wusste.

00:29:03: Du wirst es schon wissen, sagte er breit lächelnd Mit diesen Haselnuss-Augen in die sich Mira am liebsten verknallt

00:29:09: hätte

00:29:09: wäre er nicht

00:29:10: schwul gewesen.

00:29:10: der

00:29:11: Detlefe

00:29:11: Meier Lucina und Mira tranken Mojito im Dschungel Und Mira

00:29:15: wollte jetzt doch noch abhauen.

00:29:17: Was hatte sie ihr da nur eingeredet?

00:29:20: Gar nix hab ich dir

00:29:20: eingeredet.

00:29:22: Du weißt genau, dass sich freiwillig

00:29:23: nie auf eine

00:29:23: Bühne gehen

00:29:24: wird!

00:29:25: Lucina saß da und sog ihren Long-Drink mit dem Strohhalm auf

00:29:28: so als wäre ihr egal wie aufgebracht Mira war.

00:29:33: Du machst mich wahnsinnig sagte Mira.

00:29:34: deine

00:29:35: ganze Art die macht mich

00:29:36: Wahnsinnig!

00:29:37: Sie spürte Lucinas Hand an der Schulter.

00:29:39: ganz ruhig Deine Gedichte sind sehr gut das

00:29:41: weißt du doch auch.

00:29:42: Und übrigens weiß der Detlef Meyer auch, dass deine Gedichte gut sind.

00:29:47: Woher weiß

00:29:47: denn der, wie meine Gedichte sind?

00:29:49: Und China sucht wieder an ihrem Strohhalm.

00:29:51: Das war offenkundig in neues Stilmittel.

00:29:54: Nein

00:29:54: rief Mira!

00:29:55: Die sieht sofort

00:29:55: mäßig.

00:29:56: Du hast dem nicht etwa meine...

00:29:58: Ihr blieb keine

00:29:59: Zeit sauer zu werden, denn da stand schon

00:30:00: der Detlef Meier

00:30:01: zum Soundcheck-Bad.

00:30:04: Mira war

00:30:04: nicht die erste an diesem Abend.

00:30:06: das Übernahmen der DetLEF MEIER schon selber.

00:30:08: Er begrüßte das Publikum, dass dich zusammengedrängt alle Aufmerksamkeit der Bühne schenkte.

00:30:13: Er deklamierte ein paar

00:30:14: Zeilen aus seiner Feder so

00:30:16: als lese er ironisch

00:30:17: aus der heiligen Schrift.

00:30:19: Ein Aufsteiger!

00:30:21: Nach einem

00:30:21: Schluck saddern Komfort und einem kleinen Joint

00:30:24: schnallt sich

00:30:24: Karl seine Rollschuhe

00:30:26: an Und rudert in gefährlicher

00:30:28: Schräglage

00:30:28: in den Dschungel.

00:30:31: Das ist alles noch nicht

00:30:32: ausgeflippt genug, bilanziert

00:30:34: er.

00:30:35: Aber den Hinz habe ich überwunden und den Kunst schaffe

00:30:38: ich auch

00:30:39: noch.

00:30:40: Das war die Messlatte!

00:30:42: Wie sollte sie damit halten?

00:30:44: Nächster Fluchtreflex Es folgten Männer, die mehr durch ihre Frisuren auffielen als mit ihren Texten

00:30:50: Bis einer an die Reihe kam

00:30:52: der aus der Reihe fiel.

00:30:54: Er ist Stammgast

00:30:54: im Dschungel, einer der Jüngsten.

00:30:56: Gerade erst hat er seinen

00:30:57: Schulabschluss gemacht den Tempelhof und nun präsentiert er seine jüngsten Werke

00:31:02: als Weltpremiere

00:31:03: bei uns.

00:31:04: Begrüßt mit Applaus

00:31:05: unseren

00:31:05: Freund Tom!

00:31:07: Rote

00:31:08: Haare hatte der Kerl,

00:31:09: rote Haar und das Auftreten eines Menschen,

00:31:12: der wusste worauf

00:31:13: es ankam

00:31:13: – Das Gefilmierer.

00:31:15: Nur sah sie leider nicht

00:31:16: ob er tätowiert

00:31:17: war

00:31:18: weil er ein schwarzes Langarmhemd

00:31:19: trug.

00:31:20: Doch ganz sicher

00:31:21: war der tätowiert,

00:31:21: solche

00:31:22: Typen waren immer tätowirt.

00:31:24: Und als er sein Whiskey-Glas in einem Zug gelehrt

00:31:26: hatte und vor dem Mikro stehend durch noch einen Grinsen aufsetzte, da mühte Mira sich im Johlen der Leute ihn nicht mehr zu betrachten.

00:31:34: Sie schloss die Augen... ...und erschrak!

00:31:37: Weil der zu brüllen

00:31:37: begann wie ein verwundeter Ochse.

00:31:40: Wer sein Leben verliert,

00:31:42: der wird's finden.

00:31:43: Und wer es verliert?

00:31:45: Der wird's wiederfinden.

00:31:47: Die werden mich verfluchen dass

00:31:48: ich hier stehe.

00:31:49: Ich stehe hier, weil ich keinen Bock

00:31:52: habe umzufallen.

00:31:54: Nichts ist für die Ewigkeit!

00:31:56: Hier wird

00:31:57: kein Stein auf dem anderen bleiben.

00:31:59: Was mich am Leben

00:32:00: hält, ist der

00:32:01: Gedanke nicht

00:32:03: allein zu

00:32:04: sein.".

00:32:06: Die Menge jubelte, Mira verstand

00:32:08: nichts auch nicht die vier oder fünf Anderen also nur ja.

00:32:12: Kulans halber

00:32:12: nannte sie erst mal Gedichte,

00:32:14: die dieser seltsame

00:32:15: Kerl vortrug

00:32:16: oder besser

00:32:16: noch vor schrie.

00:32:18: Allesamt kam sie hervorragend

00:32:20: an bei den Leuten.

00:32:22: Ausgerechnet nach diesem

00:32:23: Kerl war

00:32:23: Mira dran –

00:32:24: noch ein Ruffluchtreflex!

00:32:26: Lucina streichelt ihr über den Rücken

00:32:28: und nickte ihr

00:32:28: zu,

00:32:29: da stand Mira schon mit einem handbeschriebenen Zettel im Lichtkegel.

00:32:33: Nach der Extase

00:32:34: um diesen

00:32:34: Rotschopf war es jetzt Mux-Mäuschen still.

00:32:37: Mira reusperte sich,

00:32:39: nannte ihren Vornamen,

00:32:40: reusperte sich wieder

00:32:42: und versenkte den Blick in Blatt.

00:32:45: Sie rodeten den Regenwald.

00:32:47: Mensch warum bist

00:32:48: du

00:32:48: kalt?

00:32:49: Sie brauchen uns

00:32:49: der Zukunft unserer Kinder.

00:32:51: Mensch,

00:32:52: wann kommst

00:32:52: du dahinter?

00:32:54: Sie maßen sich an die Natur zu

00:32:55: zerstören!

00:32:56: Mensch wie

00:32:57: lange willst Du noch

00:32:57: dazugehören?!

00:32:59: Wir beuten die Natur aus und machen uns nichts daraus.

00:33:02: Nicht dein einziges Mal hatte sie

00:33:04: sich verhasbelt –

00:33:05: den Kopf hielt sie unten,

00:33:06: die Augen

00:33:07: schob sie nach oben.

00:33:08: Betretenes Schweigen

00:33:10: Wenn Du es siehst

00:33:11: das

00:33:11: Licht

00:33:12: in der Dunkelheit,

00:33:13: wenn Du Dich

00:33:13: erinnerst an die Jahre der Kindheit, Wenn

00:33:16: du daran

00:33:19: glaubst an die Macht der Liebe, wenn er dich traurig macht, der Fremden haster Deutschen.

00:33:24: Wenn sie dich

00:33:25: wütend macht, die Zerstörung

00:33:26: der Wälder,

00:33:27: dann zeige du dein Licht in der Dunkelheit.

00:33:30: Zögerliche Applaus durchbrochen

00:33:32: von Lucinas energischem Klatschen und Pfeifen.

00:33:36: Vierter Fluchtreflex dritter Text!

00:33:39: Glaub mir es gibt noch Elfen nicht

00:33:40: nur in deinen Träumen.

00:33:42: lasst dir von ihnen helfen sonst wirst

00:33:43: Du viel

00:33:44: versäumen.

00:33:45: Glaubt mir Es gibt auch soviel zu entdecken.

00:33:47: Du solltest deine Gefühle nicht verstecken.

00:33:50: Es war ihr kaum aufgefallen, aber

00:33:52: viele Typen hatten schon zu Beginn vor sich hingefalgst.

00:33:54: bei Miras erst im Gedicht.

00:33:56: Jetzt aber taten es ihnen mehrere Leute nach.

00:33:59: Der Rotschopf der eben noch gebrüllt

00:34:00: hatte lachte

00:34:01: wie eine Hyäne

00:34:02: und der verhaltene Beifall im Saal war erfüllt von anschwellende

00:34:05: Menschenrauschen.

00:34:06: Mira blieb

00:34:07: stehen

00:34:08: Ihr fehlten die Kraft und der Mut zum Abgang.

00:34:10: Sie schaute von Reihe

00:34:11: zu Reihe

00:34:12: Erst oben.

00:34:13: Lucina sah sie mit einem Blick an der wohl Mitleid auszudrücken

00:34:16: versuchte Und sich würde keinerlei

00:34:19: Drang bei dieser Frau

00:34:20: irgendeinen Trost

00:34:21: zu finden.

00:34:22: Die Augen suchten

00:34:22: weiter den Weg über die Treppe nach unten, wo Mira der Blick eines Menschen

00:34:26: traf,

00:34:27: den sie in diesem Augenblick

00:34:28: überall

00:34:29: erwartet hätte

00:34:30: auf der ganzen Welt und darüber hinaus

00:34:32: auch...

00:34:32: bloß nicht hier!

00:34:33: Nicht in West-Berlin, nicht im Dschungel,

00:34:35: nicht an diesem Lürikabend,

00:34:37: der Mira ein weiteres

00:34:38: Mal das Herz

00:34:39: brach.

00:34:40: Und dann ergab sie sich den Drang der Tränen ohne zu wissen

00:34:43: ob aus Trauer

00:34:43: oder Verglück.

00:34:45: Hast du

00:34:46: was?

00:34:46: sagte er nichts weiter, so als komme er vom Zigarettenholen.

00:34:50: Dieser

00:34:50: andere Rotschopf

00:34:51: nahm Mira in den Arm und führte sie hinaus.

00:34:54: Beide ignorierten

00:34:55: die Leute.

00:34:56: Sie gingen voran wie frisch vermählte durch das

00:34:58: Spalier der

00:34:58: Gratulanten und Neider.

00:35:01: Als sie draußen waren, fiel ihr Lucina ein

00:35:03: Ehe.

00:35:03: sie beschloss

00:35:04: an nichts mehr zu denken

00:35:06: sondern dieses eine Mal

00:35:07: nur noch zu fühlen wenigstens bis ans

00:35:09: Ende dieser Nacht.

00:35:10: In ihrem Kopf fing dieses

00:35:11: Lied

00:35:11: an

00:35:12: Weekend

00:35:13: von

00:35:13: Earth and Fire, wofür sie

00:35:14: im Dschungel erst

00:35:15: recht

00:35:15: alle auslachen

00:35:16: würden.

00:35:17: Aber was war Mira das egal?

00:35:18: Ihr Hirn

00:35:19: war überfordert damit diese Bilder zusammenzubringen.

00:35:22: Hand in Hand lief Sie mit Ottes durch Charlottenburg.

00:35:24: Am Zoo stiegen sie die Stufen hinab zur U-Bahn.

00:35:27: Ottes kannte sich hieraus

00:35:28: als wäre er selber

00:35:29: schon seit zwei Jahren in der Stadt.

00:35:31: Auf einer freien Bank saßen sie unter dem

00:35:33: durch

00:35:33: die Fenste hereindonnenden Rattern

00:35:35: des Zugs beieinander und knutschten so wild as müssten sie sich in zwei Minuten trennen

00:35:40: für den Rest ihrer

00:35:41: Tage.

00:35:42: Aber das mussten sie nicht.

00:35:43: Woher

00:35:43: denn auch?

00:35:44: Sie hatten sich doch gerade erst wiedergefunden

00:35:46: oder besser

00:35:47: Ottis hatte sie wiedergefundet,

00:35:48: wie auch

00:35:49: immer er das gemacht

00:35:49: hat in der

00:35:50: alte

00:35:50: Schlawina.

00:36:00: Ja,

00:36:00: der Ottis ist

00:36:02: vielleicht Wissenstein oder anderen derjenige, der später zum Vater des Kleinen

00:36:05: Christian werden sollte,

00:36:07: der nicht so einverstanden damit war dass die Mira nach Berlin

00:36:09: gegangen ist

00:36:11: und die Vorgeschichte hier

00:36:12: ist,

00:36:13: dass in Kaiserslautern ganz viele Pläne geschmiedet wurden, wie sie diese Mira wieder zurück kriegen können Denn die ist doch da bestimmt ganz unglücklich.

00:36:20: Und der Ottes

00:36:22: hat dann als erstes

00:36:22: die Initiative

00:36:23: ergriffen

00:36:24: und ich verrate jetzt nicht, wie es danach weitergeht.

00:36:26: konkret aber

00:36:29: ja... Es ist

00:36:31: eine Szene, das haben wir auch gesagt, dass ich das unbedingt sagen muss.

00:36:36: Die habe ich in Berlin zum allerersten Mal vorgelesen bei einer Veranstaltung im Borschad.

00:36:41: Ich weiß nicht ob Sie wissen was das

00:36:42: Borschat ist.

00:36:43: Es ist eines der

00:36:44: vielleicht das

00:36:45: Edel-Restaurant in der Stadt.

00:36:47: Dort gibt es

00:36:47: eine sehr schöne Lesungsreihe von einem FHZ Redakteur,

00:36:50: der

00:36:51: im Obergeschoss

00:36:52: den Writers' Thursday veranstaltet.

00:36:55: Das hat gar nicht so viel da unten mit dem Schuppen an sich zu tun aber der Ort ist schon symbolisch und man hat da schon...das

00:37:01: ist ein Meet and Greet

00:37:01: der

00:37:02: Literaturbranche.

00:37:03: So kann man's

00:37:04: schon sagen!

00:37:06: Ja und ich hab mich ganz bewusst entschieden als ich gefragt wurde

00:37:09: was liest

00:37:09: du denn vor?

00:37:11: Mein Detlef Meier war dann dieser FH Z Redakteuer Und dann wollte ich das machen, weil ich testen wollte wie reagiert das Publikum.

00:37:19: Wenn ich diese im Vergleich zu dem was die anderen vortragen

00:37:23: ein bisschen in

00:37:24: ganz anders gearteten Gedichte vorlese.

00:37:27: und es gab natürlich

00:37:28: die Leute die

00:37:29: erstmal angefangen haben zu kichern

00:37:31: gehässlich

00:37:32: zu kichern Weil sie vielleicht auch dachten

00:37:34: Ich

00:37:35: will da jetzt irgendwie mich über

00:37:37: diese Figur lustig

00:37:38: machen und dann wird es damit aufgelöst

00:37:40: dass

00:37:41: Sie alle auslachen und das vielleicht nicht so toll für

00:37:43: sie ist.

00:37:44: Das fand ich

00:37:44: eigentlich einen ganz

00:37:45: schönen Effekt,

00:37:46: weil dann im Ende ich auch mehrmals darauf angesprochen wurde dass Leute sich selbst dann ertappt

00:37:50: haben.

00:37:51: Das finde ich

00:37:51: auch sehr angenehm das es das vereinzelt

00:37:53: doch gibt,

00:37:54: dass sie sagen wissen Sie was?

00:37:56: Ich habe auch an

00:37:56: dieser Einstelle gekichert bisschen blöd von mir glaube ich.

00:38:00: Das fand mich dann wiederum sehr angesehen und zeigt dass man zumindest im Kleinen auch manchmal etwas bewirken kann indem man einfach so eine Szene zusammenschustert

00:38:09: die

00:38:09: auf Erfahrungen

00:38:11: die meine Mutter gemacht hat, die ich eben so weitergegeben bekommen habe.

00:38:14: Aber die in ein Setting gestellt

00:38:16: ist,

00:38:16: indem sie auch hätte passieren

00:38:18: können

00:38:19: und ich mich beim Schreiben Frage ist

00:38:20: das jetzt irgendwie realistisch

00:38:21: dass

00:38:22: da ja

00:38:23: ausgelacht werden

00:38:23: könnte?

00:38:24: Und dann mache ich das in diesen vierzig Jahre später in fünf mehr als vierzig jahre

00:38:29: später

00:38:29: im Borschad

00:38:30: und sie ist

00:38:31: bestätigt!

00:38:32: Das

00:38:32: ist nicht ganz so schlecht als aneknotische Evidenz.

00:38:37: Jetzt oute ich mich was sich überhaupt eine Nachvollziehen kann.

00:38:41: Schon als ich in dem ersten Buch dieses Gedicht über das Runden der Wälder gelesen habe, hab' ich gedacht... Hattet die Frau im Schrank ne Glaskugel?

00:38:51: Ja also dieses Gedichte ist wie alt?

00:38:54: Das sind aus den Siebzigern.

00:38:59: Ende des Siebziger,

00:39:00: als das Weitsterben

00:39:01: ganz langsam

00:39:02: begonnen hat zum Thema zu werden

00:39:04: Die Ökologie überhaupt

00:39:05: entstand.

00:39:06: Also die Grünen haben sich erst Anfang der Achtziger gegründet.

00:39:08: sogar

00:39:08: glaube ich so richtig aktiv oder berühmt geworden

00:39:11: sind sie erst mit dem Bundestagseinszug und dann wurde erst die Umweltfrage, hat man es ja damals noch genannt, noch nicht

00:39:18: Klimakrise.

00:39:19: Ja also das waren aber die Themen die Sie umgetrieben haben.

00:39:23: Es war jetzt auch nicht Rassismus,

00:39:25: aber

00:39:26: das Wort Fremdenhast fällt.

00:39:27: Die Fremdinfeindlichkeit war das Thema dass sie wahnsinnig stark umgetrieben hat dann

00:39:33: eben

00:39:34: auch, weil sie es an ihrem eigenen Mann erlebt hat die materielle Ungleichheit

00:39:38: in der Gesellschaft.

00:39:39: Das sie gesehen

00:39:40: hat hier ... Sie hat ja einen Mann,

00:39:43: der als

00:39:44: Mein Vater war Möbelpacker, hat eben auch den Hauptschulabschluss gemacht und hatte aber in diesem Beruf keinerlei Aufstiegschancen.

00:39:51: also das war von Anfang an klar dass für ihn nichts wird.

00:39:56: Und so zu leben

00:39:57: und dann zu denken,

00:39:58: der schuftet sich kaputt

00:39:59: dieser Mann.

00:39:59: Also das

00:40:00: ist ja... Ich habe gerade selbst

00:40:01: einen Umzug über siebenhundert Kilometer hinter mir von Berlin nach Kaiserslautern und

00:40:06: ich hab jetzt

00:40:08: ein einziger Umzug.

00:40:09: Diese Leute die diesen Umzug mit mir gemacht haben bei dem entsprechenden Unternehmen arbeiten also unter welchen Bedingungen es auch stattfindet

00:40:16: Das ist kein Spaß.

00:40:18: und wo du dann denkst aber was die für den Lohn

00:40:20: am

00:40:20: Ende bekommen

00:40:21: ist

00:40:22: Das ist keine Sache, die ein Nineties oder

00:40:24: Eighties-Ding

00:40:25: ist.

00:40:25: Sondern das ist bis

00:40:26: heute so der Fall.

00:40:27: Heute nennen wir es Working

00:40:28: Poor.

00:40:29: Ein Thema, dass hier in diesem Kontext natürlich besonders wichtig ist.

00:40:33: Aber meine Mutter hatte das schon ganz früh

00:40:36: auf dem Schirm

00:40:36: und das finde ich toll.

00:40:38: jetzt auch ... wo sie leider schon lange tot ist.

00:40:41: aber ich denke ganz oft wie gerne würde ich mich heute mit ihr politisch auseinandersetzen?

00:40:48: Was mich so besonders berührt an diesem Gedicht Was ja heute immer

00:40:52: noch

00:40:53: ist, die Klimakrise ist da.

00:40:55: Wir wissen es alle und wir haben Politiker, die so tun als müssten nur die Zünden der Idee kommen.

00:41:03: Wie sagt Merz immer?

00:41:04: Ergibnis offen, irgendein Tragstoff, der was weiß ich, was ist statt dass wir endlich uns mal darauf zurück besinnen das wäre der Überkonsum des Hauptproblems, dass wir verzicht üben müssen.

00:41:18: Und deine Mutter hat schon wirklich damals unserer Schuld in den Mittelpunkt geschenkt.

00:41:24: Du fängst an in dem Gedicht, die Menschen roten die

00:41:27: Wälder.".

00:41:29: Sie hat damals schon gesehen, das ist nichts was wir irgendwie wieder gerade biegen können wenn man uns ein bisschen anstrengt sondern wir müssen etwas ändern in unserem Grundverhalten.

00:41:37: Das berührt mich nicht nur, sondern da kann ich mir sagen, Schapo zeigt ja eine Weizsicht Die man drum habe ich vorhin gefragt, was das für ein Schulerfluss ist.

00:41:49: Erst mal so grundsätzlich ganz banal denkt ... Woher nehmt sie das?

00:41:54: als eine junge Frau?

00:41:56: In meiner Familie wird da immer gesagt,

00:41:58: dass es die Herzensbildung,

00:42:00: die Sie einfach auch hat.

00:42:03: Ich komme ja also ganz oft, wenn ich über das Bildungssystem dann spreche und ich hab mit Ministerinnen auf Landesebene unser häufiger Mal zu tun bei entsprechenden Veranstaltungen Und ich die Zahlen referiere,

00:42:16: die sie

00:42:16: alle kennen

00:42:18: wie viel

00:42:18: weniger Menschen aus einem Arbeiterhaushalt einen höheren Bildungsabschluss machen als Menschen, die in Bildungsbürgertum geboren sind.

00:42:27: und dann sagen wenn wir jetzt sagen dass das an der angebrochen oder an erzogenen Dummheit irgendwelcher

00:42:33: Kinder liegt.

00:42:33: Dann sind wir wieder in Zeiten, die wir doch eigentlich lange hinter uns haben wollen weil es eine

00:42:37: biologistische

00:42:38: Argumentation

00:42:39: ist.

00:42:39: Es ist ein Systemfehler verankert ist und deswegen

00:42:43: muss das System aufgesprengt werden.

00:42:45: Und dann kommen natürlich die Ministerin zu mir und sagen, die haben oft mal gedacht ich halte hier so ein Bundespräsidentenvortrag.

00:42:52: und

00:42:52: dann sage ich sowas.

00:42:52: Das finden die da nicht so toll?

00:42:54: Ja aber mit Geld allein löst man ja keine Probleme!

00:42:57: Also das ist das was ich dann immer höre.

00:43:00: Ich dann sage ja das habe ich aber

00:43:01: auch nicht behauptet.

00:43:02: also wie kommen Sie jetzt darauf mir das vorzuwählen?

00:43:04: Das hab' ich ja gar nicht gesagt.

00:43:05: es

00:43:05: war etwas anderes.

00:43:06: sie wollen jetzt nur nicht mit mir darüber sprechen dass sich dieses Bildungssystem an

00:43:10: sich für falsch halte

00:43:12: Und so redet man dann aneinander vorbei und ich komme gar nicht soweit, dass ich sagen kann

00:43:18: ja aber diese Figuren

00:43:19: die zeige ich ja dementsprechend.

00:43:22: Ich habe es sozusagen schwarz auf weiß im

00:43:24: Ordner

00:43:25: mit den Gedichten, die meine Mutter hinterlassen hat.

00:43:31: Auch in den anderen Texten, die sie geschrieben hat von dem was ich weiß.

00:43:33: Was sie

00:43:33: gesagt hat das ist

00:43:35: jetzt nicht darum geht.

00:43:36: wir an sich müssen verzicht üben.

00:43:38: Sie wusste schon wer vor allem verzichten

00:43:39: muss dass

00:43:40: es schon auch

00:43:41: wer rodet die Wälder dass das

00:43:42: natürlich nicht du

00:43:43: aber Ich muss da schon von mir auch reden so privilegiert wie ich heute leben darf Ja ich muss es mir ich muss so machen

00:43:52: ja viel.

00:43:53: ach das ist Jetzt

00:43:53: wieder eine diskussion für sich.

00:43:54: ich glaube ich glaube wirklich dass

00:43:56: Es erst einmal Also wenn wir jetzt über die Klimakrise diskutieren, dann müssen wir mal sehen wie viel... Ich bin auch gerade

00:44:04: in einem

00:44:04: ganz tollen Hotel untergebracht und man kennt das von Hotels.

00:44:07: Dass es da steht.

00:44:07: bitte machen Sie das Licht

00:44:08: aus!

00:44:09: Bitte spülen sie,

00:44:10: wenn sie auf der Toilette waren mit

00:44:11: dem kleinen Knopf nicht

00:44:12: mit den großen weil das spart soviel

00:44:13: Wasser.

00:44:14: Das

00:44:14: stimmt alles und ist

00:44:15: nicht ans-

00:44:16: und auch etwas

00:44:16: sehr Gutes.

00:44:17: ich versuche

00:44:17: daran zu achten.

00:44:18: Ich mache auch Zuhause Wenn keiner im Einraum ist wie aber alle da mach' ich schon

00:44:22: das Licht raus.

00:44:23: Ich versuch's

00:44:23: zumindest

00:44:25: immer das auch so einzuhalten.

00:44:27: Im Endeffekt können wir ja sehen,

00:44:29: dass es

00:44:30: ein kapitalistisches

00:44:31: Problem ist.

00:44:31: Die Konzerne

00:44:33: produzieren diesen

00:44:34: Dreck an dem wir gerade ersticken und das ist nicht so zu tun als wäre es ein Problem, dass wir jetzt das Licht ausmachen bei uns Zuhause und dann ist die Welt

00:44:43: gerettet.

00:44:44: Das ist halt ein falscher

00:44:45: Pfad

00:44:46: Und von dem glaube

00:44:47: ich auf dem ist meine Mutter auch nicht

00:44:49: gewesen.

00:44:51: Nach allem was ich weiß,

00:44:52: hat sie das schon im Blick gehabt auch.

00:44:54: Aber das heißt nicht dass du hast trotzdem

00:44:57: recht und ich glaube

00:44:58: das

00:44:58: auch.

00:44:58: Ich bin ja auch viel

00:44:59: in Bildungsbürgertum

00:45:00: unterwegs jetzt, zu dem ich übrigens

00:45:02: sogar selber gehöre glaube ich mittlerweile.

00:45:04: Und da... ich sehe mich da auch in der Pflicht aber

00:45:08: immer.

00:45:08: ich

00:45:09: sage dann trotzdem meine Schwiegermutter ist jetzt zu besuchen und da habe ich das jetzt auch dann gesagt Meine Herren

00:45:14: lass

00:45:14: die Lichter halt auch mal brennen und ich geb dir aber etwas zu lesen wo du Mausie warst So.

00:45:19: Und wer wirklich die Scheiße baut?

00:45:21: Es ist

00:45:22: nicht so, dass wir uns gegenseitig die ganze Zeit auf den Finger gucken können.

00:45:25: Wir sollten denen da oben auf den Fingern

00:45:26: kloppen.

00:45:27: Das stimmt!

00:45:34: Die dritte im Bunde war es als junge Frau schon ganz wichtig... ...dass sie irgendwie da hochkommt.

00:45:41: Ja, ja.

00:45:42: Leihmetan

00:45:43: der Ella.

00:45:44: Jahrgang ¾ und ¾, um das auch von mal zu sagen, Juli ist jahrgang ¼. Also eine Generation liegt zwischen den beiden.

00:45:50: ¼,

00:45:51: das heißt, sie ist auch wirklich noch Da ging es allen noch schlecht.

00:45:56: Sie hat wirklich absolute

00:45:57: Armut erlebt, das kann man nicht anders sagen

00:46:00: in ihrer frühen Kindheit.

00:46:02: und ja ihr eigener Vater mein Opa der eben wie ich das vorhin schon gesagt

00:46:06: habe

00:46:08: nochmal an die Front geschickt wurde dann für ihn glücklicherweise frühzeitig in Kriegsgefangenschaft kam Das hat

00:46:13: er dann später

00:46:14: gesagt.

00:46:14: Es war eigentlich mein Glück dass sich da dann sofort weg war wo noch das Unnötigste aller Soldaten sterben stattgefunden hat.

00:46:23: Und

00:46:24: ja, so ist sie

00:46:26: in eine Familie reingeboren worden.

00:46:27: In der die Armut überall war

00:46:31: und

00:46:32: auch

00:46:33: das Gefühl, dass wir heute

00:46:36: wissen, dass das,

00:46:37: das Fünfundvierzig die Befreiung war.

00:46:39: aber ich glaube FünfundvierzIG haben die meisten Menschen Oma Hulda nicht, aber alle anderen alle an die diese Gesinnung nicht hatten gesagt, dass Wir sind auch in einer Situation

00:46:48: absolute Niederlage.

00:46:49: Das kommt ja noch dazu.

00:46:50: Also das war auch psychologisch

00:46:52: ein Tiefpunkt.

00:46:54: Und da wirst du reingeboren

00:46:55: und bist ein Kleinkind?

00:46:56: Genau, dass sie daraus will ist ja erst mal überhaupt nicht verwerflich!

00:47:01: Das war

00:47:01: ihr

00:47:01: absoluter

00:47:02: Antrieb den ich hundert Prozent nachvollziehen kann.

00:47:04: und sie ist... Auch immer wieder sage

00:47:06: ich das

00:47:07: dazu weil das gerne vergessen wird wo wir alle sagen die Bundesrepublik

00:47:11: ist

00:47:11: so die ganz tolle Demokratie schon gewesen.

00:47:15: Ja, sie ist in eine

00:47:16: Gesellschaft rein sozialisiert worden, in der man noch den Ehemann fragen musste ob man arbeiten gehen oder ein Konto

00:47:21: eröffnen durfte.

00:47:23: Also das sind Dinge die man nicht vergessen

00:47:25: darf

00:47:25: immer im Bewusstsein halten muss.

00:47:27: und ihr Weg nach oben würde ich es nicht mehr sagen sondern Sie wollte nichts mehr mit Armut

00:47:34: zu

00:47:34: tun haben

00:47:35: also ein klassisch

00:47:36: kommunistisches Ziel.

00:47:37: die klassenlose

00:47:38: Gesellschaft

00:47:39: hat sie

00:47:39: erst mal gesagt.

00:47:40: das will ich für mich aber auch haben.

00:47:44: Heirat

00:47:44: nach oben gesehen

00:47:45: und

00:47:46: das war ja auch der realistische Weg.

00:47:49: Und das

00:47:49: hat bei ihr gut funktioniert, wie gesagt sie ist dann

00:47:53: relativ früh

00:47:53: sogar, war

00:47:54: sie plötzlich in einer Situation da sie ein Haus

00:47:56: baut mit ihrem Mann?

00:47:57: Genau aber sie hat sich so schratztun oder wirst du auch gleich draus lesen Sie hat nicht nur den Schnöden konsumbetrieben es hat vor allen Dingen auch Kulturkonsum betrieben

00:48:06: und sie

00:48:07: nahe gebracht.

00:48:08: Das hat sie

00:48:09: genau!

00:48:09: Da hat sie die proletarische

00:48:11: Kulturnähe ihrer

00:48:12: ihrer Oma auch noch weitergetragen

00:48:14: und das hat sie

00:48:15: dann auch dem kleinen

00:48:15: Christian später

00:48:16: näher gebracht.

00:48:17: Und jetzt

00:48:18: ist

00:48:18: es aber nicht nur so,

00:48:21: dass diese

00:48:21: Ella ganz privat für sich

00:48:25: irgendwie verstanden

00:48:26: hat, dass

00:48:27: dieser Gesellschaft an sich

00:48:29: nicht besonders demokratisch

00:48:30: oder

00:48:31: gerecht ist sondern sie ist auch mit Anfang der achtziger Jahre

00:48:34: als sie Mitte dreißig

00:48:37: gewesen ist

00:48:37: da war sie selber

00:48:39: auch stark politisiert.

00:48:40: Und zwar, ich würde sagen

00:48:42: aus meiner Sicht auf der richtigen

00:48:43: Seite

00:48:44: und das sehen wir mal in der Szene die wir jetzt haben.

00:48:46: da

00:48:46: treffen nämlich

00:48:47: Ella

00:48:47: und Juli

00:48:48: gleich aufeinander.

00:48:51: Sie hätte mit einem der Busse fahren können aber das wäre doch bekannt geworden.

00:48:54: Ellas Unterstützung für Gesamtschule

00:48:56: und BAföG

00:48:57: Mitbestimmung und Sozialhilfe

00:48:58: all das

00:48:59: ging bei den immer schon besser gestellten

00:49:01: als Tribut

00:49:01: durch

00:49:02: an ein Kind

00:49:03: einfacher

00:49:03: Leute

00:49:04: Der gute Mensch von Kaiserslautern.

00:49:06: Das war Ellas

00:49:07: Rolle und solange

00:49:08: sie die Badermainhof-Bande, nicht nachträglich als

00:49:10: Badermaynhofgruppe

00:49:12: bezeichnete –

00:49:13: auch nicht vergaßt

00:49:14: von der sogenannten DDR zu reden,

00:49:16: war sie als bürgerliche

00:49:17: Frau mit leichtem Linkstrahl akzeptiert.

00:49:20: Bei der Ostpolitik hörte das Spaß auf!

00:49:23: Abrüstungssympathie war ein Synonym für Russenfreundschaft und galt als Wohlstandstersetzend und demokratiegefährdend.

00:49:31: Ob sie denn vergessen habe, was der Ami

00:49:32: für

00:49:32: ihresgleichen

00:49:33: getan habe?

00:49:34: Das gaben Sie

00:49:34: Ella zurück.

00:49:35: Die Leute

00:49:36: von den Erzwütten, wenn

00:49:37: ein leiser Zweifel am Wettersten aufkam, für das

00:49:39: sich seit

00:49:40: Helmut Schmidt

00:49:41: sogar die Sozialdemokraten

00:49:42: begeistert hat.

00:49:44: Also hatte

00:49:44: Ella bis zuletzt

00:49:45: offen

00:49:45: gehalten ob

00:49:46: sie die Reise nach Bonn antreten würde

00:49:48: zur großen Friedensdemonstration.

00:49:50: Norbert hatte

00:49:51: Ella abgeraten.

00:49:52: Das ist ihr Mann!

00:49:53: Wobei das zu vorsichtig ausgedrückt

00:49:55: war Denn er hatte

00:49:56: es ihr faktisch verboten

00:49:57: am Abend davor.

00:49:58: Es gehe auch um seinen Ruf.

00:50:01: Kurze Klammer, Norbert war bei den Amerikanern angestellt als Statiker und

00:50:06: ja in Kaiserslautern

00:50:07: gibt es wahnsinnig viele nach wie vor Amerikaner die dort stationiert sind.

00:50:10: Und ganz viele einige tausend Menschen sind nach wie

00:50:13: Vor auch als

00:50:15: Deutsche dort

00:50:15: Zivile angestellte und Norbert einer davon.

00:50:18: Deshalb

00:50:19: ging es

00:50:19: auch um seinen Ruf und nicht nur das

00:50:21: denn wenn seine

00:50:21: Vorgesetzten

00:50:22: erführen

00:50:22: dass seine Ehefrau in Bonn gegen

00:50:24: den Präsidenten der Vereinigten

00:50:26: Staaten demonstriert hätte

00:50:27: Könnte ihn das seine

00:50:28: Stellung

00:50:28: kosten und dann geriet er auch

00:50:30: der Kredit fürs

00:50:31: Haus

00:50:31: in Gefahr.

00:50:32: Also soll er sich diesen Mist mal

00:50:33: verkneifen?

00:50:35: Das mit dem

00:50:35: Haus hat

00:50:36: ihr den Rest gegeben, mal

00:50:37: wieder!

00:50:38: Der Entschluss war gefasst

00:50:39: und als sie am Morgen ins Auto stieg um zur Arbeit zu fahren, da

00:50:42: spürte

00:50:42: sie den Drang die Fernstraße anzusteuern.

00:50:45: Warum sollte sie sich

00:50:46: auf dem Büro nicht krank melden und den Cognito demonstrieren

00:50:49: gehen?!

00:50:49: Reagan, dieser

00:50:50: Schauspieler aus Washington

00:50:51: war tatsächlich zum NATO-Gipfel nach Deutschland gereist.

00:50:54: Das sagten sie im Radio – es könnte die größte Grundgebung auf deutschen Boden

00:50:58: werden seit Jahrzehnten!

00:51:00: Die Reise wäre auch mit

00:51:01: einem der Sonderzüge möglich gewesen aber gefährlich.

00:51:04: Die Bundesbahn

00:51:05: wollte

00:51:05: die

00:51:05: Fahrkarten für das Fünffache des Preises anbieten,

00:51:08: den Sie einundachtzig

00:51:09: zur ersten

00:51:10: großen Bonner Demonstration aufgerufen hatte.

00:51:12: Das sollte

00:51:13: wohl die Leute fernhalten.

00:51:14: Kurz vor knapp musste der Staatskonzern zurück rudern und

00:51:17: sich mit einem relativ moderaten Preisanstieg begnügen.

00:51:20: Allein schon darum wäre Ella gern mit der Bahn gefahren.

00:51:23: Hätte sie aber irgendwer am Bahnhof

00:51:25: gesehen, wär sie aufgeflogen – also keine Chance!

00:51:28: Auf dem Weg raus zum Betrieb juckte

00:51:30: es ein paar Mal in der rechten Hand.

00:51:31: Autobahnauffahrt Mannheim

00:51:33: knapp verpasst.

00:51:34: Autobahnauffahrt Frankfurt.

00:51:36: Im letzten Moment riss Ella das Steuer rum,

00:51:38: fuhr auf die mittlere

00:51:39: Spur

00:51:39: unter wildem Gehube

00:51:41: der Nachzügler.

00:51:42: Die vier und ein halb Stunden

00:51:43: auf dem Büro verbrachte

00:51:44: sie mindestens zur

00:51:45: Hälfte

00:51:46: in der Kaffeeküche.

00:51:47: Zur Tarnung hatte sie sich einen Papierstapel

00:51:50: mitgenommen, falls wer sich wundern sollte.

00:51:52: Leise lief das Radio.

00:51:54: Wesentliches

00:51:54: erfahren

00:51:55: konnte sie nicht!

00:51:56: Verlässliche Teilnehmerzahlen

00:51:57: gab es noch keine.

00:51:58: Die Reporter hatten vor allem Spott

00:52:00: übrig für Dorothee Sölle

00:52:02: mit ihrem zitierende

00:52:03: Berg

00:52:03: Predigt oder für Josef Boyce

00:52:05: – Mit seinem Lied Wir wollen Sonne statt

00:52:07: Reagan.

00:52:09: Doch die im Hintergrund

00:52:09: hörbare Menschenmenge reichte Ella aus, um sich dem Anliegen nahezufühlen.

00:52:14: Das wohl mehrere hunderttausend

00:52:16: Menschen dorthin getrieben hatte.

00:52:18: Am Nachmittag

00:52:18: saß sie in ihrer E-Klasse

00:52:20: vor der Berliner Straße und sah

00:52:22: wie Juli

00:52:23: aus dem Haus kamen.

00:52:25: Die trug

00:52:25: ihren Turnbeutel bei sich.

00:52:26: Immerhin,

00:52:27: sie war zu leicht

00:52:28: bekleidet für ein Mädchen

00:52:29: ihres Alters.

00:52:30: Es war zwar frühsommerliches Wetter für Anfang Juni aber die Stadt war eben

00:52:34: voll von

00:52:34: Testosteron gesteuerten Kerlen

00:52:36: und Ella gab es sich im

00:52:37: Geiste den

00:52:38: Befehl

00:52:38: das Bemuttern heute mal sein zu lassen.

00:52:41: Sie schuppte in Riegel der Beifahrertür nach oben.

00:52:43: Juli setzte sich auf

00:52:44: die Rückbank.

00:52:46: Wie geht's dem Vater?

00:52:48: Juli blickte sie milde Lächeln über den Rückspiegel

00:52:50: an.

00:52:51: Seit sie der Schule verwiesen worden

00:52:53: war, blieb Juli den ganzen Tag

00:52:54: zu Hause.

00:52:55: Ella probte keinen Aufstand.

00:52:57: Sie hatte genug andere Baustellen und Stadtgespräch werden unter ihren Lehrerfreunden wollte sie auch nicht.

00:53:02: Wenn

00:53:03: du noch lange

00:53:03: hier belaufen im Motor stehst ne?

00:53:05: Dann denken

00:53:05: die Nachbarn ich werde eine Edelnutte und tu meine Puffmutter!

00:53:10: Ella nahm einen langen Zug an ihrer Lordextra und

00:53:12: fuhr zügig

00:53:13: los.

00:53:14: Niemand sprach,

00:53:15: Juli stach bloß

00:53:16: immer wieder ihre bösen Blicke

00:53:17: über

00:53:17: den Rückspiel in Ellas Augen

00:53:19: so penetrant

00:53:20: dass sie irgendwann

00:53:21: lachen musste.

00:53:22: Was ist denn so witzig?

00:53:24: Gar nix.

00:53:24: Dann is ja gut!

00:53:26: Demonstrativ

00:53:27: strahlte Ella

00:53:27: ihre Schwester an.

00:53:29: Du komm, mach's mir

00:53:30: doch nicht so schwer

00:53:31: Das wird dir gefallen.

00:53:33: Wie kannst du da so sicher sein?

00:53:34: Ein bisschen Bewegung hat noch

00:53:35: keinem geschadet.

00:53:37: Wenn mich einer dabei sieht den ich

00:53:39: kenne dann red' ich nie

00:53:40: wieder mit dir.

00:53:41: Weißt du das?

00:53:42: Da hatten sie was gemeinsam.

00:53:44: Auch Ella wollte nicht entdeckt

00:53:45: werden.

00:53:46: Darum hatte sie ja den Norbert

00:53:47: bekniet

00:53:48: Er möge ein gutes Wort

00:53:49: einlegen bei seinen Chefs

00:53:50: damit sie hier draußen

00:53:51: auf dem Gebiet der Amis ihren Sport machen konnte.

00:53:54: In der Fußgängerzone

00:53:55: gab es zwar

00:53:56: auch ein Aerobics

00:53:57: Studio, aber dort schlug

00:53:58: nie eine Frau unter fünfzig auf.

00:54:00: die Musik war entsprechend

00:54:01: vorgestrich und das Training Fahrt wie Schmore Gemüse.

00:54:04: Im Radio

00:54:05: sprach die Polizei

00:54:06: von vierhunderttausend Die Veranstalter von sechshundertausend Teilnehmern in Bonn.

00:54:10: Wie immer dachte Ella dürfte

00:54:12: die Wahrheit

00:54:12: in der Mitte liegen.

00:54:14: Sie stellte das Gerät

00:54:15: aus denn sie waren fast

00:54:16: am Ziel.

00:54:17: Direkt vor der Einfahrt stand ein im Kontrollhäuschen, ein grimmig dreinblickender amerikanischer Soldat.

00:54:23: Der aus allen

00:54:23: Wolken

00:54:24: fiel als Ella

00:54:25: ihre ID-Kart vorzeigte.

00:54:27: Drei, nein viermal wechselte sein Sauertopfblick von Ellas Passfoto zu ihrem Gesicht und zurück.

00:54:32: Er fragte nach Juli, brummte, nickte.

00:54:35: Dann legte er die

00:54:35: gestreckten

00:54:36: Finger seiner rechten

00:54:37: Hand an den Schirm seines Hutes

00:54:38: sagte

00:54:39: MAM!

00:54:40: Und öffnete die Schranke.

00:54:41: Sie waren drin.

00:54:43: Klein Amerika

00:54:45: So nannten die Leute

00:54:46: in Kaiserslautern dieses streng

00:54:47: bewachte Gebiet für US-Bilitärangehörige,

00:54:50: auf dem es alles gab was die Amerikaner brauchten

00:54:53: damit sie eine Zeit lang

00:54:54: vergaßen nicht in Amerika zu sein.

00:54:56: Einkaufszentrum, Bowlingbahn, Schnellrestaurant, Bars,

00:54:59: Klamottenläden, Buchladen,

00:55:01: Banken, Casino,

00:55:02: Kino.

00:55:02: sogar die Straßen hießen

00:55:04: Kansas Street

00:55:05: und Florida Loop.

00:55:07: Durch den Rückspiegel sah

00:55:08: Ella

00:55:08: wie Juli die schlechte

00:55:09: Laune entglitt.

00:55:11: Ihr standen die Augen offen

00:55:12: vor Erstaunen über die Cadillacs von dem Diner und die Blechern aus den Lautsprechern.

00:55:16: dringende Rock-A-Billy Musik.

00:55:18: Sind wir in die Fünfziger

00:55:19: zurückgereist?

00:55:21: Die wollen ihren Leuteile

00:55:22: Welt vorspielen, sagt Ella.

00:55:23: Das ist

00:55:24: wie bei uns mit den Heimatfilmen

00:55:25: aus den Fünfzigern, die immer noch im Fernsehen laufen und nur den Zweck

00:55:28: haben dass unsere Eltern die Nazi

00:55:30: Zeit verdrängen können.

00:55:32: Hier müsstest du mal mit der Oma herkommen.

00:55:34: Bist du das Wahnsinns

00:55:35: die arme Frau wieder Herzkarschberg kriegen!

00:55:38: Beide lachten sie über die ein und dieselbe Sache.

00:55:40: Das hat es ewig nicht gegeben.

00:55:42: Deshalb Ella beide

00:55:43: da übergriffig geworden wäre.

00:55:45: Nichts wollte sie in diesem Moment mehr als

00:55:47: ihre Schwester

00:55:48: fest in den Arm zu nehmen.

00:55:50: Julie schien das

00:55:50: zu ahnen, denn sie stiefelte voran in das

00:55:53: Gebäude

00:55:53: mit dem bunten Schriftzug Jim Tonic.

00:55:56: In der Umkleidekabine waren Sie allein weil die anderen Frauen

00:55:59: offenbar alle schon in der kleinen Halle waren.

00:56:02: Ella zog

00:56:02: sich ihren Gymnastikanzug über.

00:56:04: Der war schwarz,

00:56:05: so wie ihre Strumpfhose.

00:56:07: Und der war so

00:56:07: eng, dass

00:56:08: man jedes Fettpülstisch

00:56:09: hin sah.

00:56:10: Julie hatte sich für

00:56:10: diesen Schlabberlook

00:56:11: entschieden.

00:56:12: Sie trug eine graue Jogginghose einen grauen

00:56:14: Pullover und ein graues Stirnband.

00:56:17: Welcome Ella!

00:56:18: rief ihr die Kursleiterin

00:56:19: schon von weitem zu als sie den Trainingsraum betrat.

00:56:23: This is your sister beautiful girl.

00:56:26: Überall streckten

00:56:27: und

00:56:27: deten sich die schlanken

00:56:28: amerikanischen Frauen.

00:56:30: Die Farben ihrer Sportkleidung reichten von grellgelb

00:56:33: bis tiefrot.

00:56:34: Die Vortunnerin

00:56:35: trieb es auf die Spitze.

00:56:37: Unter ihrem goldfarbenen Spandex-Top

00:56:39: zeichneten sich ihre

00:56:39: Brustwarzen ab,

00:56:41: das irritierte

00:56:41: Ella

00:56:42: und während

00:56:42: der Übungseinheiten

00:56:44: wurde es nicht

00:56:44: besser.

00:56:46: Aus dem Kassettenrekorder kam sehr laute Tanzmusik

00:56:49: übertönt von den

00:56:49: Kommandos

00:56:50: dieser Frontfrau.

00:57:00: Ella liess

00:57:00: sich nicht aus

00:57:01: der Fassung

00:57:01: bringen, als Juli nach einer

00:57:03: Viertelstunde in der

00:57:04: Ecke saß.

00:57:05: Nein sie war hier um

00:57:06: fit zu bleiben

00:57:07: und das einzig

00:57:08: wirklich

00:57:08: störende

00:57:09: waren die vielen Spiegel.

00:57:11: Ella war es gewohnt sich von außen

00:57:12: mit dem

00:57:13: Blick anderer Leute zu betrachten aber nicht so!

00:57:16: Nicht der hat naturalistisch auf

00:57:17: den nackte

00:57:18: Realität

00:57:18: zurückgeworfen.

00:57:19: Das tat mehr weh als jede Dehnübung.

00:57:23: Sie hatten klein Amerika

00:57:24: schon wieder verlassen und steuerten

00:57:25: die Innenstadt

00:57:26: an, als

00:57:27: Julie es wieder

00:57:27: nicht lassen konnte Die erneut auf

00:57:29: der

00:57:29: Rückbank saß, wie eine Diva im Taxi

00:57:32: und mit Ella über den

00:57:33: Rückspiegel

00:57:34: kommunizierte.

00:57:36: Was war an die Tussis

00:57:36: so aufgekratzt

00:57:37: eigentlich?

00:57:39: Sind halt

00:57:39: Amerikanerinnen!

00:57:41: Ist dann wahrscheinlich doch

00:57:42: ein Synonym für Dummheit.

00:57:45: Kannst du nicht einmal

00:57:46: was Gutes

00:57:46: sagen?!

00:57:47: Du treibst mich in den Irrsinn!

00:57:49: Du hast mich doch mitgeschleift schon vergessen.

00:57:51: freiwillig hätte ich nie einen Schritte reingesetzt.

00:57:53: Was zur Hölle müssen wir tun damit

00:57:55: du zufrieden bist

00:57:56: Juli?

00:57:56: Was?

00:57:57: Wer ist denn bitte wir?

00:58:00: Ach, die Oma, der Vater, die Mira.

00:58:01: Wir alle

00:58:02: machen uns Sorgen um dich, Juli!

00:58:04: Was redest du da bloß?

00:58:05: Wo kriegt man die Tabletten

00:58:06: her?!

00:58:07: Juli, willst Du Dein Leben verpfuschen?

00:58:09: und wieso viele

00:58:10: bei uns in der Familie

00:58:11: in der unglücklichen

00:58:11: Ehe versauern im Azifiertelbleibe?

00:58:14: Red nicht

00:58:15: so über uns vor allem nicht über den Vater.

00:58:17: das habe ich Dir schon oft gesagt.

00:58:18: lasst die Überhebliche

00:58:19: Scheiße!

00:58:21: Du bist ja nur so aggressiv weil Dich recht hab'.

00:58:23: Manche aus der

00:58:24: Familie ist verloren

00:58:25: aber Du kannst noch ein anständiger

00:58:26: Mensch werden.

00:58:28: Du kommst

00:58:28: mir mit Anstand.

00:58:30: Jetzt sag ich dir

00:58:30: mal was, Ella.

00:58:31: Die Wahrheit ist doch

00:58:32: dass wir alle die

00:58:33: Schnauze gestrichen voll

00:58:34: haben von dir!

00:58:35: Du wirst

00:58:35: uns vor das mir nur die Hauptschul

00:58:37: gemacht haben.

00:58:37: Schön

00:58:38: an welchen Gimmie hast

00:58:39: du Abitur gemacht?

00:58:40: An welchem?

00:58:41: Du würfst uns vor, dass wir die falschen Partner

00:58:43: haben.

00:58:43: Wir hatten sich den Partner nach Einkommen und Vermögen ausgesucht.

00:58:46: Wer denn?

00:58:47: Du würfst UST VOR, dass man uns nicht genug

00:58:49: um die Mira kümmern.

00:58:50: Wer gibt's dich dann lieber mit seinen Bonzenfreunden ab als mit der eigenen Familie?

00:58:53: Wer denn, Ella,

00:58:54: wer?!

00:58:55: Sie schrie so laut, dass

00:58:56: Ehlers Ohren bebten.

00:58:57: Tränen stürzten ihr aus den Augen.

00:58:59: Binnen Sekunden sah sie alles verschwommen.

00:59:02: Daher fuhr sie an den Straßenrand,

00:59:04: hielt an,

00:59:05: Juli brüllte immer noch ihr Werden!

00:59:08: Und dann war es vorbei.

00:59:09: Ella schlug mit beiden Händen gegen's Lenkrad

00:59:12: Mit aller

00:59:12: Kraft und noch lauter schreiend als Juli.

00:59:15: Sie schrieren

00:59:15: Schmerzen hinaus

00:59:16: und hörte bestimmt zwei Minuten lang nicht auf.

00:59:18: damit So wütend und traurig war

00:59:20: sie

00:59:21: von der kleinsten Schwester

00:59:22: verachtet.

00:59:23: Dabei ging es nur um die Hilfe.

00:59:25: Nur um Hilfe

00:59:26: ging es ihr

00:59:26: und sonst nichts!

00:59:27: Sie wollte den Schwestern zur Selbsthilfe

00:59:29: verhelfen,

00:59:30: bloß hingen sie auch

00:59:31: mit drin in den Zwängen der

00:59:32: Welt von denen sie alle keine Ahnung hatten.

00:59:36: Ella konnte keine Regelverstöße sich erlauben, sonst flog

00:59:38: sie raus aus

00:59:39: diesem Milieu.

00:59:39: UND

00:59:41: dieses

00:59:41: Milieu

00:59:42: das verzieht keine Regel Verstöse.

00:59:44: Dann könnte sie den SchWestern aber

00:59:47: nicht mehr zur Selbst-Hilfe verhalten weil

00:59:49: Emporkömmlinge

00:59:50: wie Ella

00:59:51: Die erhielten nie, nie

00:59:52: einen zweiten Einlass.

00:59:53: Das musste den noch mal so langsam reingehen

00:59:55: in die Schädel!

00:59:56: In diese verdammten...

00:59:56: das war doch

00:59:57: nicht zu viel verlangt!

00:59:59: Langsam, sehr langsam beruhigten sich

01:00:01: beide.

01:00:02: Sie sahen einander

01:00:03: durch den Rückspiegel

01:00:04: in die Augen

01:00:04: schnaufend wie nach einem Boxkampf über zwölf Runden der unentschieden

01:00:08: gewertet worden war.

01:00:10: Wissend dass der Rückkampf kommen würde, kommen musste.

01:00:13: Irgendwann in nahezu

01:00:14: künft.

01:00:15: Ella klappte die Sonnenblende runter, sah

01:00:17: ihn ins Spiegel und brachte Fassong in ihr Gesicht.

01:00:20: Dann fuhr sie los, ohne noch ein einziges Wort mit Julie

01:00:22: zu

01:00:23: sprechen.

01:00:24: Sie würde schon verstehen

01:00:24: die Kleine und ihren Weg gehen – mit Ella!

01:00:28: Mit einem Mal

01:00:28: fühlte

01:00:29: sich das

01:00:29: alles für sie weniger an wie eine

01:00:31: Eskalation denn wie ein Aufbruch

01:00:33: als sie der

01:00:33: Abenddämmerung

01:00:34: entgegenfuhren

01:00:35: wie zwei ausgelaukte

01:00:36: Cowboys,

01:00:37: die im Western

01:00:38: in den Sonnenuntergang hineinreiten.

01:00:43: Noch mal Ella, die ja auch sehr zerrissene Persönlichkeit ist.

01:00:50: also

01:00:51: ich habe jetzt gerade bei der Verfilmung von Manson der Klasse

01:00:54: häufiger die

01:00:55: Rückmeldungen bekommen.

01:00:57: Diese Ella ist halt auch wirklich

01:00:58: ein bisschen arrogant.

01:01:02: Ich kann schon nachvollziehen, dass sie ist wie

01:01:05: sie ist.

01:01:06: Denn für sie ist das Ganze ja auch nicht leicht.

01:01:09: Man muss vielleicht dazu sagen ... Die Mutter dieser drei Schwestern ist früh gestorben.

01:01:15: Da war Juli noch ziemlich jung und dann war Ella aufgrund des Altersunterschieds so was wie ein Mutterersatz.

01:01:21: Sie hat sich zumindest so gesehen.

01:01:25: Eigentlich hatte

01:01:26: sie ja diese

01:01:26: Wurzeln schon ... Sie hat sie nicht gekappt,

01:01:28: aber sie hatte sich

01:01:29: da entfernt und wurde auf einmal wieder reingeschleudert.

01:01:32: Und sah sich verantwortlich dafür, dass aus den beiden jüngsten Schwestern irgendwie was wird.

01:01:38: Ja, das glaube ich, das kann einen Menschen auch richtig ... Es kann einen wirklich glatt zerreißen!

01:01:44: Und sie war mehrmals ganz kurz davor

01:01:46: über all

01:01:46: die Jahre.

01:01:47: Ich hab's in

01:01:48: meiner Kindheit später noch erlebt als sie dann wieder

01:01:51: aufgetaucht ist

01:01:53: Sie sich mit meiner Tante, Juli dann auch wieder gut verstanden hat

01:01:57: kurzzeitig.

01:01:58: Und dann

01:01:58: flogen aber

01:01:59: auch schnell wieder die Fetzen weil es auch darum ging

01:02:01: wie gehen wir eigentlich

01:02:02: mit den Kindern jetzt konkret um?

01:02:04: Der Christian soll sich da mal mehr darauf konzentrieren dass er hier auch bei der Zeitung schreiben will.

01:02:09: das

01:02:10: hat er doch gesagt.

01:02:10: und während meine Tante die meine Erziehungsberechtigte war die tante Juli

01:02:15: aber auch gesagt hat er darf aber

01:02:16: auch beim Matto unterrichtet fehlen

01:02:18: verstehst du das ist alles wichtig jetzt?

01:02:20: Und so sind immer wieder Gegensätze aufeinandergeprallt, bis ganz zum Schluss.

01:02:27: Bis meine Tante Ella die Echte im vergangenen Jahr leider verstorben ist.

01:02:33: Sodass Juli jetzt eigentlich die einzige Überlebende

01:02:36: ist

01:02:36: dieser Drei, denn für die auch nicht wissen, meine Mutter ist gestorben da war ich zehn Jahre alt und sie zweiunddreißig.

01:02:44: Das gehört eben

01:02:45: auch zur Tragik, dessen wie diese

01:02:46: Geschichte

01:02:46: dann weitergegangen ist.

01:02:47: Aber dieses Szene zwischen Ella und Julie war mir, ist mir dann auch besonders wichtig nicht nur weil sie zeigt das

01:02:54: auch mal wieder die

01:02:55: politisch die

01:02:56: Zeiten waren, wie politisiert sondern gleichzeitig auch nochmal dass da zwei Menschen zwanzig Jahre altes Unterschied aufeinandertreffen, zueinander streben, die eigentlich auch wenn man da zwischende Zeilen das merkt nicht mehr und nichts mehr wollen als dieses Samengehörigkeitsgefühl

01:03:14: auch zu

01:03:14: leben aber im Alltag immer wieder dran scheitern.

01:03:18: Und es hat eine

01:03:19: große Tragik.

01:03:20: was in diesem Buch ja ganz klar herauskommt ist dass alle diese drei Frauen hohe Intelligenz sind.

01:03:28: und was ich mir gut vorstellen kann ist dass Ella Wenn sie nicht in diesem Zwängen leben müsste, wenn sie einen anderen Weg hätte wählen können.

01:03:39: Vielleicht eine erfolgreiche Karrierefrau geworden wäre.

01:03:41: und ich glaube dass das etwas ist was einem Menschen egal ob man oder Frau eine schwere Würde auflegt wenn man sich unter seinem Wert ständig beweisen

01:03:52: muss.

01:03:53: Sie hat häufiger diesen Satz gehört den ich eben vorgetragen habe mit du wirst also uns vor dass mir hier Kann Abi haben, welches Abi hast du dann gemacht?

01:04:00: Oder dass

01:04:00: wir nur Hauptschulabschluss

01:04:01: haben.

01:04:02: Das hat sie nie jemanden ganz bewusst vorgeworfen aber es kam so an und dann kommt diese Retourkutsche

01:04:08: die

01:04:08: sich ganz

01:04:08: besonders schmerzt weil sie genau weiß und das ist einfach klar

01:04:12: Sie hätte

01:04:13: natürlich

01:04:13: auch dieses Zeug

01:04:13: gehabt.

01:04:15: Und ja Menschen neigen dazu.

01:04:17: ich bin bei mir selber merke ich das auch immer wieder.

01:04:21: Wir können

01:04:21: noch sehr Systemlogiken durchschauen scheinbar und irgendwie im Marx-Lese-Kreise rauf und runter

01:04:28: machen,

01:04:28: am Endeffekt werden wir Schuldgefühle ja trotzdem nicht los.

01:04:31: Und denken vielleicht nix hat doch in Wahrheit an mir dass

01:04:34: ich da gescheitert

01:04:34: bin.

01:04:36: Bei ihr ist es eben sehr eindeutig

01:04:37: auf die

01:04:38: Schranken der Gesellschaft

01:04:39: zurückzuweisen

01:04:40: gerade in ihrem Jahrgang.

01:04:41: Ist das einfach eine ganz andere Nummer gewesen?

01:04:44: Trotzdem hat

01:04:44: sie diese Schuldgefühl bis zuletzt nicht...

01:04:47: ist sie die nicht los geworden?

01:04:50: Das ist auch eine tragische Nummer, so sehr man es auch sagen konnte.

01:04:54: Aber immerhin konnte ich dann auch immer wieder mit ihr sprechen darüber was sie eigentlich faktisch

01:04:58: geschafft hat.

01:04:59: Also einfach

01:05:00: zu sagen dass ich das bei Lesungen jetzt auch immer weder sage wenn die ... Sie können sich vorstellen dass ich manchmal Schulterklopfer bekomme und Leute sagen hast du toll gemacht?

01:05:08: Du hast

01:05:09: es ja geschafft!

01:05:10: Und ich dann sage naja also

01:05:12: erstens was heißt das

01:05:13: schon?

01:05:14: Ich

01:05:15: hab einfach

01:05:15: dieses Glück gehabt dass ich da

01:05:17: durchkam, weil ich an den entstrechenden

01:05:19: Wegmarkten meines

01:05:19: Lebens Leute hatte.

01:05:21: Die mich gesehen haben und mich gefördert haben sehr aktiv in dem System

01:05:26: und außerhalb

01:05:26: des Systems.

01:05:27: Bei einem chronisch unterfinanzierten Jugendamt gab es irgendwann eine Betreuerin die gesagt hat, denen

01:05:33: pauke ich durch!

01:05:35: Und dann gab's Lehrerinnen, die gesagt haben ja das ist echt...die

01:05:39: Bedingungen

01:05:39: sind bescheiden aber

01:05:42: den pauk ich durch

01:05:44: Ging das immer weiter und in der Familie waren das eben Leute wie meine

01:05:47: Tante Ella,

01:05:48: die gesagt hat

01:05:49: den kriegen

01:05:49: wir durch.

01:05:50: Da

01:05:50: passiert nicht das was mir passiert ist was mein Schwestern passiert ist

01:05:53: Der wird.

01:05:55: ich sehe ja nicht sehr der will

01:05:56: unbedingt und wir kriegen das irgendwie hin Und sie haben es irgendwie hingekriegt.

01:06:00: und dass ist nicht in erster Linie mein Werk.

01:06:02: Das hat nichts mit Begabung Leistungen oder sonstwas zu tun.

01:06:06: So eine grundlegende Neugier

01:06:09: Eine Neigung

01:06:10: in eine bestimmte Richtung muss erkennbar und da sein, damit man helfen kann.

01:06:13: Aber ohne diese Hilfe geht es nicht!

01:06:15: Man kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen – das geht nicht.

01:06:18: Das ist eine Geschichte von Baron Menschhausen aber nicht von Christian Baron.

01:06:24: Den kriegen wir durch, das ist aber so ein Satz, den ich eigentlich viel mehr deiner Tande Juli zugeschrieben hätte.

01:06:29: Sondern diese Ella habe ich beim nächsten viel zu vieler erlebt auch aus dem ersten Buch.

01:06:35: also erst du beschreibst dass er dir einen Spiegel-Abo schenkt.

01:06:39: Ja!

01:06:39: Das finde ich schon sehr bemerkenswert wie weitsichtig und wie klug sie da gehandelt hat hier in den richtigen Moment an die Hand zu nehmen mitzunehmen ins Theater... ...ins...

01:06:48: Zu Lesungen

01:06:49: auch?

01:06:50: Aber nicht nur das, sondern

01:06:52: die hat

01:06:52: das nie überhüllt.

01:06:53: Das finde ich auch gut.

01:06:54: Im Nachhinein

01:06:55: ist mir das erst klar geworden.

01:06:57: Ich saß dann mit ...

01:06:58: Mit fünfzehn

01:06:59: Jahren saß ich im Freistunden in der Schule und hab den Spiegel gelesen.

01:07:05: Und dann kam ...

01:07:06: Ich weiß es noch genau, da kam mein Religionslehrer vorbei,

01:07:08: guckt

01:07:09: sich das an die Szenerie und ist

01:07:10: völlig fassungslos.

01:07:13: Er kann's nicht glauben!

01:07:14: Nicht nur weil er meinen Hintergrund kannte, sondern dass ein Fünfzehnjähriger da sitzt.

01:07:19: Heute ist es noch unwahrscheinlicher, weil wir Smartphones haben.

01:07:21: Aber dass da ein Fünfzehnjähriger

01:07:22: mit einem Spiegel sitzt...

01:07:24: Das war und das ist auch auf Sie zu sehen.

01:07:26: wie hätte ich denn sonst

01:07:27: überhaupt

01:07:28: daran geführt werden sollen?

01:07:29: Und dann

01:07:29: auch nach

01:07:30: so früh!

01:07:31: Das ist ihr

01:07:32: Werk.

01:07:33: und ja sie hat das besonders subtil gemacht eben, dass sie auch nicht gesagt hat

01:07:37: Übrigens, das

01:07:38: ist was ganz Besonders Tolles

01:07:39: Sondern

01:07:39: ja gesagt hier Damit du nicht immer nur die Sportbild

01:07:42: liest Hier gibt's

01:07:43: auch ein bisschen Politik drin Da

01:07:44: interessiert dich vielleicht

01:07:45: auch und die Wirtschaftszeiten und so.

01:07:47: und offenbarum, weil ich sonst die kleine Kommentarspalte unserer Lokalzeitung kannte.

01:07:55: Und die Bild-Zeitung hatte immer eine bestimmte Schlagseite.

01:07:58: Dann habe ich da mal Texte gehabt, die auch über fünf Seiten hinweg ein Thema behandelt haben.

01:08:06: Das war für mich wahnsinnig wichtig in meiner Entwicklung.

01:08:09: So sind es die Kleinigkeiten, die es dann machen.

01:08:12: Während man sich dann immer das abwehre und sage, nee ...

01:08:16: Das sind diese Dinge, die es bewirkt

01:08:18: haben.

01:08:19: Mein Wunsch ist eben ... Wenn ich eine Botschaft hab, dann ist es die, es soll nicht von solchen Zufällen abhängen!

01:08:25: Diese Gesellschaft funktioniert wie ein Lotteriespiel und das darf nicht sein.

01:08:29: Deswegen bin ich eher

01:08:30: das Beispiel

01:08:30: für den glücklichen Lotto-Gewinner der jetzt da sitzt und sagt,

01:08:33: nee, also

01:08:36: das was wir als Lottospiel

01:08:37: bezeichnen, ist ein Grundrecht, dass wir die Möglichkeit haben jeden geben,

01:08:42: wie das so

01:08:43: schön heißt, Gott, jetzt bin ich aber... Jeder

01:08:46: nach

01:08:46: seiner Versorgung.

01:08:50: Genau, jeder aus seiner Versongen, sondern dieser marxistische

01:08:52: Spruch

01:08:53: das eben wirklich allen nach ihren Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen dass diese Dinge nicht zu trennen sind voneinander Aber es wird ja permanent getrennt Und das ist der

01:09:02: Fehler.

01:09:03: Das hat's

01:09:04: Sogar meine Tante Ella immer wieder gewusst.

01:09:06: Es kann natürlich sein, dass das einfach

01:09:08: auch durchgetröpfelt

01:09:09: ist von der großartigen meiner Großmutter, dass diese

01:09:13: wichtigen

01:09:14: Erkenntnisse weitergegeben wurden.

01:09:16: Bisschen dazu, dass ich dann irgendwann ein Buch geschrieben habe, in dem der Klassenbegriff vorkommt und jetzt immer noch mal bei Lesungen hier ziemlich sicher nicht erklären darf, warum ich diesen altmodischen Begriff in einen Buchtitel genommen

01:09:32: hab.".

01:09:34: Es hört eben noch nicht auf.

01:09:35: Aber wir kommen immer wieder einen Schritt weiter, also ich meine eure Aufgabe ist das auch in meinem Bereich und dass irgendwann einmal das nicht mehr hinterfragt

01:09:44: wird

01:09:45: und wir alle dann einfach

01:09:46: sagen können ja wir haben eine Klassengesellschaft und die wollen wir überwinden

01:09:50: Punkt aus Ende

01:09:51: und deswegen reden wir auch drüber.

01:09:53: Die drei Frauen in deinem Leben sind ein wunderbares Beispiel dafür, dass Bildung etwas ist, was auch außerhalb der Schule passiert.

01:10:00: Zumindest Herzensbildung und woanders gelehrt.

01:10:03: Bei dir war es die Oma, die Omei der drei

01:10:05: Frauen ... Ja?

01:10:06: ... die wahrscheinlich alle gleich geliebt hat, wahrscheinlich aber nicht alle gleich behandelt haben.

01:10:14: Das kann man nicht, das halte ich eh für fatal!

01:10:18: Und alle drei haben einen ganz besonderen eigenen Weg genommen.

01:10:21: Der, das hast du jetzt schon mehrfach gesagt durch viele Höhen und Tiefen gekennzeichnet war.

01:10:25: Durch annähern und wieder wegstoßen, durch Vertrauen schenken ... Und wieder wegnehmen!

01:10:32: Wie war das Verhältnis zum Schluss oder in den ganz schwierigen Situationen?

01:10:37: Ja also gerade in dieser sehr wichtigen Phase für die beiden jüngeren Schwestern.

01:10:43: Das kann ich auch sagen, warum haben wir diesen

01:10:47: Titel...

01:10:48: Es gab schon einmal ein Werk des drei Schwestermähs von einem

01:10:52: Dichter, der ein

01:10:54: kleines bisschen bekannter ist als

01:10:56: ich.

01:10:56: Und ich habe lange überlegt, ob wir diesen Titel überhaupt

01:10:59: nehmen

01:10:59: sollten und das irgendwie

01:11:01: nach draußen hingedacht

01:11:02: wird.

01:11:03: Ohlitz, er holt sich jetzt

01:11:04: so einen Titel... Mein Verleger

01:11:05: hat gesagt

01:11:06: es ist halt der beste Titel!

01:11:08: Ich

01:11:08: hatte den im Exposé ursprünglich stehen als in klammern drei Schwestern in Klammern aktueller

01:11:13: Arbeitstitel

01:11:14: oder vielleicht

01:11:14: auch bestmöglicher Titel?

01:11:16: Es ist der Bestmögliche

01:11:17: deshalb

01:11:18: weil Mira

01:11:19: irgendwann einmal relativ früh in Berlin dieser Gedanke kommt.

01:11:22: Ich will alle nur nach Hause, da heißt es nicht nach Moskau sondern nach Kaiserslautern und dahin geht

01:11:27: sie auch zurück

01:11:29: nach ganz langen hin und her und dann sind diese drei wieder an einem

01:11:33: Fleck

01:11:34: und die Dynamik entfaltet sich dann eben wirklich auf eine sehr komplexe Art weil die Mira schwanger wird.

01:11:39: noch einmal

01:11:40: wo doch eigentlich

01:11:41: alle der Auffassung sind die muss jetzt doch nochmal die Schule fertig machen

01:11:45: Also diese Dinge,

01:11:46: die eigentlich in diesen klassischen Coming-of-Age-Geschichten gar nicht großartig vorkommen.

01:11:51: Weil es meistens in dieser Art von Geschichten vorausgesetzt wird, dass das in der Schule hat man vielleicht

01:11:56: mal Probleme

01:11:57: aber man kriegt den Abschluss schon.

01:12:00: Dass das eigentlich wenn man einer bestimmten sozialen Klassenfraktion angehört auch zum grundsätzlich existenziellen Problem werden kann, dass dann auch die Dynamik zwischen in der Familie so stark ins Wanken bringt, das wird kaum thematisiert.

01:12:13: Und hier war es mir wichtig,

01:12:14: dass auch noch mal mit dieser mütterlichen Figur Ella

01:12:16: durchzuspielen.

01:12:17: im Vergleich zu diesen beiden Jüngeren.

01:12:20: und ja ... Wie's ganz am Ende kam ist es natürlich klar, meine Mutter ist gestorben und die beiden haben sich dann zusammengerafft um die Kinder durchzubringen.

01:12:30: aber bis dahin war sie ein sehr steiniger Weg, der auch immer wieder mal tief ins Tal geführt hat.

01:12:36: Genau!

01:12:39: Es gibt eben eine Szene gegen Ende des

01:12:41: Textes,

01:12:42: da.

01:12:43: ich habe der Recherche für diesen Roman herausgefunden.

01:12:46: Das ist im Jahr in unserer Dreiundachtzig-Vierundachtzlich eine Inszenierung, eine Tscheche auf drei Schwestern inszenieren am Pfahlstheater in Kaiserslautern gehabt.

01:12:54: So

01:12:55: gleichzeitig hatte ich in meinem Notizbuch ganz viele Geschichten darüber wie es zwischen den Dreien zu sagen was ruhig zum großen Verrat

01:13:05: gekommen

01:13:05: ist.

01:13:07: Und da war natürlich die Versuchung sehr groß,

01:13:10: die drei

01:13:10: Schwestern in die drei Schwester zu schicken und das Theater zu einer großen Konfliktzone zu machen.

01:13:17: Dieses Kapitel heißt

01:13:18: Neue Männer braucht

01:13:19: das Land

01:13:20: aber es geht in dem Fall jetzt erst mal um die Frauen!

01:13:23: Das ausgerechnet Juli diesen Theaterbesuch

01:13:25: vorgeschlagen

01:13:26: hatte, das konnte man wirklich keinem erzählen.

01:13:28: Ella war überrascht gewesen

01:13:30: wie ein Kind

01:13:30: dass von seinen strengen Eltern eine Zuckerstange erhielt.

01:13:33: Letztlich

01:13:34: war es eher eine fixe Idee,

01:13:35: die Juli rasch

01:13:36: bereute aber nicht zurücknehmen

01:13:38: wollte.

01:13:39: Die drei Schwestern sehen sich die drei SchWestern am Pfeilstheater

01:13:42: an,

01:13:42: das klang doch logisch!

01:13:44: Mira war

01:13:44: früh

01:13:44: dran wie immer – sie wartete am Fackelbrunnen

01:13:47: mit

01:13:47: besten Blick

01:13:47: auf den Zugang zum Theater.

01:13:49: Schräg gegenüber lag die Kauffalle.

01:13:51: Um den roten Schriftzug

01:13:52: herum hingen Weihnachtsbeleuchtungen.

01:13:54: Die Leute kosteten den langen

01:13:56: Adventssammstag

01:13:57: bis zur letzten

01:13:57: Minute aus.

01:13:58: Mira wäre lieber in der Kauffallee

01:14:00: als hier, aber

01:14:01: sie musste

01:14:01: Julie und Ella eingefallen tun.

01:14:03: Sonst bekämen

01:14:04: die das nur wieder in den falschen

01:14:05: Hals.".

01:14:06: Also

01:14:06: würde sie

01:14:07: ihren Ungeborenen heute sein erstes

01:14:08: Theaterstück

01:14:09: zeigen, auch wenn er es nur hören konnte.

01:14:13: Sie trug

01:14:13: einen Jungen mit sich herum.

01:14:14: daran zweifelte Mira nicht.

01:14:16: das war bloß ein Gefühl

01:14:17: aber ein Sicheres

01:14:18: und vielleicht

01:14:19: war's auch

01:14:19: einfach ein starker Wunsch dass diesmal ein kräftiger Bub herauskommen mochte

01:14:24: keinen sensibelchen

01:14:25: wie die kleine Nunzia

01:14:27: Die von Anfang an

01:14:27: keine Chance gehabt hatte in einer Welt in

01:14:29: der solche Sensibelchen nicht vorgesehen

01:14:31: waren.

01:14:32: Auch hier nochmal

01:14:33: Klammer auf

01:14:34: Der Prolog dieses Buches, den

01:14:36: ich bei Lesungen sehr ungern vortrage, weil das sehr emotional ist für mich auch.

01:14:41: Es beschreibt eine Todgeburt die meine Mutter

01:14:44: neunzehnneunundsiebzig

01:14:45: hatte als sie selbst

01:14:47: erst

01:14:48: knapp sechzehn Jahre alt war.

01:14:51: Die Schwestern ließen auf sich warten weshalb Mira das Programm heftlas.

01:14:55: ganz vorne hatten Sie ein Bild gedruckt.

01:14:57: es zeigte

01:14:57: eine junge Frau die im Begriff war irgendwas in den Mund zu schieben.

01:15:01: Das konnte

01:15:02: eine Olive

01:15:02: sein oder

01:15:03: ein Stein, ein

01:15:04: Stück Schokolade oder eine

01:15:05: Gewerkugel.".

01:15:07: Der Innenteil begann

01:15:08: mit einer Inhaltsangabe.

01:15:09: In den drei Schwestern findet sich die

01:15:11: ausschließlich Darstellung

01:15:12: einsamer Erinnerungstrunkener

01:15:14: von der Zukunft

01:15:15: träumender Menschen.

01:15:16: Ihre Gegenwart wird erdrückt

01:15:18: von Vergangenheit

01:15:18: und Zukunft

01:15:19: ist Zwischenzeit –

01:15:21: Zeit des Ausgegrenztseins,

01:15:23: in der die Rückkehr in die verlorene Heimat

01:15:25: das einzige

01:15:26: Ziel ist.

01:15:27: Nun ja dachte sie, wenn es weiter nix ist?

01:15:29: Sie blätterte zur letzten

01:15:31: Doppelseite

01:15:32: und tatsächlich

01:15:32: fand sie

01:15:33: dort das Wort,

01:15:34: dass sie lieber

01:15:34: nicht gefunden hätte.

01:15:36: Spieldauer circa drei Stunden

01:15:38: Pause

01:15:38: nach dem zweiten

01:15:39: Akt.

01:15:40: Nichts am Theater verabscheute Mira mehr als Pausen.

01:15:44: Lieber blieb sie vier

01:15:44: Stunden in einem verstaubten Stück sitzen als ein paar Minuten im

01:15:47: Foyer zu schmoren

01:15:49: bei Sekt- und Honorationen

01:15:51: Die Sprechen wollten

01:15:51: über säumige

01:15:52: Miete am Kotten oder Gerüchte um Bettgeschichten des Oberbürgermeisters.

01:15:56: Beim Großteil des Publikums drängte sich Mira der Eindruck

01:15:59: auf, diese meist uralten oder zumindest uralt

01:16:01: wirkenden Leute sei nur der Pause wegen hergekommen um ihre

01:16:05: Kontakte in bessere Kreise

01:16:06: zu

01:16:06: pflegen oder

01:16:07: Präsenz zu zeigen

01:16:08: auf dem Boulevard der Eitelkeiten gelangweilter Fischgabelbürger.

01:16:12: Ob alles in Ordnung sei fragte

01:16:13: Julie

01:16:14: dabei sie gerade angekommen und als

01:16:16: Mira erschöpft

01:16:16: nickte hakte Julie sich unter und gab ihr mit einem Blick

01:16:20: zu verstehen

01:16:21: dass sie sich heute

01:16:22: Abend vor nichts zu fürchten brauchte.

01:16:24: Vor dem

01:16:25: Eingang wartete Ella an einem Standaschenbecher.

01:16:28: Sie trug

01:16:28: ihr Abendgleit in dunkelblau, damit gingen sie unter in der Masse an einfallslos

01:16:33: gekleideten

01:16:33: Damen.

01:16:34: Die drei Schwestern saßen im Paket Reihe zehn

01:16:36: Mitte.

01:16:37: Das war nicht die Premiumplätze das hieß

01:16:39: Nicht die teuersten was daran lag

01:16:41: dass Juli sie

01:16:42: von

01:16:42: Ralfs Vater bekommen hatte der als Hausmeister

01:16:45: In den Kulturzentrum

01:16:46: nebenan arbeitete

01:16:47: und dabei als Gefälligkeit

01:16:48: immer mal wieder von den Kulturfreunden im Haus

01:16:51: mehrere Karten

01:16:52: auf einmal bekam

01:16:53: fürs Pfeißtheater.

01:16:55: Wichtig war für Mira,

01:16:56: dass sie in der Mitte

01:16:57: bewahrt blieb

01:16:57: vor dem Spuckfontänen des Ensembles – denn eine Grippe

01:17:00: war das letzte womit sie ins letzte Schwangerschaftstrittel

01:17:03: gehen wollte!

01:17:04: Auch fand

01:17:05: Mira

01:17:05: die Möglichkeit

01:17:06: reizvoll

01:17:06: neben dem Bühngeschehen

01:17:07: zusätzlich

01:17:08: das

01:17:08: Publikum

01:17:09: beobachten zu können —

01:17:10: das große Hausboot

01:17:11: in seiner Mitte die

01:17:12: beste Sicht

01:17:12: auf Vorderleute

01:17:13: und Bühne.

01:17:15: Da war zum Beispiel dieser ältere Mann mit weißem Stoppelbad

01:17:17: im Paket Rechts Reihe

01:17:18: Fünf.

01:17:19: Anfangs noch lächelte

01:17:20: er, ob des vielversprechenden

01:17:22: Begins an dem Olga in einem schönen Salonsaas und zurück wollte nach Moskau.

01:17:26: zu Beginn

01:17:27: lagen die Schauspielerinnen auf der kalten Fläche ineinander gewickelt

01:17:30: wie ein einziger

01:17:31: unzertrennlicher

01:17:32: Körper.

01:17:33: langsam ganz

01:17:34: langsam krabbelten

01:17:35: die Frauen auseinander.

01:17:37: sie blieben sich trotzdem bedingungslos

01:17:38: ausgeliefert

01:17:39: so als hingen sie an unsichtbaren

01:17:41: Fäden Waren sie einander feindlich

01:17:43: gesinnt,

01:17:44: wollten sie

01:17:44: sich loswerden

01:17:45: oder miteinander verschmelzen.

01:17:47: Wer oder

01:17:47: was hinderte

01:17:48: sie nur

01:17:48: daran zu tun und zu lassen, was sie wollten?

01:17:51: Das waren alles Fragen die Mira schon in den ersten Minuten durch den Kopf rauschten!

01:17:55: Die Mine des Stoppelbars

01:17:56: versteinnerte

01:17:57: schnell

01:17:57: als auf der

01:17:58: Bühne einen Disput begonnen hatte

01:18:00: zwischen

01:18:00: den Frauen von denen die eine sich nach der großen Liebe sehnte, die andere lieber Hausfrau

01:18:05: geworden wäre als Lehrerin und

01:18:06: die dritte ganz

01:18:07: und gar desillusioniert

01:18:08: war.

01:18:09: Eine Ewigkeit verharte der Versteinderte Kerl in diesem Zustand aus,

01:18:13: bis das Lächeln zurückkehrte.

01:18:15: Allerdings erst nachdem ihm die Augen zu gefallen waren.

01:18:19: Da war aber auch diese

01:18:20: Dame

01:18:20: eine

01:18:20: Reihe dahinter – dank der Notausgangsleuchten,

01:18:23: die dieses schummrige

01:18:24: Atmosphäre

01:18:24: auf der

01:18:25: Bühne

01:18:25: zerstörten ließ sich von der Seite

01:18:27: ihr unablässiges

01:18:28: Nicken begutachten.

01:18:30: Gefiel

01:18:30: dieser Frau etwa wie die Figuren

01:18:31: so aufgekratzt

01:18:32: agierten

01:18:33: als hätte man Heinz Erhardt ausgebuddelt

01:18:35: und ihn mit Louis de Finness

01:18:36: zusammengebracht?

01:18:38: Während sich Masha's Ehemann eintönig ausdrückte, offenbarte ein genauer Blick auf die Dame was wirklich dahinter steckte.

01:18:45: Sie kämpfte gegen das Einschlafen!

01:18:47: Mirat hat

01:18:47: vor allem der Regisseur leid

01:18:49: weil

01:18:49: er hier offenbar den ehrenwerten

01:18:50: Versuch

01:18:51: unternahm den alten und wenig

01:18:52: vom Freiheitsdrang

01:18:53: der Jugend zu erzählen.

01:18:54: da wäre es

01:18:55: Erfolgversprechender gewesen

01:18:56: ein Rudel

01:18:57: Wölfe zur Vegetarien

01:18:58: zu machen.

01:18:59: Wie viele Leute

01:18:59: aus dem

01:19:00: Publikum an diesem Abend wohl in

01:19:01: vierzig

01:19:02: Jahren noch am Leben wären?

01:19:03: Viele dürften

01:19:04: nicht sein.

01:19:05: Da konnten die

01:19:06: sich auf der Bühne abrackern, wie sie wollten.

01:19:08: Die Leute verstanden nichts!

01:19:09: Sie schliefen ihre Zeit ab damit sie am Montag bei der Arbeit

01:19:12: oder

01:19:12: beim Einkauf in der Mannheimer Boutique sagen konnten, sie hätten sich ein Stück von Tschechow angesehen drei Stunden lang.

01:19:19: Die Dame war in der Pause

01:19:20: einer der ersten, die sich eine

01:19:21: Sektflöte sichern

01:19:22: konnte.

01:19:23: Mira, Juli und Ella standen meterweit entfernt.

01:19:26: Dank Ellas Bestellung

01:19:27: vor dem Vorstellungsbeginn waren sie mit Wein und Wasser versorgt

01:19:31: und hatten sich

01:19:31: Fensterwärts verkrochen.

01:19:33: Doch durch das Stimmengewirr hindurch barnte sich das Organ der Frau seinen Weg.

01:19:38: Die Frau

01:19:38: war begeistert

01:19:39: vom Bühnenbild

01:19:39: und Kostümen, weil es alles so authentisch

01:19:41: das Zarenreich

01:19:42: abbildet.

01:19:44: Überhaupt vielen in den Gesprächen,

01:19:45: die sich um die Inszenierung treten

01:19:47: – und das waren überraschend

01:19:48: viele –

01:19:49: Wörter wie Kraft

01:19:49: voll kraftlos

01:19:50: Schweinkram!

01:19:52: Und dann diese

01:19:52: immergleichen Sätze.

01:19:54: Wahnsinn, wie die das alles auswendig

01:19:56: können.

01:19:56: Interessant

01:19:57: aber ist das nicht auch für ihren Geschmack

01:19:58: zu modern?

01:20:00: Warum müssen sie so

01:20:00: schreien?!

01:20:02: Fandest du's Also,

01:20:03: undeutlich gesprochen.

01:20:05: Ein ellersuchenden Augenspieler sah Lars Mira ab, dass irgendwas nicht

01:20:09: mit ihr stimmte.

01:20:10: Die ganze

01:20:11: Zeit

01:20:11: wirkte

01:20:11: sie

01:20:11: schon nervös.

01:20:12: Unkonzentriert,

01:20:13: abwesend!

01:20:14: Sie wurde immer nervöser.

01:20:16: Ihre Hand fing sogar leicht zu zittern an, fast plätscherte

01:20:19: der Wein

01:20:19: aus ihrem Glas.

01:20:20: Da zwang sie sich

01:20:21: sichtlich zu einem Lächeln Denn diese

01:20:24: Duttfrau

01:20:24: kam direkt

01:20:25: auf die drei

01:20:25: Schwestern

01:20:26: zu...

01:20:27: ...Also der Sekt

01:20:28: war auch schon mal günstiger.

01:20:29: Da treibt uns bald

01:20:30: nicht mehr nur der Steuerstaat

01:20:32: in den Ruin.

01:20:33: So kahlauerte die Frau

01:20:34: schon aus der Entfernung.

01:20:36: Ella, meine liebe gute Ella!

01:20:38: Wie ist es dir gegangen?

01:20:41: Von einer ein

01:20:41: Minute zu anderen hatte Ella den Modus

01:20:43: gewechselt.

01:20:44: Ihre

01:20:44: Stimme klang

01:20:44: jetzt viel höher

01:20:45: als vorhin.

01:20:46: Sie agierte mindestens so aufgekratzt

01:20:47: und künstlich

01:20:48: wie

01:20:48: die Schauspielerin auf der Bühne.

01:20:50: Sie hielt

01:20:52: den Ellbogen der Frauen der Handfläche und versuchte

01:20:54: hinüber zur Theke zu

01:20:55: gelangen.

01:20:56: Doch die Frau blieb

01:20:57: steif und feststeh'n Und fixierte

01:20:59: Mira wie

01:20:59: eine Schlange, Die

01:21:00: vorhat ihr

01:21:01: Opfer zu lähmen.

01:21:02: Juli sah weg

01:21:03: so als wäre

01:21:03: die Frau nicht irgendeine Schlange Sondern Kaha aus dem Dschungelbuch!

01:21:07: Die Lähmungen Nicht nur durch Bisse

01:21:08: verursachen konnte, sondern

01:21:09: auch Durch Augenkontakt.

01:21:11: Zagen sie

01:21:12: gute Frau, Sie kommen hier so bekannt

01:21:13: vor!

01:21:15: Mira sagte

01:21:15: nix,

01:21:16: Ella schien innerlich

01:21:17: zu kollabieren.

01:21:18: Verraten sie Mirae Nachnamen?

01:21:21: Wagner...

01:21:22: Dachte ich es mir also, Sie waren mal Schülerinnen in der Klasse einer meiner

01:21:26: besten Freundin.

01:21:27: Erinnern

01:21:28: sie sich an die

01:21:28: Frau

01:21:28: Lomarck?

01:21:30: Auch das noch dachte Mira!

01:21:32: Sie

01:21:32: sah nach unten und spürte

01:21:33: dass Ella die Situation

01:21:34: noch unangenehmer war.

01:21:36: Wissen Sie, die gute Jutta

01:21:37: erzählt mir immer gern von Ihrem Alltag... ...und manche Ihrer Schützlinge sind ihr nach Feierabenden

01:21:42: Position

01:21:42: wert.

01:21:43: Dazu gehören Sie Frau Wagner.

01:21:45: Ich hab sogar

01:21:45: Fotos

01:21:46: von Ihnen gesehen.

01:21:48: Dann grüßen Sie die Frau Romark doch bitte vor mir sagte Mira, die die Faust hinter ihrem Rücken balte.

01:21:54: »Das werde

01:21:55: ich Frau Wagner!

01:21:55: Das werde

01:21:56: ich!« glückste die Frau,

01:21:57: die auf Miras

01:21:57: Bauch

01:21:58: starte

01:21:58: und dann doch sagte was sie sich offenbar

01:22:00: eigentlich

01:22:01: verkneifen wollte.

01:22:03: »Wenn ich richtig sehe sind Sie gute

01:22:04: Hoffnung!

01:22:05: Mein Glückwunsch!

01:22:06: Alle Achtung in Ihrem Alter!

01:22:08: Das dürfte in Ihren Leben eine neue Richtung bringen.

01:22:10: Und da wird die gute Jutta sich auch freuen wenn ich das erzähle.

01:22:13: ja?

01:22:14: Das wird sie!

01:22:15: Warum zur Hölle tat

01:22:16: sich kein Loch im Boden auf, in das Mira springen konnte?

01:22:19: Ella wäre ohne Zögern gefolgt.

01:22:22: Sicher freuen Sie sich auf die Zeit mit dem Kleinen!

01:22:24: Es gibt nichts

01:22:24: Schöneres als sich um

01:22:25: einen Säugling zu kümmern und

01:22:27: achten sie drauf dass ihr Mann auch mal ein wenig mithilft

01:22:30: ne?

01:22:30: Sie sind doch eine moderne Frau oder nicht?

01:22:33: Ja Pissbötte

01:22:34: Mira darauf werde ich schon achten was der mitmacht.

01:22:37: Was macht

01:22:38: ihr mein beruflich?

01:22:38: wenn

01:22:39: ich fragen

01:22:39: darf?

01:22:40: Es klingelte

01:22:41: zum zweiten

01:22:41: Mal, das Publikum

01:22:42: trabte zurück

01:22:43: in den Saal geschlossen und gleichförmig wie Arbeiter in die Fabrik.

01:22:46: Die Dame blieb

01:22:47: stehen wie angewurzelt – sie war noch

01:22:49: nicht fertig

01:22:49: hier!

01:22:51: Ich denke wir sollten dann, sagt Ella, sonst machen die

01:22:53: ohne uns

01:22:54: weiter.".

01:22:55: Die Dame tat

01:22:56: so als hätte Ella nichts gesagt und redete weiter auf Mira ein.

01:22:58: Wissen Sie?

01:22:59: Die

01:22:59: Ella und ich kennen uns schon über unsere Ehemänner ewig.

01:23:02: Mein Mann ist Professor für Ingenieurwesen an der Universität

01:23:06: Das freut mich, sagt Imhira

01:23:08: die eine peinliche Pause entstehen ließ.

01:23:10: Gerade wollte Ella los.

01:23:11: da sprach die Frau

01:23:12: sie noch mal an.

01:23:13: nun

01:23:13: sag Ella in welchem Verhältnis stehst du zu den kreizenden

01:23:15: jungen Damen hier?

01:23:17: Das sind

01:23:18: Fingen Sie an kurz

01:23:19: nur zögern

01:23:21: das sind Praktikanten

01:23:22: im Betrieb

01:23:22: meines Mannes.

01:23:23: Da werden gerade Helfen der hände gebraucht

01:23:25: bei der Auftragslage nicht wahr?

01:23:27: Juli stand der Mund

01:23:28: offen.

01:23:29: Die Dame lächelte freundlich, wünschte Mira und Juli noch viel Freude beim Praktikum und ging zurück

01:23:34: zu ihren Begleiterinnen

01:23:35: die raschen Schritte ins große

01:23:36: Haus

01:23:36: zurückkehrten.

01:23:38: Ella stammelte

01:23:38: Unverständliches

01:23:39: sie fühle

01:23:40: sich nicht besonders

01:23:41: und müsse jetzt

01:23:42: gehen.

01:23:42: Sie machte Anstalten, die beiden zu umarmen

01:23:45: entschied sich im letzten Moment um und verließ das

01:23:47: Theater

01:23:48: ohne sich nochmal umzudrehen.

01:23:59: Wieso ein schweren Satz?

01:24:01: Gebe ich aber die Diskussion frei.

01:24:08: Es ist so, mir ging's auch so.

01:24:10: Weil ich hab geagnet und gedacht ... Oh, war ja ...

01:24:13: Ich sag in solchen Fällen immer gerne, ähm... Ich habe durchaus Verständnis für Ella.

01:24:20: Das ist

01:24:20: eine Sache die dann ein bisschen ... weil eigentlich denkt man, die Sache ist sehr eindeutig.

01:24:26: Aber ich erkenne mich natürlich auch in manchaler Hinsicht wieder.

01:24:31: Bei mir haben sich solche Dinge nicht in dieser Form aber ähnliche Arroganz-Ignoranz Verleumdungsanfälle haben sich durchaus

01:24:41: auch abgespielt, als ich

01:24:42: angefangen habe zu studieren in der Universität.

01:24:45: Ich wollte nicht dass man weiß wo ich herkomme

01:24:47: am Anfang und allein dafür.

01:24:50: das ist ja auch ein gewisser weise das ist nicht nur in gewisser Weise das ist hier auch ein verrat

01:24:53: aktiv dass ich

01:24:55: mir mein dialekt ich hab bis zum abitur ja mussten mich meine lehrerin und Lehrer eigentlich.

01:25:02: Wenn es noch ein Lauf gewesen wäre, hätten sie mich wahrscheinlich geprügelt.

01:25:04: Damit ich das Standarddeutsch spreche.

01:25:06: Aber ich hab immer im Dialekt mich ausgedrückt mündlich

01:25:08: und an der Uni war's

01:25:09: schlagartig vorbei damit.

01:25:11: Einfach nur weil ich wusste

01:25:12: dass

01:25:12: in der Pfalz ... Das ist in Schwaben vielleicht gar nicht so wahnsinnig viel anders.

01:25:16: In der Pfals ist es

01:25:17: sehr stark

01:25:18: negativ konnotiert.

01:25:19: Also macht das lieber nicht.

01:25:20: Es schickt sich nicht so.

01:25:23: Ja dann wollte ich natürlich ... Ich habe abends mit Leuten zu

01:25:25: tun

01:25:25: gehabt deren Eltern eher Nichtmöbelpacker waren.

01:25:29: Die konnten das gar nicht nachvollziehen.

01:25:32: Dann wollte ich

01:25:32: lieber

01:25:33: in Kognito

01:25:34: sein, am liebsten.

01:25:35: Ich wollte

01:25:35: es so wie die Reset-Taste

01:25:37: drücken eigentlich und ich fange jetzt nochmal bei Null an.

01:25:39: was aber falsch ist.

01:25:41: wir

01:25:41: sind ja

01:25:42: mit neunzehn

01:25:42: Jahren die ich damals war da bist du schon noch nicht ausgereift In deiner Persönlichkeit aber schon eigentlich sehr sehr weit Und Das ist gewiss dass auch ein Verrat Und deswegen kann ich zumindest nachvollziehen dass

01:25:56: so etwas passiert

01:25:57: ist

01:25:57: also

01:25:58: die Dinge, die in der Realität geschehen sind zwischen der echten Tante Ella und meiner echten Mutter.

01:26:04: In dieser Hinsicht ist das hat meine Mutter so

01:26:06: tief gekränkt

01:26:07: also dass sie noch auf ihrem Sterbebett kaum bereit war mit ihrer ältesten Schwester zu reden.

01:26:16: Sie haben sich immer wieder zusammengerauft aber es blieb bis zum Schluss.

01:26:21: Weil

01:26:23: sie hatte ja diese Sicht

01:26:28: Mo sich interessiert.

01:26:29: Sie hat

01:26:30: ein wahnsinnig

01:26:30: wacher Kopf, sie hat

01:26:32: in ganz vielerlei Hinsicht Lasten getragen die viele andere nicht zu tragen hatten und hat sich dann da wahnsinnigt zurückgesetzt gefühlt

01:26:40: was ich

01:26:41: auch wiederum verstehen kann.

01:26:42: ja also dass ich in der Lage bin beide Seiten zu verstehen dafür bin ich eigentlich jetzt dankbar weil ich natürlich bis vor ein paar Jahren auch noch gedacht habe

01:26:50: Da hast du dich nicht so doll

01:26:51: verhalten aber ich konnte mir der echten Tante Ella hier auch darüber reden.

01:26:54: Also sie hat mir ihre eigene Zerrissenheit schon auch mal in Worte fassen können und ich habe mich dann darin wiedergefunden.

01:27:00: Und gesagt, du warst ein paar Jahre älter als ich und hast eine andere Art von

01:27:04: Milieuwechsel hingelegt

01:27:06: wie ich ihn auch hingelegt hab.

01:27:07: aber

01:27:08: das wichtige ist nicht

01:27:10: dass du da mal Fehler gemacht hast sondern dass du das

01:27:13: jetzt

01:27:13: einsiehst und dass du uns... Du hast ja dann im Endeffekt

01:27:16: doch

01:27:17: sozusagen zu deinen Leuten gestanden

01:27:19: weil sie

01:27:20: Aber

01:27:21: das darf man auch nicht vergessen.

01:27:22: Meine Geschwister sind ja auch ihren Weg gegangen, also nicht den, den ich gegangen bin sondern auf ihre Art und Weise dass sie zum Beispiel als Eltern oder in ihren Berufen aufgehen.

01:27:32: Sie haben

01:27:33: dann nicht Abitur gemacht aber das ist ja jetzt nur nicht muss ich euch auch nicht sagen jetzt nicht das Entscheidende, sondern entscheidend ist, dass man ein Leben führt indem man keine Not leidet und indem man das machen kann was man möchte.

01:27:45: und Das ist das Werk dieser Frauen.

01:27:48: Das sagte ich

01:27:49: ihr immer wieder bis zum Schluss.

01:27:50: Und ich hoffe

01:27:51: doch sehr, dass diese Schuldgefühle, die sie

01:27:55: hatte auch am Ende ... zumindest als es gleichrangig war damit.

01:27:58: Diese Schuldgefühl ist hier nie losgeworden.

01:28:01: Es war natürlich auch extrem schwer.

01:28:03: Seine Mama ist so früh gestorben, hätten Sie mehr Zeit gehabt?

01:28:07: Hätten Sie vielleicht einen Weg gefunden, sich zu verzeihen?

01:28:11: Deine Mama-Herr-Hörer-Schwester.

01:28:12: Ja,

01:28:13: meine Tante Juli

01:28:14: hat auch diese

01:28:14: ... Sie hatten auch die Größe, sich dann irgendwann mal auszusprechen.

01:28:19: Und

01:28:20: sie sind

01:28:21: sozusagen da im Frieden voneinander geschieden.

01:28:23: Das was bei meiner Mutter, die eben Anfang dreißig war und die Wunden noch so

01:28:27: frisch waren

01:28:28: nicht unbedingt möglich gewesen ist.

01:28:33: Geht's halt ihr dran?

01:28:36: Tief berührt sitzen sie vor uns!

01:28:38: Also ich seh es wirklich in den Augen, wir gings beim Lesen so... ...und als wir vor einem zusammen saßen und den Abend ein bisschen vorbereitet haben, hab' ich auch gedacht Es ist so ein Geschenk dieses Buch dass sie uns da gemacht hat.

01:28:49: Ich finde, das ist ein Geschenk.

01:28:53: Es zeigt so viel Größe und so viel Wärme bei allem was ins Leben so schief gegangen ist.

01:28:59: Das ist schon besonders!

01:29:01: Ja, es ist

01:29:02: natürlich ein Anliegen... ich bin gerade wieder sehr stark in diesem Text drin weil wir morgen Probenstart haben am Pfeilstheater.

01:29:12: Da sind wir wieder am Pfeilstheater, denn die drei Schwestern von Tschechow waren da schon oft.

01:29:16: Aber die drei Schwester von mir, die kommen jetzt in der Bühnenfassung dort

01:29:20: gespielt, die ich selber geschrieben

01:29:22: habe – das ist natürlich eine ganz tolle Sache und ich hab' jetzt nochmal dadurch, dass ich das ja auch nochmals zähnig umarbeiten musste diese Konzentration auf die Kernkonflikte nochmal wahnsinnig viel von diesen drei Figuren gelernt, diesen drei Menschen gelernt Und dafür bin ich wiederum wahnsinnig dankbar.

01:29:43: Das ist ja für mich dann wiederum ein Geschenk!

01:29:46: Wir haben hier eine Meldung.

01:29:48: Ja, wenn

01:29:50: ich schon die Gelegenheit habe... Was hat nun das jetzt mit ihr gemacht?

01:29:53: Diese Theologie ist jetzt auch schon ein bisschen länger her, dass du sie abgeschlossen hast.

01:29:58: Aber trotzdem weil dieser erste Band, da hab' ich viele Interviews mit dir lesen,

01:30:02: was ein wahnsinniger Aufriss,

01:30:05: so in seiner ganzen Existenz irgendwie zu blicken und seine ganze Familiengeschichte zu blücken.

01:30:10: Und dann schließt man das irgendwann ab

01:30:12: und sagt,

01:30:14: das ist eine Übergang zur Frage.

01:30:17: Sagt man dann jetzt auch mal gut?

01:30:18: Also sozusagen, jetzt habe ich irgendwie über

01:30:21: Jahre

01:30:21: Seelenschau von mir selbst betrieben.

01:30:24: Ist es für dich jetzt auch einmal abgeschlossen oder hast du das Gefühl, dass es ein Prozess der wirklich Ehe begleiten wird?

01:30:32: Ja, begleitet mit mich der Prozess auch weiterhin aber ich

01:30:35: werde jetzt

01:30:35: erst noch nicht mehr

01:30:36: darüber schreiben.

01:30:37: Ich hab das nachdem ein Mann seiner Klasse doch ein Überraschungserfolg, also es war nicht klar, dass ich noch mal einen weiteren Buchvertrag bekomme.

01:30:45: Den habe ich dann bekommen und dann auch gleich zwei weil ich gesagt habe, ich möchte gerne das zu einer Trilogie machen, weil ich die Perspektiven der Generationen alle abbilden will, die ich persönlich überblicken kann.

01:30:56: Da hab' ich mir eben das okay von meinem damals noch lebenden Großvater

01:31:01: geholt, der gesagt hat jo

01:31:02: schreibst du was schönes über mich?

01:31:05: Und eben

01:31:06: von den beiden Tanten, die auch noch sagen konnten... Wir vertrauen dir, macht das.

01:31:11: Aber für mich war dann von Anfang an in dem Moment, als ich entschieden habe auch klar mit dieser Trilogie ist es dann auch

01:31:16: gut.

01:31:17: Ich

01:31:18: möchte weiterhin

01:31:20: meinen Themen treu bleiben.

01:31:21: Der Roman, an dem ich jetzt schreibe hat nichts mit Kaiserslautern zu tun.

01:31:24: Er hat nichts, mit meiner Familie zu tun aber er hat weiterhin mit den Leuten zu tun die meine sind also meine eigenen Klassenfraktionen aus der ich stamme Die Menschen, die ja ... Den Laden am Laufen halten wie wir immer so schön sagen Aber die Grenzen gesetzt bekommen von einem politischen System, das

01:31:46: nicht vorsieht.

01:31:47: Dass solche Menschen

01:31:48: aus sich selbst heraus

01:31:49: ein glückliches Leben führen

01:31:50: können und dass so viel kann ich jetzt sagen.

01:31:52: es ist ein Gegenwartz Roman in absoluter Gegenwart-Romanen den ich jetzt schreibe.

01:31:57: also ich gehe auch nicht in die Vergangenheit wie ich das bisher immer gemacht habe.

01:32:00: Ich bin jetzt sehr

01:32:01: stark an der akuten Gegenwart der sozialen Frage in der Gegenwart interessiert.

01:32:06: Das

01:32:07: ist auch wahnsinnig wichtig im Augenblick und ja deswegen sage ich, ich habe damit abgeschlossen aber irgendwie auch doch nicht.

01:32:14: Weil das verfolgt mich dann weiterhin und ich hab diese Bücher nicht geschrieben weil ich Seelenschau betreiben wollte.

01:32:24: Dafür gibt es Psychotherapeuten

01:32:25: die das sehr viel besser können als ich als Autor mit selber zu therapieren.

01:32:30: Ich habe das ja vor allen Dingen gemacht weil ich darin eine ästhetische aber auch gesellschaftspolitische Dimension jeweils gesehen habe.

01:32:37: Und da ...

01:32:39: das bewirkt.

01:32:40: Da bewirken

01:32:40: die Lesungen für mich, auch die Theaterfassung, die ich noch hab, wo es weitergeht, da merke

01:32:46: ich.

01:32:48: Ich habe in meinem Leben den Beruf des Zeitungsredakteurs gelernt und schreibe gerne dann immer

01:32:53: saftige

01:32:54: Leitartikel geschrieben im Freitag und so.

01:32:59: Damit habe ich nicht so viel

01:33:00: bewirked

01:33:00: wie mit den Romanen, mit denen ich unterwegs bin.

01:33:03: Dann kommen manchmal Leute zu mir, hier wird mir das wohl nicht passieren klassischen Literaturhäusern oder so, dass dann Leute zu mir kommen und sagen ... Sie haben dem was ich auch aus meiner FAZ kenne mit Zahlen und Daten und Kurven.

01:33:16: Dass die Armut und die soziale Ungleichheit immer größer

01:33:19: wird.

01:33:20: Sie haben dements mal konkrete Geschichten gegeben, Gesichter

01:33:23: gegeben.

01:33:23: Und das ist wichtig für mich.

01:33:27: Manchmal kommt es sogar als Leute zu mehr kommenden Sachen.

01:33:29: Ich hab mein Liebtag

01:33:30: CDU gewählt,

01:33:31: das mach'

01:33:31: ich nicht mehr.

01:33:33: Das ist

01:33:33: natürlich das Allerschönste!

01:33:38: Ich sag da natürlich immer, denken Sie genau drüber nach.

01:33:40: Ob sie jetzt zur

01:33:41: SPD wichst?

01:33:47: Ich höre das jetzt und okay trotzdem habe ich gerade gedacht aber eine Figur in deiner Familie könntest du es aber schon noch mal an widmen.

01:33:59: Ja, wer denn?

01:34:00: Was sind einige?

01:34:01: Aber...

01:34:02: Ich erwefe, ich hab so deine Uhr im Blick.

01:34:07: Ja?

01:34:07: Natürlich habe ich Bock darauf.

01:34:09: Das ist ja gar keine Frage.

01:34:11: Es kann sein, dass ich irgendwann mal sage ...

01:34:14: Also das würde dann

01:34:16: so laufen wie das mittlerweile im Serienformat im Fernsehen oder im Streaming-Gilsten läuft.

01:34:21: Ich mach dann halt ... es ist ein Spin Off.

01:34:22: nochmal!

01:34:25: Denen ist aber glaube ich schwer zu sein könnte.

01:34:27: Gerade diese Generation Eine Frau, die über neunzig geworden ist.

01:34:31: Wie gesagt, ich kann es noch mal sagen.

01:34:32: Schön ist die Nacht, habe ich begonnen.

01:34:34: Das ist die Geschichte der

01:34:35: Großeltern und ... Ich hab mich dann so intensiv mit meiner Urgroßmutter beschäftigt,

01:34:41: dass ich gesagt hab, das ist so wichtig!

01:34:44: Sie war

01:34:44: eben einfach auch wichtig

01:34:46: für sowohl

01:34:47: ihre Kinder als auch ihre Enkelkinder.

01:34:49: Das erklärt

01:34:50: mir, das hat mir so viel Erleuchtung gebracht.

01:34:54: Warum ist

01:34:55: diese Juli?

01:34:55: So wie sie ist?

01:34:56: natürlich

01:34:57: hat das ganz viel damit zu tun und auch dass wir uns einfach mal immer wieder klar machen wenn man in dieser apokalyptischen Stimmung sind und uns auch das immer wieder nochmal sagen

01:35:07: Es war

01:35:08: eben kein Automatismus Dass die Weimarer Republik im Nazi-Regime aufgeht.

01:35:12: Nein!

01:35:13: Das war es nicht.

01:35:14: Ganz eindeutig

01:35:15: nicht Und das ist dort eine lebhafte kommunistische

01:35:19: Partei

01:35:20: gab, dass es eine großartige Sozialdemokratie ganz am Anfang noch gegeben hat.

01:35:25: Das darf man dann auch nicht vergessen.

01:35:27: natürlich

01:35:27: wir

01:35:28: dürfen auch also das diese Wege dann so ging wie sie sind mit dem ersten Weltkrieg und dem

01:35:32: Folgen den

01:35:32: da hatte... eine Geschichte,

01:35:36: das auf Oma Hulda

01:35:37: zu münzen.

01:35:37: Und so sagen wir erzählen

01:35:39: diese Geschichte jetzt

01:35:40: ganz klar von unten.

01:35:41: Das ist natürlich ne Sache über die ich ganz viel nachdenke und die mich auch umtreiben würde.

01:35:47: aber ich muss jetzt für mich ganz persönlich glaube ich auch als Autor erst mal sagen Ich muss die Bagage jetzt mal beiseite lassen

01:35:54: Könnte es doch aber so eine Brücke schlagen?

01:35:56: Also ich betrachte...ich bin Jahrgang sixty-fünf und ich betachte mit sehr viel Sorge wie Die Generation nach mir, die übernächste vielleicht schon ist Einschub unsere Tochter zum Glück nicht ausrufe sein.

01:36:13: Aber alles das was wir als Frauen erkämpft haben manchmal fast mit Füßen treten.

01:36:22: Mir geht der Feminismus verloren den Kampf um Frauenrechte und das was Wir Erwungen haben dass es auch bleibt.

01:36:29: Und ich habe vorhin so gedacht Das war sie aber Deine Uroma, eine Feministin.

01:36:37: Das Interessante ist ...

01:36:39: Ich würde beide Hände ins Feuer legen dafür, dass sie sich nie so bezeichnet hätte.

01:36:42: Aber sie war's!

01:36:44: Im Gegensatz

01:36:44: zu sehr vielen, die sich heute so bezeichnen.

01:36:46: Genau,

01:36:47: vielleicht wäre das ja ... Du hast auch so zoologisch studiert?

01:36:50: Vielleicht wär das sozusagen mal ein Weg von der Bagage hin zum Feminismus.

01:36:55: Am

01:36:57: Beispiel, der.

01:36:57: Mir fällt

01:36:58: jetzt gerade noch was ein, weil ich grade eine ganz tolle Biografie

01:37:00: über die

01:37:01: Autorin Irmgard Keun gelesen habe

01:37:03: von Tobias Lehmkuhl

01:37:05: und dann habe ich mir parallel noch Interviews mit ihrem

01:37:07: Godcoin.

01:37:07: Es gibt ein

01:37:08: paar, da kann man sich auch eins anhören als Hörbuch... Und da wird sie auch darauf angesprochen!

01:37:13: Frau

01:37:13: Cohen ist ja...

01:37:14: Also die ist jünger als Oma Holter gewesen.

01:37:17: Sie hat zwanzig geboren aber

01:37:20: In den Neuzerzehnten

01:37:20: geboren, also zehn Jahre jünger ungefähr.

01:37:22: Aber

01:37:23: die Generation und sie wird

01:37:25: Frau

01:37:25: Cohen sagen Sie mal da war sie

01:37:26: siebzig,

01:37:27: also Anfang der achtziger Jahre auch.

01:37:29: Frau Cohen, sagen Sie Mal!

01:37:30: Sie waren doch eine Feministin.

01:37:32: Sie haben sich Dinge erlaubt, die man sich als frau oder in einer warmen Republik

01:37:35: als Autorin, bekannter

01:37:37: AutorInn

01:37:38: nicht hätte

01:37:38: erlaufen.

01:37:39: Und

01:37:39: sie

01:37:39: geht

01:37:39: sofort dazwischen

01:37:41: und sagt Sie war zwar

01:37:45: in Berlin geboren,

01:37:46: aber dann in Köln aufgewachsen.

01:37:47: Was man ihrem schönen rheinländischen Singensang noch anhört ...

01:37:51: In diesem Ding.

01:37:51: und dann

01:37:52: sagt sie eben wirklich, dass er sich gegen diesen Begriff zur Wehr

01:37:55: setzen möchte.

01:37:56: Und das hat sie schon den Achtzigerjahren gesagt.

01:37:59: Weil sie sagt nee da geht's ja eher nur darum,

01:38:02: sich zu profilieren

01:38:03: mit irgendeinem Wort.

01:38:05: Ich hab einfach gemacht was ich wollte und hab mir Verbündete gesucht um das durchzusetzen.

01:38:11: Wenn sie das

01:38:11: Feminismus nennen wollen,

01:38:13: dann nennen

01:38:13: Sie es Feminismus.

01:38:14: Aber

01:38:15: ich würde es nicht so sagen!

01:38:16: Weil der Feminist sagt, das finde ich interessant... Die Männer werden als das reine Böse

01:38:23: bezeichnet

01:38:24: und da gehe ich nicht mit, kann ich Ihnen sagen?

01:38:27: Das sind Sätze wo du denkst ja oft,

01:38:29: das sagt halt irgendein Coin, das hat doch nicht irgendjemand.

01:38:35: Die war im Exil in den vierziger Jahren mit, hat eine Beziehung mit Josef Roth

01:38:39: gehabt.

01:38:39: Und die hat diese ganzen Typen ja kennengelernt.

01:38:42: Sie hatte mit denen allen zu tun gehabt, mit Egon Erwin-Kisch und wem auch immer.

01:38:45: Da war da die Frau in dieser Regel und hat sich da behauptet und sagt dann aber ...

01:38:50: Ja, vierzig Jahre später

01:38:52: solche Sätze.

01:38:54: Das finde ich hochinteressant, weil wir uns heute immer so stark an Begriffen festhalten und sagen was bin

01:38:59: ich

01:38:59: eigentlich?

01:38:59: Was ist denn meine

01:39:00: Identität?

01:39:00: Ich bin Feministin oder Männer die sich die Fingernägel lackieren und im Park sitzen und sagen, ich bin Feminist.

01:39:08: Und andere, die dann sagen... Ich bin Anti-Rassist!

01:39:12: Du bist

01:39:12: Anti-Dass aber du bist

01:39:14: ja für nicht Anti-Das.

01:39:15: also dass wir

01:39:15: über

01:39:15: Begriffe streiten müssen um die Sache gehen sollte.

01:39:18: das können wir von Oma Holter und ihrem Gatkoin

01:39:20: sehr gut lernen glaube ich.

01:39:21: Ich

01:39:22: würde gerne mal kurz

01:39:23: fragen,

01:39:24: die Julie hat ja noch

01:39:25: so eine

01:39:25: Art Mission oder Auffassung ein bisschen.

01:39:30: Sie hatte ja so irgendwie die Idee da, die Mira und den Ottis auch ein bisschen auseinanderzubringen.

01:39:35: Und das nimmt ihr

01:39:35: schon... Streich mal das ein bisschen!

01:39:37: Ja,

01:39:38: also es nimmt ja schon ein bisschen Raubengug ein.

01:39:41: Ich wollte einfach nochmal so fragen ist das jetzt mehr Fiktion als Fakt?

01:39:44: Weil das war ja schon eine Art Plan, wenn sie auch

01:39:46: mit ihrer Energie verfolgt hat.

01:39:47: Man versucht da auf verschiedenen Wegen die Mira so'n bisschen vom Ottis... äh ich sag's So drängen oder dass sie einen anderen Weg einschlägt und

01:39:58: so.

01:40:00: Was schlägt da dahinter?

01:40:01: Und was findest du da vermitteln, wenn es doch mehr Funktionen gibt?

01:40:05: Ja also

01:40:05: in einem Mann seiner Klasse eine der Szenen die eins zu eins aus der Realität abgeschrieben sind.

01:40:11: Da gibts nicht viele aber das ist eine.

01:40:12: Da sitzt der Christian, der erwachsene Christian

01:40:17: wo's mal ins

01:40:17: Eingemachte geht mit der

01:40:18: Whiskeyflasche

01:40:19: geht rum mit Tante Juli und fragt sag mal hast Du meinen Vater echt von Anfang an gehasst!

01:40:24: Und sie sagt

01:40:24: einfach nur Joa Von Anfang an.

01:40:28: Und es ist nie weniger geworden.

01:40:30: Warum eigentlich?

01:40:33: Fragst du mich wirklich,

01:40:33: warum?

01:40:35: Du schreibst doch

01:40:36: da deine Romane

01:40:36: drüber!

01:40:38: Also aus Ihrer Sicht war

01:40:40: das nie eine Frage

01:40:40: dass dieser Typ

01:40:41: nicht der Richtige

01:40:42: für sie ist.

01:40:43: und es ist eben so.

01:40:44: die

01:40:44: Todgeburt von der ich am zu Beginn dieses Romanz erzähle,

01:40:47: die

01:40:48: fand neunzehntneunzebzig

01:40:49: statt.

01:40:50: meine Mutter ist ungewollt schwanger geworden Ein Mann, den sie abgöttlich geliebt

01:40:56: hat.

01:40:56: Der

01:40:57: gar nicht so viel

01:40:58: älter war als sie.

01:40:59: Aber

01:41:00: na ja ...

01:41:01: In meinem Buch ist es ein Italienischer Sohn eines italienischen sogenannten Gastarbeiters.

01:41:05: In Wahrheit war's

01:41:06: eben der Sohn des türkischen sogenannen Gastarweiters.

01:41:10: Diese Schande, das ging nicht und dieser Junge wurde.

01:41:12: die Mutter und die Eltern haben dann gesagt wir ziehen hier weg.

01:41:15: Die sind relativ schnell weggezogen weil also Kaiserslautern ist eine Stadt mit etwa hunderttausend Einwohnern.

01:41:22: Das ist jetzt kein

01:41:22: Dorf.

01:41:24: Aber es ist auch

01:41:26: nicht unbedingt die

01:41:27: große Metropole,

01:41:28: d.h.,

01:41:28: das sprechen

01:41:28: sich Dinge rum und dann ist diese Familie da weggezogen und sie war von diesem Jungen

01:41:34: getrennt.

01:41:35: Und in diesem Moment

01:41:37: trat der Ottes

01:41:38: auf den Plan, der in der Nachbarschaft gewohnt hat und hat seine Chance

01:41:41: gewittert.

01:41:42: Und Juli, meine Damen, die war drei Jahre jünger und hat das alles mit gekriegt und gesagt ne,

01:41:47: Freundchen!

01:41:48: Ich weiß ja...

01:41:49: Lesen Sie schönes die Nacht, dann wissen sie mein Opa

01:41:52: väterlicherseits was das

01:41:54: für ein Typ war.

01:41:55: Und meine Tante hat gesagt

01:41:56: ne

01:41:57: der kommt aus dieser Familie, der darf nicht meine Schwester haben!

01:42:01: Das geht nicht.

01:42:03: und so hat sich von Beginn an dagegen gearbeitet und ist bis heute der Überzeugung dass es der falsche Mann war.

01:42:08: Kleine tolle Geschichte am Filmset.

01:42:13: Ein Mann seiner Klasse wird verfilmt in Kaiserslautern.

01:42:15: da habe ich meine tante zum ersten Mal mit zum Set

01:42:17: genommen

01:42:19: als Kneipenszenen gedreht

01:42:20: wurden.

01:42:21: In einer Fußballkneipe gucken sich alle

01:42:23: das Spiel FCK

01:42:24: gegen Borussia Dortmund an, entstand sechs zu drei.

01:42:27: nach Verlängerung und in der Pause

01:42:30: des Ganzen kommt der Schauspieler Leonhard Kunz, der den Vater spielt raus.

01:42:34: meine Tante kommt auf ihn zu.

01:42:35: ich sage ja das

01:42:36: ist er, der spielt den!

01:42:38: Und dann ruft sie ihm ohne ihn was sagst du?

01:42:41: Du bist viel zu hübsch für dieses Arschloch.

01:42:45: Das war

01:42:45: die Begrüßung, so hat Leonhard Kunz meine Tante kennengelernt.

01:42:49: Ja das beschreibt

01:42:50: glaube ich und ich bin trotzdem noch nicht richtig dahintergekommen vielleicht muss man das auch gar nicht

01:42:56: warum dieser

01:42:57: Hass von Beginn an so unglaublich groß war und sich nie verändert hat.

01:43:01: weil es nicht auch da beim Republik

01:43:04: Nazi Reich

01:43:05: nicht automatisch dieser Mann der in einer

01:43:09: gewaltvollen beziehungsweise

01:43:12: dem Vater

01:43:13: aufwächst.

01:43:13: Das ist ja

01:43:14: kein Automatismus, das er dann auch so wird und er war ja am Anfang nicht wirklich so ... dass es so gekommen ist, das gibt ihr gewissermaßen recht aber es war nicht von Anfang an vorgegeben.

01:43:25: Ja, auch da hatte sie irgendwie ein Gespür.

01:43:29: Aber im Endeffekt hat es ja,

01:43:32: das beschreibt ja auch glaube ich der Text dazu geführt, dass es die

01:43:36: beiden eher noch weiter zueinander treibt als dass

01:43:38: es sie

01:43:39: voneinander fernhält.

01:43:41: Und das ist ... Ja, es ist mein Vater.

01:43:44: Das heißt ich hab einen anderen Blick darauf.

01:43:45: Ich bin der Sohn, der darauf schaut und meine Tante hat

01:43:49: ihr absolutes Recht diese Sichtweise

01:43:51: zu haben.

01:43:52: Sie kam auch lange nicht klar mit meinem ersten Buch.

01:43:55: Ein Mann seiner Klasse, sie hat das gelesen und gesagt, dein Vater kommt mir so gut

01:44:00: weg?

01:44:01: Das geht nicht!

01:44:02: Das ist

01:44:03: nicht meine Wahrheit, das geht nicht.

01:44:05: Irgendwann kam

01:44:05: sie dann, ja du hast das Buch, es is deine Geschichte, dein Buch

01:44:11: hat es auch

01:44:11: in ihr gearbeitet, aber zu dem Satz das er konnte ja manchmal doch ein guter Kerl sein.

01:44:16: Hat sich noch nicht durchregen

01:44:32: können.

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